«Sie hat unsere Herzen erobert»

Linus Brändle und Franziska Benz Brändle leben mit zwei eigenen fünf- und siebenjährigen Kindern, einem Pflegekind und zwei Eseln in der Stadt St. Gallen. Das vierjährige Pflegekind ist körperlich sehr beeinträchtigt.

Brigitte Schmid-Gugler
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Die Familie beim gemeinsamen Mittagessen. Im Vordergrund die schwerbehinderte Thea mit ihrer Pflegemutter Franziska Benz Brändle. (Bild: Ralph Ribi)

Die Familie beim gemeinsamen Mittagessen. Im Vordergrund die schwerbehinderte Thea mit ihrer Pflegemutter Franziska Benz Brändle. (Bild: Ralph Ribi)

Sie hatten auf den Anruf gewartet. «Man sagte uns, es gehe um eine kurzfristige Plazierung. Ein Kleinkind mit Entwicklungsstörungen. Eine Woche später nahmen wir dann das Hämpfeli mit uns nach Hause», erzählt Franziska Benz. Die Plazierung war durch die Vormundschaftsbehörde, heute Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), erfolgt. Das war vor gut zweieinhalb Jahren.

Thea* ist in ihrem Stehtisch installiert, die Beinchen in Schienen, auf Bauchhöhe ein Tischchen und auf dem Tischchen ihr Essen. Ihre grossen blauen Augen und ihr spontanes Lachen dämpfen ein ganz klein wenig die Betroffenheit über die grossen körperlichen Beeinträchtigungen des Kindes.

Immense Aufgabe

Die Familie sitzt am Mittagstisch. Fabio, der Erstklässler, erzählt vom Schwimmunterricht, und die fünfjährige Zora vom Chäferlispiel im Turnen. Theas linkes zartes Händchen, zartgliedrig und klein wie das eines kaum einjährigen Kindes, führt in langsamen und hochkonzentrierten Bewegungen die Stücklein der Lasagne zum Mund. Die Pflegeeltern und die beiden Kinder sprechen immer wieder auch Thea an, egal, ob diese gleich reagiert oder nicht. «Die Kinder sind grosse Helfer», sagt Franziska Benz, «sie beziehen Thea ganz selbstverständlich mit ein und haben keine Berührungsängste. Für sie ist Theas Behinderung kein Hindernis, mit ihr herumzublödeln und ihr Spiele vorzuschlagen.» Stunden später wird Thea auf dem Rücken am Boden liegend dabeisein, wenn Fabio auf dem Tablet seines Vaters eine Runde Flipper spielen darf. Wenn man ganz nahe an sie herantritt, hört man, wie sie immer wieder murmelt: «I will au.»

«Wir erleben Thea als kognitiv clever und fit, was unter anderem heisst, dass sie genau weiss, wie sie was erreicht. Und sie kann auch trötzeln», schmunzelt deren Pflegemutter.

Sehr bald, nachdem das Paar Thea zu sich genommen hatte, mussten sie feststellen, dass es nicht bloss um eine Retardierung, also um eine verlangsamte Entwicklung ging. Sie wandten sich an die Beiständin und das Ärzteteam, welches Thea betreut. Die Ausführungen von Letzteren waren ebenso deutlich wie ernüchternd: Thea würde aufgrund ihrer Beeinträchtigungen für unabsehbare Zeit intensiv betreut, therapiert und gepflegt werden müssen. «Wir mussten uns das gut überlegen und abwägen, ob wir dieser Aufgabe gewachsen sind, denn sie setzt eine grosse Verbindlichkeit voraus», sagt Linus Brändle. Sie entschieden sich dennoch für Thea, was bedeutete, dass das dritte Kind mit seiner aufwendigen Pflegebedürftigkeit künftig eine zentrale Rolle spielen würde. Ein Glücksfall für Thea, die in einer ganz normalen Familie aufwachsen darf und nicht, wie es den allermeisten Pflegekindern mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen ergeht, in einer entsprechenden Institution untergebracht wurde.

Logistische Herausforderung

Der Grundstein für die «Sozialpädagogische Familie», wie Brändles ihr Haus nach der Bewältigung sämtlicher gesetzlicher Hürden nennen, wurde mit der Übernahme des Bauernhauses gelegt. Als frisch verheiratetes Ehepaar waren die aus dem Kanton Bern zugewanderte Kauffrau und Sozialpädagogin Franziska Benz und der als Stellenleiter der Fachstelle kirchliche Jugendarbeit des Bistums St. Gallen tätige Theologe Linus Brändle auf Spaziergängen öfter an dem seit acht Jahren unbewohnt gewesenen Haus vorbeigekommen.

Auf eine Antwort auf den Brief, den das Paar an die Ortsbürgergemeinde als Besitzerin der Liegenschaft schickte mit der Frage, ob diese zu erwerben sei, warteten sie sechs Monate. «Dann ging plötzlich alles sehr schnell. Innerhalb von zwei Wochen mussten wir unser Konzept für Umbau und künftige Nutzung des ausserhalb der Bauzone stehenden Hauses einreichen», schildert Linus Brändle, der nach der Schule mit einer Banklehre ins Berufsleben eingestiegen war.

Anfragen bei Sozialämtern hätten rasch ergeben, dass es an Plazierungsmöglichkeiten für Pflegekinder mangle. Und Franziska Benz, deren Eltern ebenfalls Pflegekinder betreut hatten, fühlte sich gleich von der gemeinsamen Idee angetan, ein Kleinkind, welches sich altersmässig in die Geburten der eigenen Kinder eingliedern konnte, in die Familie aufzunehmen. Nach langwierigen Abklärungen erhielt das Ehepaar aufgrund bester beruflicher Qualifikationen und einschlägiger Erfahrungen die Bewilligung für die Dauer- oder Notfallplazierung von zwei Pflegekindern.

Franziska Benz befreit das Mädchen, das weder selber stehen noch sitzen kann, aus seiner vertikalen Lage, wickelt es im Nebenzimmer und legt es in eine Schaumstoffschiene, die Beinchen wiederum angeschnallt. Vor einem halben Jahr musste die Vierjährige einen massiven medizinischen Eingriff über sich ergehen lassen. Der zeitliche Ablauf der Wochentage bedeutet eine logistische Herausforderung: Therapien zu Hause und im Spital; Schul- und Kindergarten-Rhythmus der eigenen Kinder; Haushalt, Einkaufen, Eselstall misten; Termine mit Reha-Technikern, welche die verschiedenen Hilfsmittel bis hin zum Rollstuhl regelmässig anpassen müssen; Supervisionen; Gespräche mit Ärzten und Behörden; Verfassen von Berichten. An einem Morgen pro Woche darf Thea die reguläre Spielgruppe im Quartier besuchen. Die beiden Leiterinnen hätten sich spontan bereiterklärt, das Kind aufzunehmen – ein weiteres Highlight für Thea.

Gelebte Barmherzigkeit

Seine Frau bilde mit ihrem Know-how und ihrer Hingabe das «Herzstück» des Familienbetriebes, dessen Ablauf einer Managementaufgabe gleichkomme. In der Betreuung des Pflegekindes betrachte er sich selber eher als «ehrenamtlichen» Mittäter, sagt Linus Brändle. Der 52-Jährige arbeitet beim Bistum mit einem 70-Prozent-Pensum.

Die anspruchsvollen Aufgaben bestünden darin, immer wieder zu hinterfragen, was im Rahmen der familiären Bedingungen vertretbar sei. Es gelte, die eigenen Kinder und deren Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren. Die eigenen Grenzen und sich gegenseitig als Partnerin/Partner zu spüren. Hilfe annehmen zu können, «sich selber gegenüber barmherzig zu sein», formuliert es die 47jährige Franziska Benz. «Mich interessiert dabei weniger der theologische und moralisch konnotierte Begriff», ergänzt Linus Brändle, der sich als Freigeist versteht. «Barmherzigkeit erhält für mich dann Gültigkeit, wenn sie im Alltag gelebt wird. Es kommt darauf an, worauf ich zum Wohl eines anderen Menschen verzichten kann, ohne die Angst, zu kurz zu kommen. Das setzt die Frage voraus, wozu ich mich berufen fühle. Eine Gabe ist immer auch eine Aufgabe – und auch ein Geschenk.» Will heissen, es komme auch viel zurück – von den eigenen Kindern, von Thea und von einem engen und unabdingbaren Netz von zugewandten und hilfsbereiten Menschen – Eltern, Freundinnen und Freunden, Nachbarn, von den Mitgliedern des gegründeten Trägervereins.

Im Eselstall steht ein grosser Leiterwagen mit einem Gespann für die Eselinnen Joli und Nana. Bei Sonntagsausflügen können Zora und Fabio gehen, oder sie dürfen als Leichtgewichte auf den Eselinnen reiten; für Thea wird diesen Sommer zum ersten Mal auf dem Leiterwagen eine spezielle Vorrichtung installiert. Dort wird sie die Prinzessin in der Sänfte sein.

*Vorname von der Redaktion geändert.