Wie mit Demenz umzugehen ist

Weil die Menschen immer älter werden, nimmt die Zahl der Dementen zu. Wie damit umgehen? Bund und Kantone haben dazu eine Strategie entwickelt, und in St. Gallen beschäftigt sich ein Kongress mit dem Thema.

Richard Clavadetscher
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Heute leben 50 Prozent der Menschen mit Demenz zu Hause, und die Betreuung ist Familiensache. (Bild: ky/Caro/Ponizak)

Heute leben 50 Prozent der Menschen mit Demenz zu Hause, und die Betreuung ist Familiensache. (Bild: ky/Caro/Ponizak)

Was Demenz ist, wissen heute die meisten Leute – mindestens in groben Zügen. Bei gegenwärtig rund 100 000 Betroffenen in der Schweiz ist dies auch nicht anders zu erwarten.

Bescheidener ist das allgemeine Wissen allerdings, wenn es darum geht, zu benennen, was diese Krankheit für Folgen hat – Folgen nicht nur für die davon Betroffenen, sondern auch für ihr Umfeld, für das Gesundheitswesen und damit für die Gesellschaft insgesamt. Diese Folgen werden heute von einer breiten Öffentlichkeit wohl noch immer unterschätzt, und dies obwohl die Demenz bereits heute in der Schweiz jährliche Kosten von um die sieben Milliarden Franken verursacht, drei Milliarden allein für die Pflege. Tendenz steigend.

Anpassungen nötig

Es sind wohl nicht zuletzt diese Kosten, die die Gesundheitspolitiker im Land aufgeschreckt haben. So verabschiedeten denn Bund und Kantone vor wenigen Tagen im Rahmen des «Dialogs Nationale Gesundheitspolitik» eine «nationale Demenzstrategie» für die Jahre 2014 bis 2017. Das Bundesamt für Gesundheit und die Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren haben erkannt, dass das Gesundheitswesen – unabhängig von seiner heute anerkannt hohen Qualität – Anpassungen braucht an die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz und ihrem Umfeld. Denn weil die Menschen immer älter werden, wird auch die Zahl der Dementen zunehmen.

Menschen, die an Demenz erkranken, leiden an Gedächtnisstörungen; in einer späteren Phase verlieren sie zunehmend ihr Orientierungsvermögen und ihre Kommunikationsfähigkeit, werden mit der Zeit hilfsbedürftig und am Ende oft vollständig pflegebedürftig. Die Krankheit ist zurzeit nicht heilbar, der Verlauf kann allenfalls stabilisiert oder verlangsamt werden. Dies berücksichtigend, haben Bund und Kantone in der nun verabschiedeten Demenzstrategie vier Handlungsfelder benannt und neun Ziele formuliert.

Bevölkerung sensibilisieren

Als notwendig erkannt ist etwa die bessere und adressatengerechte Information über das Wesen dieser Erkrankung. Bis hinunter in die Gemeinden sollen laut Strategie Informationsveranstaltungen für das Thema sensibilisieren. Niederschwellige Informations- und Beratungsangebote für Betroffene und ihre Angehörigen werden ebenfalls ins Auge gefasst. Für die Erkrankten selber ist der Bedarf an qualitativ hochstehenden und bedarfsgerechten Versorgungsangeboten erkannt – von Angeboten etwa, die Angehörige tagsüber und nachts entlasten können. Weiter sind regionale Kompetenzzentren geplant. Zudem ist die demenzgerechte Versorgung in Akutspitälern und in der Langzeitpflege laut dem Papier an den Bedarf anzupassen und zu fördern. Auch sollen vermehrt demenzspezifische Aus- und Weiterbildungen in den Gesundheits- und Sozialberufen angeboten werden.

Pflegewissenschafterin Susi Saxer von der Fachhochschule St. Gallen hat an der Formulierung der nationalen Demenzstrategie mitgearbeitet. In der Schweiz fällt das Gesundheitswesen in die Kompetenz der Kantone. Die nun formulierte Strategie zeige ihnen konkret auf, was sie zu tun hätten – und vor allem, dass sie etwas zu tun hätten und dafür auch Geld bereitstellen müssten, so Susi Saxer. Zwar gebe es bereits schon Angebote in den Kantonen, diese müssten jedoch überprüft und allenfalls angepasst werden.

Die Schweizerische Alzheimervereinigung nimmt die formulierte Strategie von Bund und Kantonen in positivem Sinne zur Kenntnis. «Sie zeigt den Handlungsbedarf gut auf und definiert wichtige Ziele», sagt Susanne Bandi, bei der Vereinigung für die Kommunikation zuständig. Viel hänge nun jedoch davon ab, ob die Kantone diese Strategie auch konsequent umsetzten.

Auch eine Kostenfrage

Vor welche Herausforderungen die Krankheit Demenz die Öffentlichkeit noch stellen wird, lässt sich indes erahnen, wenn Susanne Bandi in die Zukunft blickt: «Heute leben 50 Prozent der Menschen mit Demenz zu Hause, und die Betreuung ist Familiensache.» Wie aber werde dies in Zukunft sein, wenn doch die Zahl der Einpersonenhaushalte immer mehr zunehme? Wer betreue dann die Erkrankten, wenn da keine Angehörigen mehr zur Verfügung stünden – weil sie etwa weit weg wohnten?

Kommt die ausserfamiliäre Betreuung ins Spiel, ist es bis zur Kostenfrage nicht weit. Dazu sagt die nun formulierte Demenzstrategie nicht viel. Allerdings fordert sie angemessene Entschädigung und gleichzeitig finanzielle Tragbarkeit der zu erbringenden bedarfsgerechten Leistungen. Wie dies in Einklang zu bringen ist, sollen noch zu erstellende Analysen aufzeigen. Pflegewissenschafterin Susi Saxer sagt es so: «Wofür wir wie viel Geld ausgeben, ist auch ein gesellschaftlicher Entscheid. Dafür aber braucht es zuerst einmal genügend fundierte Information.»

«Praxis trifft Wissenschaft»

Ganz im Sinne der Demenzstrategie von Bund und Kantonen ist nun aber zweifellos, was der Fachbereich Gesundheit der Fachhochschule St. Gallen morgen Mittwoch durchführt: Er hat einen Kongress zum Thema Demenz organisiert. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, die künftig jährlich stattfinden soll, stehe die Verbindung von Erfahrungswissen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, sagt Susi Saxer: «Praxis trifft Wissenschaft – Wissenschaft trifft Praxis.» Am Kongress gehe es darum, die Teilnehmenden über den aktuellen Stand des Wissens im pflegerischen Bereich in Kenntnis zu setzen – umgekehrt aber auch vom Praxiswissen der Teilnehmenden zu profitieren, sagt sie.

Wie sehr die Hochschule mit dieser Veranstaltung ein Vakuum zu füllen scheint, zeigt sich nicht zuletzt an der Resonanz auf die Ausschreibung: Nicht weniger als rund 1000 Teilnehmende haben sich angesagt. Bei näherer Betrachtung kann dies allerdings nicht weiter verwundern: Mit dementen Menschen hat ja längst nicht nur das Personal von Alters- und Pflegeheimen zu tun. Vielmehr sind auch etwa Spitex-Dienste betroffen – oder Akutspitäler. Denn: «Auch Demente brechen sich einmal ein Bein oder haben einen Herzinfarkt», so Susi Saxer.

Anderseits zeigt die grosse Zahl der Teilnehmenden nicht zuletzt, dass bei den Fachkräften der Wille besteht, den an Demenz Erkrankten optimale Pflege zukommen zu lassen.