«Ohne die Wende wäre hier alles zerfallen»

Die ehemalige DDR hatte ihre staatstreue Propagandakunst, aber es gab und gibt auch unabhängige Künstler. Sie stellten den Menschen dar und folgten jener uralten Tradition, die die Moderne im Westen zu überwinden versuchte. Der Thurgauer Künstler Valentin Magaro führt seit einigen Jahren Begegnungsreisen zu diesen Künstlern und ihren Werken durch – auf die jüngste hat er uns mitgenommen. Von Dieter Langhart (Text und Fotos)

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«Hier war die Polizeizentrale untergebracht», sagt Lothi und zeigt nach rechts zum Klinkerbau. «Da, beim Einkaufszentrum, stand eine Fabrik», sagt er und zeigt nach links. Sie ist noch da, die DDR. Überall im Dreiländereck Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen, das wir uns ansehen werden. Vor allem aber in Halle an der Saale.

Lothi heisst Lothar Grabaum und ist unser Chauffeur. Ist um die sechzig, ist in Halle geboren und wird in Halle sterben. Er kennt jede Ecke und jedes Haus und dessen Geschichte. Und wir hängen an Lothis Lippen, wenn er erzählt: Wie es war vor der Wende und wie es kam nach der Wende, wie die Menschen einander halfen und wie dann die Ketten die kleinen Läden auffrassen. Lothis Episoden werden sich in vier Tagen zu einem Bild der DDR formen – das kann kein Geschichtsbuch. «Nicht alles war schlecht damals.» Da schwingt auch Wehmut mit.

Wie unordentlich ist doch ein Nécessaire

Donnerstagnachmittag. Wir sitzen im Kafé Kaju bei Bohnensuppe und Kaffee und einer Gedichtrezitation von Wirt Rainer Kulitze, haben unsere Zimmer bezogen im Hotel gegenüber. Erst nach dem Frühstück werden wir wissen, dass die Besitzerin inzwischen den Inhalt unserer Nécessaires ausgepackt und fein säuberlich vor dem Spiegel arrangiert hat. Zu acht sind wir: ein Künstlerpaar, vier Kunstinteressierte, ein Journalist, Reiseleiter Valentin Magaro. Vier dichte Tage liegen vor uns – wenn wir aufbrechen, hat das Stadtbad um die Ecke noch nicht auf, bei unsrer Rückkehr ist das Kaju bereits zu.

Zum vierten Male führtValentin Magaro die Kunstreise nach Ostdeutschland durch.Woher diese Liebe zur Ex-DDR, fragen wir ihn, denn als die Mauer fiel am 9.November 1989, war er siebzehn und hatte den Vorkurs an der Schule für Gestaltung in Romanshorn begonnen. «Kurz nach der Wende rief ich bei Willi Sitte an – ein prägendes Erlebnis für einen angehenden Künstler.» Denn er hatte sich in die figurative Kunst verliebt, lag quer zu dem, was bei uns en vogue war – und fand Gleichgesinnte in den Künstlern der DDR. Dort war nach dem Krieg die Uhr der Kunst gewissermassen stehengeblieben.

Handwerk – von Grund auf

«Während der Westen den konservativen Bildauffassungen abschwor, knüpfte man in Ostdeutschland an eine Tradition an», sagt Magaro, «an die uralte figürliche Kunst des Abendlandes.» Die Professoren hätten den Studenten die handwerklichen Grundbegriffe für die Darstellung des Menschen beigebracht: Willi Sitte und Bernd Göbel. «Göbel wird uns morgen seinen frechen Brunnen zeigen.»

Doch zunächst läuft uns Wulf Brandstätter fast davon auf seinen Sneakers. Er ist über 80, aus Halle, kennt seine Stadt wie kaum ein andrer – in den Achtzigerjahren war er Stadtarchitekt. Brandstätter erwartet uns vor den Franckeschen Stiftungen, einem ehemaligen Waisenhaus in schönstem Barock, heute Museum und Schulstadt. Nimmt uns mit durch die Strassen, zeigt nach links und erklärt nach rechts. Er lotst uns vorbei am Spielehaus, das den Putz verliert (Lothi: «So sah alles aus hier bis zur Wende»), vorbei an den Religionsgärten (Brandstätter: «Halle ist keine schmutzige Industriestadt!»), vorbei an Klavierklängen, die aus der «Latina» dringen, der musischen Europaschule. Er lässt uns husch hineinblicken in den Kulissen-Magazinsaal des Studienzentrums August Hermann Francke, zeichnet mit den Armen einen grossen Kreis und sagt: «Nach der sogenannten Wende ist hier unglaublich viel entstanden.»

«Die Wende kam rechtzeitig»

Stets redet Wulf Brandstätter von der sogenannten Wende. Er war Mitglied der SED, galt als Spezialist der Plattenbauweise und als Improvisationstalent, da Baumaterial stets knapp war oder geklaut wurde. «Viele Bauten sind nicht ersetzt worden, weil wir keine Kraft hatten.» Mit Kraft meint er Geld. «Die Wende kam gerade zum rechten Zeitpunkt. Zehn Jahre später, und unsere Städte wären zerfallen.»Und zwischen Stelen mit Lyonel Feiningers«entarteten» Stadtansichten von Halle und einem Festspielplakat «Händel barockt» sagt Brandstätter diesen Satz: «Der Sozialismus ist eine hervorragende Sache, wären nur die Menschen nicht.»

Die Gruppe, etwas matt geworden, folgt Brandstätter zum Thalia Theater in der Kulturinsel und einem Wandbild von Hans-Joachim Triebsch. Auf dem Campus der Martin-Luther-Universität kommt sie zum Stillstand. «Gute Architektur», lobt Wulf Brandstätter und zeigt noch auf eine Gedenktafel im Boden, die an die Bücherverbrennung erinnert. Dann entschwinden Sneakers und Regenmantel, und der Hunger löst unsern Wissensdurst ab.

Die Kardinalfrage

Freitagvormittag. Wir sitzen an kleinen Tischchen inmitten von Nippes und Puppen und Papierblumen und Stoffbändern, also im Frühstückssaal des Hotels. Heute sind vorgesehen: Halle (Göbel-Brunnen), Leuna (Plastik-Park), Halle (Kunstverein Talstrasse). Davor haben wir über die Fläschchen- und Döschen-Arrangements gestaunt. Und dann staunen wir über den nackten Kardinal.

Kardinal Albrecht, Erzfeind der Reformation und Busenfreund der Damen. Bis auf die Mitra ist er nackt und kauert auf einem nackten Weib, unter ihr liegt noch ein Mann, und das am Brunnen mitten auf dem Hallplatz. Bernd Göbel hat den «Hurenbock» (Luther) 1997 in Bronze gegossen. Das gab Ärger in Halle. Das bewog die «Zeit», die «Kardinalfrage» zu stellen.

Bernd Göbel: Jahrgang 1942, Bildhauer, Grafiker, Medailleur, Professor an der Kunsthochschule. Sein Chef war Willi Sitte,dessen Kunst wir morgen begegnen werden. Mit den Figurengruppen auf dem Hallplatz hat Göbel die Geschichte der Stadt nachgestellt: allegorisch und ironisch. «Der Bau dauerte fünfzehn Jahre und hat mir einen Wahnsinns-Auftrieb gegeben», sagt Göbel. Er hat noch andere Städtebrunnen gestaltet, «damit die Mädchen sich daran erfreuen können».

«Ich bin ein Exot»

Bernd Göbel lädt uns ein in sein Atelier. Nach 26 Jahren in der «neuen Gesellschaft» habe er mehr Angst als früher, obwohl er seine Meinung frei äussern, reisen und alles kaufen könne. «Die Welt ist ziemlich mitgenommen seit 1990», sagt Göbel. «Die Radikalisierung, die Gewalt – das ist nicht das, was die Griechen und die Aufklärung uns gelehrt haben.» Und zur figurativen Malerei sagt er, sie sei marginal geworden, der Markt verlange immer wieder nach Neuem. «Ich bin ein Exot.» Er klage nicht, aber Künstler seien verpflichtet, sich einzumischen, statt blaue Himmel zu malen.

Magaro fragt ihn nach der DDR-Zeit. «Eine ewige Verunsicherung», sagt Göbel. Er hat 1990 die Stasi-Akten lesen, die Unsicherheit klären müssen. «Von den meisten wussten wir es, aber niemand hat es zugegeben. Spitzel erhielten Westgeld und zum Fünfzigsten einen Fresskorb mit Pflaumenmus. Wir haben sie anständig weggeschickt.» Bernd Göbel ist froh, dass alles vorüber ist. Dann bricht der Ärger durch: «Draussen wurde behauptet, wir seien alle bei der Stasi gewesen.»

Auf einem Tisch liegt Voltaires «Der unwissende Philosoph». Ob er als Künstler frei gewesen sei, will die Künstlerin unter uns wissen. «Ich kann Ihnen nicht sagen, was sozialistische Kunst war – mich interessierte, was früher gemacht wurde», sagt Bernd Göbel. «Mir hat abstrakte Kunst nichts gebracht, ich wollte Körperliches machen.» Und nein, man habe nicht tun müssen, was die Partei wollte und honorierte. «Wichtig war, dass man arbeiten konnte.» Kann Kunst etwas bewirken? «Ja, und ich will die Menschen auch ärgern. Man muss Arsch in der Hose haben und nicht nur der Obrigkeit gehorchen.»

Anne Frank neben den Chemiewerkern

Ammoniak, Düngemittel, Sprengstoff: Leuna war das grösste Chemie-Kombinat. 1945 wurde das Werk zerstört, jetzt ist Leuna Deutschlands grösste Gartenstadt. Mittendrin ein Ort der Stille: der Plastik-Park. Eva Linzer weiss, dass wir über den Namen schmunzeln werden. «Parks waren beliebte Auffangorte für Plastiken», sagt die Museumspädagogin. 30 Skulpturen stehen im Grün, datieren von 1947 bis 1967 – ein Freiluftmuseum, das nicht erweitert wird. Und so bleiben sie Zeitzeugen: Gerhard Geyers «Anne Frank» oderHeinz Berbeniss' «Chemiewerker».

Zurück nach Halle. Im Kunstverein Talstrasse ist soeben die Ausstellung «Eros und Apokalypse» von Rudolf Schlichter (1890–1955) eröffnet worden. Krieg, Gewalt und Erotik: politisch, surreal, obsessiv. Die Nazis setzten ihn auf den Index.

Fasziniert von Dürer

Im Flugzeug hatte Magaro einen Bildband dabei und von Sitz zu Sitz gereicht. Wir alle staunten über Willi Sittes Zeichnungen, meisterhaft wie Dürer oder Michelangelo. Sitte (1921–2013) war einer der wenigen DDR-Künstler, die international wahrgenommen wurden.

Am dritten Tag fahren uns Lothi und Sarah Rohrberg zur Willi-Sitte-Galerie in die Domstadt Merseburg. Die Tochter des Künstlers zeigt und erklärt uns alles. Prominent das riesige Emailbild «Nachdenken» aus Suhl, das 1977 abgebaut wurde und, als Ausschnitt, die Rückseite des Galerieanbaus neben der früheren Domkurie schmückt. «Mein Vater bekam fast keine öffentlichen Aufträge», sagt Sarah Rohrberg, «denn er wollte unabhängig bleiben. Er hat schon als Kind gezeichnet, war fasziniert von Dürer.»

Italien wird heimliche Heimat

1941 wird Willi Sitte an die Ostfront geschickt, dann nach Italien versetzt. Er desertiert, schliesst sich den Partisanen an, malt in Mailand, Vicenza, Venedig. 1946 kehrt er in seine Heimat nach Kratzauzurück, doch die Deutschen werden aus der Tschechoslowakei vertrieben. Sitte lässt sich in Halle nieder, wird Professor. Er gehört zur aufmüpfigen Kunstszene in Halle, bekommt Ärger mit seiner Partei. Dann steigt er aktiv in die Politik ein, macht Karriere in der SED, seine Anerkennung steigt. Nach der Wiedervereinigung löst der bekennende Kommunist politische Diskussionen aus.

Der Zeichner Willi Sitte beginnt erst in Halle zu malen, findet Vorbilder in der klassischen Moderne: Picasso, Fernand Léger. Sitte malt keine heldenhaften Arbeiter, sondern will «Gefühle und Stimmungen ausdrücken», wie seine Tochter sagt. Und sie führt uns nach oben ins «Atelier». Auf der Staffelei steht Willi Sittes letztes Bild. «Mein Vater hat den Pinsel weggelegt und <ich bin fertig> gesagt, dann starb er.» Ihre Augen leuchten: «Er war ein einfacher Kerl, er malte, was er wollte – viel Erotik, das volle Leben.»

«Fotoerlaubnis: 2 Euro.» Fehlt es dem Dom an Geld? Solches klingt weit angenehmer in unseren Ohren: Phôl ende Wuodan fuorun zi holza / dû wart demo balderes folon sîn fuoz birenkit… So beginnt der zweite Merseburger Zauberspruch. Unsere Führerin sagt ihn ganz auf und übersetzt ihn aus dem Althochdeutschen: Phol und Wodan begaben sich in den Wald / Da wurde dem Fohlen des Balder sein Fuss verrenkt… Der Merseburger Domhat noch mehr zu bieten: die Ladegast-Orgel, auf dem alles gespielt werden kann von Barock bis Romantik, auf der Liszt sein B-A-C-H uraufgeführt hat, der Altar aus der Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren. Doch wir müssen weiter zur Neumarktkirche, wo uns Klaus Friedrich Messerschmidt erwartet.

Den Geköpften und Gehenkten

Vom Hallenser Bildhauer stammt die Kreuzigungsgruppe. «Ich habe mir selber den Auftrag gegeben», sagt Messerschmidt, «ich musste das machen, die Kirche war eine Ruine vor der Wende.» Sein Triptychon sei ein Opferaltar für die Geköpften, Gehäuteten, Gehenkten. «Bedrückende Tage waren es, niemand wusste, wohin es geht. Mein Werk verkörpert, was Menschen Menschen antun.» In Halle Neustadt dann Plattenbauschmuck: Josep Renaus riesige Keramik-Murals.

Vor dem Abflug tun wir eine Zeitreise zurück ins Jahr 1525. Auf dem Frankenhäuser Schlachtberg wird ein Thüringer Bauernaufstand blutig niedergeschlagen, Ihr Anführer, der Reformer Thomas Müntzer, wird gefoltert und hingerichtet. Werner Tübke (1929–2004) hat das Gemetzel in einem monumentalen Panoramagemalt: 14 auf 123 Meter. Tübkes Welttheater erhielt ein eigenes Museum und ist voller ironischer und symbolischer Anspielungen darauf, was MenschenMenschen antun.