Mesmer: «Man will mich loswerden, weil ich schwul bin.»

WEINFELDEN. X. (31) ist der Mesmer von Evangelisch-Weinfelden. Und er ist schwul. Bisher wussten nur seine Familie und die engsten Freunde Bescheid. Dass er sich jetzt outet, fällt ihm nicht leicht.

Ida Sandl
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WEINFELDEN. X. (31) ist der Mesmer von Evangelisch-Weinfelden. Und er ist schwul. Bisher wussten nur seine Familie und die engsten Freunde Bescheid. Dass er sich jetzt outet, fällt ihm nicht leicht. Er tut es, weil ihm seine Arbeitgeberin, die Evangelische Kirchgemeinde Weinfelden, gerade die zweite Kündigung angedroht hat.

Zum ersten Mal entlassen wurde X. fünf Tage vor Weihnachten. «Aus dem Nichts heraus», wie er sagt. Nachdem er sich vom ersten Schock erholt hatte, schaltete er einen Anwalt ein. Der kam zum Schluss: Die Kündigung ist ungültig. Auch die Kirchgemeinde hat mittlerweile eine Anwältin verpflichtet. Es tobt ein Rechtsstreit.

X. ist überzeugt, die Gründe für seine Entlassung sind nur vorgeschoben. Tatsächlich wolle ihn die Kirchenvorsteherschaft wegen seiner Homosexualität loswerden. «Man hat mir bis heute keinen triftigen Grund genannt, warum ich als Mesmer versagt haben soll.»

«Diffamierende Behauptung»

Kirchenpräsident Helmut Wiegisser kontert. Dass man X. wegen seiner Homosexualität gekündigt habe, sei «eine diffamierende Behauptung». Die Kündigungsgründe seien zu keiner Zeit persönlicher Natur gewesen. Sondern: «Es liegen andere gewichtige Gründe vor, die X. wider seiner Behauptung bestens bekannt sind.» Die Kirchenvorsteherschaft möchte aber keine inhaltlichen Aussagen zum derzeit laufenden Verfahren machen.

X. kann das Vorgehen der Kirchenbehörde nicht nachvollziehen. Nach dem Tod des langjährigen Mesmers Heinz Bär hat er 14 Monate in einem befristeten Arbeitsverhältnis als Mesmer gearbeitet. Seit Januar 2014 ist er fest angestellt. «Wenn man nicht mit mir zufrieden gewesen wäre, hätte man mich doch nicht fest eingestellt.»

Wie ein Damoklesschwert

X'. Kündigung kurz vor Weihnachten hat in Weinfelden Wellen geworfen und sorgt immer noch für Gesprächsstoff. Der Mesmer ist beliebt. In einem TZ-Artikel räumt Kirchenpräsident Wiegisser ein, die Kündigung sei «etwas zur Unzeit» gekommen. «Aber wir mussten sie damals aussprechen, um Gerüchten vorzubeugen.» Der Satz hänge wie ein Damoklesschwert über ihm, sagt X. «Das klingt, als hätte ich etwas ganz Schlimmes verbrochen.» «Ich bin nicht perfekt», sagt er. «Aber man muss mir doch Zeit geben, mich zu entwickeln.» Da er wisse, dass ihm handwerkliches Know-how fehle, habe er im Herbst eine nebenberufliche Ausbildung zum Hauswart angefangen.

Die Kirchenvorsteherschaft schweigt zu den Gründen für die Kündigung. X'. Anwalt sagt, seinem Mandanten werde unter anderem vorgeworfen, er giesse die Blumen nicht ausreichend oder räume den Schnee nicht gründlich genug von der Kirchentreppe. An einer Beerdigung soll er die falsche Glocke geläutet haben, auch sei das Licht im Kirchgemeindehaus häufig nicht gelöscht worden.

Aus Sicht von X'. Anwalt reichten «diese Bagatellen» nicht aus für eine Kündigung. Die Kirchgemeinde sei ein öffentlich-rechtlicher Arbeitgeber. Da sei eine Entlassung schwieriger als in der Privatwirtschaft. «Es braucht einen sachlichen Kündigungsgrund.» Für ihn ist klar: «Die Kündigung ist ungültig, wegen ihres tatsächlichen Hintergrundes sogar missbräuchlich.» Dass die bisherige Kündigung nicht wirksam ist, bestätigt auch Wiegisser. «X. ist nach wie vor als Mesmer bei uns tätig.»

Allerdings hat die Kirchenbehörde X. schriftlich mitgeteilt, dass sie ihm erneut kündigen will. Diesmal unter Einhaltung der formellen Regeln.

Bis 22. Mai haben X. und sein Anwalt Zeit, sich dazu zu äussern. Der Kündigung beigelegt ist eine Liste mit Reklamationen, die sich auf die letzten vier Monate beziehen. So habe X. unter anderem den regulären Kirchenschmuck nicht abbestellt obwohl eine Hochzeit stattfand. Die Rabatten seien im März verdorrt und der Raum für den Bärli-Treff anderweitig besetzt gewesen.

«Ja, ich habe Fehler gemacht», gibt X. zu. Seit der Kündigung stehe er unter enormem Druck. «Ich weiss, dass mir jetzt alles, was schief läuft, angelastet wird.»

Er versuche sein Bestes zu geben und er hofft nach wie vor, dass es zu keiner Kündigung kommt. «Ich liebe meine Arbeit, die Kirche und die Menschen.»