Immer mehr Ostschweizer Frauen sind bewaffnet

2015 wurden in den Ostschweizer Kantonen teilweise über 20 Prozent mehr Waffenerwerbsscheine ausgestellt als im Vorjahr. Manche vermuten dahinter ein grösseres Interesse von Sammlern, andere ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis.

Roman Hertler
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Immer mehr Ostschweizerinnen wollen eine Waffe erwerben. Laut Waffenhändlern sind besonders Pfeffersprays und Faustfeuerwaffen – wie hier im Bild eine Glock 42 – gefragt. (Bild: ap/Lynne Sladky)

Immer mehr Ostschweizerinnen wollen eine Waffe erwerben. Laut Waffenhändlern sind besonders Pfeffersprays und Faustfeuerwaffen – wie hier im Bild eine Glock 42 – gefragt. (Bild: ap/Lynne Sladky)

Die Zahlen lassen aufhorchen: In der Ostschweiz hat die Anzahl Waffenerwerbsscheine im vergangenen Jahr stark zugenommen. In Appenzell Innerrhoden waren es im Vergleich zum Vorjahr 17 Prozent mehr, in St.Gallen 19 Prozent und im Thurgau 22 Prozent. Am markantesten ist die Zunahme mit 25 Prozent in Appenzell Ausserrhoden.

Neue Modelle locken Sammler

Zuständig für das Erteilen von Waffenerwerbsscheinen sind die Kantonspolizeien. Die Innerrhoder Kantonspolizei stellte 2015 insgesamt 49 Erwerbsscheine aus. Die meisten davon wurden an Soldaten erteilt, die ihr Sturmgewehr nach Beenden des Dienstes behalten.

Im Kanton Thurgau entfällt nur ein Teil der 980 ausgestellten Waffenerwerbsscheine auf Armeewaffen. Eine weitere Erklärung für die steigende Zahl von Gesuchen sieht Polizeisprecher Andy Theler darin, dass Waffenhersteller in den vergangenen zwei Jahren enorm viele neue Modelle auf den Schweizer Markt gebracht haben. «Viele langjährige Waffensammler wollen ihre Sammlung ergänzen», sagt er. Zudem gebe es im Thurgau immer mehr Schiesskeller.

Der St.Galler Waffenhändler Alfred Hediger bestätigt das gewachsene Sammlerinteresse. Er spricht auch vom «Rambo-Effekt». «Nachdem <Rambo> in die Kinos gekommen war, wollten plötzlich alle einen Pfeilbogen und ein Jagdmesser haben», sagt er. Und nach «Conan» brannten die Filmfans auf ein Zweihänder-Schwert. Aktuell hätten es seinen Kunden vor allem Pistolen des österreichischen Herstellers Glock angetan. «Glock hat allein in den vergangenen zwei Jahren etwa zehn neue Modelle produziert», sagt Hediger. «Die Kunden wollen aber auch andere Waffen – Revolver, Gewehre und in letzter Zeit auch immer mehr nicht bewilligungspflichtige Pfeffersprays.»

Keine «Angsteuphorie»

Wollen die Ostschweizer sich vor drohender Gefahr schützen? Hediger will nicht über die Beweggründe seiner Kunden mutmassen, auszuschliessen sei der Faktor Sicherheit nicht. Aber eine «Angsteuphorie» – obschon sie seinem Geschäft zuträglich wäre – will er nicht.

«Es ist sehr gut möglich, dass das subjektive Sicherheitsempfinden angesichts der weltpolitischen Lage oder Berichten von Einbrüchen und Überfällen mit dem Kauf einer Waffe oder eines Pfeffersprays gesteigert wird», sagt Hanspeter Krüsi, Sprecher der St.Galler Kantonspolizei.

Insbesondere von Seiten der Frauen gibt es eine Zunahme von Gesuchen. Im Kanton sind mittlerweile 15 Prozent der Inhaber von Waffenerwerbsscheinen Frauen.

Besonders in den vergangenen Wochen hätten viele Frauen einen Pfefferspray gekauft, sagt Waffenhändler Hediger. «Gegen 50 Prozent der Frauen tragen heute einen Pfefferspray mit sich.» Dies vermittle den Frauen eine «zweifelhafte» Sicherheit, findet Krüsi. Denn ohne eine fachgerechte Anwendung sei kaum zu vermeiden, dass die schutzbedürftige Person selbst etwas vom Spray abbekomme. Abgesehen davon reiche die Zeit, die benötigt wird, um den Spray hervorzuholen, ohnehin kaum.

Nicht wie Amerika

Dass vermehrte Waffenkäufe in der Ostschweiz mit einem zunehmenden Interesse am Schiesssport zusammenhängen könnte, glaubt der Nachwuchschef der Feldschützen-Gesellschaft Schwellbrunn, Hansueli Reutegger, nicht. «Die Mitgliederzahlen der Schweizer Schützenvereine sind tendenziell rückläufig», sagt er. Jedoch bemerkt auch er ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis. «Ich kenne Leute, die sagen, sie hätten sich eine Waffe gekauft, weil sie sich angesichts der weltpolitischen Lage und der Flüchtlingskrise nicht mehr sicher fühlen.» So weit wie in Amerika dürfe es aber nicht kommen, so Reutegger. «Ich attestiere der Schweizer Bevölkerung einen verantwortungsvollen und kompetenten Umgang mit Waffen.»

Über Gründe spekulieren

Haben die Polizeibehörden versagt, wenn sich immer mehr Personen bewaffnen? Hanspeter Krüsi und sein Ausserrhoder Kollege Ueli Frischknecht verneinen. Umfragewerte würden die mehrheitliche Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Polizeiarbeit bescheinigen. Über die wahren Ursachen der zunehmenden Bewaffnung in der Ostschweiz kann – nicht zuletzt aufgrund fehlender statistischer Daten – nur spekuliert werden.