«Unter Druck setzen und Geld sparen»

ST. GALLEN. Der St. Galler Historiker Stefan Sonderegger unterstützt die Kritik an der neuen Förderungspraxis des Schweizerischen Nationalfonds für Publikationen. Dieser nimmt Stellung zur Petition der Schweizer Wissenschaftsverlage.

Regula Weik
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Schluckt das Netz die Bücher? (Bild: fotolia)

Schluckt das Netz die Bücher? (Bild: fotolia)

«Der Schweizerische Nationalfonds versucht, die Geistes- und Sozialwissenschaften unter Druck zu setzen und damit Geld zu sparen», sagt Stefan Sonderegger, Historiker und Leiter des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St. Gallen. Er erlebe das bei Editionsprojekten. «Ausschreibungen werden so kurzfristig terminiert, dass eine Teilnahme für viele nicht mehr möglich ist. Das ist unsauber.»

Sonderegger reagiert auf die Kritik von Ulrike Landfester, Prorektorin der Universität St. Gallen, an der neuen Praxis des Nationalfonds bei der Förderung von Publikationen (Ausgabe von gestern). Und er teilt ihre Einschätzung. «Ich sehe aus Sicht der Autorinnen und Autoren auch ein rein demokratisches Problem. Sie müssen auch künftig die Freiheit haben, zwischen einer gedruckten und einer elektronischen Hauptversion wählen zu können. Das eine schliesst das andere ja nicht aus.» Er kenne dies von den hiesigen Editionen (Chartularium Sangallense und Rechtsquellen). «Wir machen beides – gedruckt und elektronisch.» Sonderegger verneint nicht, dass die Zukunft der Grundlagenpublikationen im digitalen Bereich liege. «Das ist gut so, denn Editionen sind Materialsammlungen.»

Wichtig für Wahrnehmung

Anders sei es bei Reihen wie «St. Galler Kultur und Geschichte». Sie existiert seit 1971 und wird von Staatsarchiv und Historischem Verein des Kantons St. Gallen getragen. Die Reihe enthält wissenschaftliche Beiträge zur st. gallischen und ostschweizerischen Geschichte, Archäologie, Denkmalpflege, Kultur- und Kunstgeschichte. «Solche Reihen sind wichtig, damit die Ergebnisse der Forschung in der breiten Gesellschaft wahrgenommen werden», sagt Sonderegger. «Dabei spielt das gedruckte Buch, seine Gestaltung, das Haptische und all das damit sinnlich Verbundene eine wichtige Rolle.» Solche Druckwerke sollten nach wie vor «volle Unterstützung erfahren – auch vom Nationalfonds».

Nicht für die Branche gedacht

Der Nationalfonds hat inzwischen auf die Petition der Schweizer Verlage im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften reagiert. Er habe die Wissenschaftsverlage an zwei Treffen angehört und ihre Anliegen berücksichtigt – soweit sie sich mit seinen Förderungszielen «vereinbaren lassen». Der Nationalfonds finanziere Publikationen mit öffentlichen Geldern; es habe daher nicht sein Ziel sein können, alle Forderungen der Verlage zu erfüllen. Der Nationalfonds anerkenne die Rolle der Verlage, Publikationen aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In der Leistungsvereinbarung mit dem Bund habe er sich verpflichtet, wissenschaftliche Publikationen «möglichst ohne Zeitverzug weltweit und kostenlos» zugänglich zu machen. Sein Mandat beschränke sich auf den öffentlichen Zugang und die Verbreitung von Forschungsergebnissen und lasse «keine Unterstützung der Verlagsbranche als solche» zu.

Mit 1,6 Millionen unterstützt

Der Schweizerische Nationalfonds hat vergangenes Jahr 134 wissenschaftliche Publikationen mit insgesamt 1,6 Millionen Franken unterstützt.

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