Kritik an «Alarmstufen» für Wölfe

Der Bund hat sein Wolfskonzept aktualisiert. Es enthält ein Stufenschema zum Verhalten der Wölfe – von «unauffällig» bis «problematisch». WWF und Pro Natura kritisieren, das Konzept fokussiere einseitig auf Schäden und Gefahr.

Adrian Vögele
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Wölfe im Tierpark Bruderhaus in Winterthur: Das Verhalten ihrer wildlebenden Artgenossen dem Menschen gegenüber wird mit einem Stufenmodell beurteilt. (Bild: Urs Jaudas)

Wölfe im Tierpark Bruderhaus in Winterthur: Das Verhalten ihrer wildlebenden Artgenossen dem Menschen gegenüber wird mit einem Stufenmodell beurteilt. (Bild: Urs Jaudas)

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat sein Konzept für den Umgang mit dem Wolf überarbeitet. Zentral ist dafür zwar die eidgenössische Jagdverordnung, die bereits vergangenen Sommer geändert wurde und auf deren Basis der Abschuss zweier «dreister» Wölfe am Calanda bewilligt wurde. Das neue Konzept regelt nun noch Einzelheiten und Rechtsbegriffe. «Die wichtigste Anpassung ist ein Schema zur Einschätzung von problematischem Verhalten von Jungwölfen in Rudeln», schreibt das Bafu in einer Medienmitteilung.

Grün, gelb, rot, schwarz

Das aktualisierte Konzept bietet einen Leitfaden dazu, wie das Verhalten von Wölfen dem Menschen gegenüber protokolliert und eingeschätzt werden soll. In einer Art Eskalationsmodell werden verschiedene Verhaltensweisen in Stufen eingeteilt: Unbedenklich (grüne Stufe), auffällig (gelbe Stufe), unerwünscht (rote Stufe) und «problematisch mit Potenzial zur Gefährdung von Menschen» (schwarze Stufe). Zur letzten Stufe gehört etwa, wenn der Wolf einem Menschen trotz Vertreibungsversuchen folgt. Oder wenn der Wolf mehr als zweimal während der Aktivitätszeit des Menschen (6 Uhr bis 22 Uhr) in einer Siedlung auftaucht. Bei Vorkommnissen der «schwarzen Stufe» kann gemäss Bafu der Abschuss von Wölfen bewilligt werden, wie dies am Calanda bereits passiert ist (siehe Zweittext).

«Problemorientierte Haltung»

WWF und Pro Natura sind mit dem Konzept nicht einverstanden. Die Tabelle zur Einschätzung des Wolfsverhaltens diene dazu, Abschüsse zu rechtfertigen, schreiben die Umweltverbände in einer gemeinsamen Mitteilung. Sie kritisieren «den übertriebenen Fokus auf Gefährlichkeit und Schäden». Das Bafu offenbare damit eine «problemorientierte Grundhaltung».

«Das Konzept Wolf bewirkt, dass natürliches Wolfsverhalten unnötig und vorschnell als <gefährlich> interpretiert wird», sagt Gabor von Bethlenfalvy, Grossraubtier-Verantwortlicher des WWF Schweiz. Zu stark werde immer noch auf Abschüsse gesetzt, um vermeintliche Probleme zu lösen.

«Gefahr wird übertrieben»

Zentrale Elemente würden im Konzept vernachlässigt, bemängeln die Umweltverbände. «Dazu gehört zum Beispiel ein klarer Qualitätsanspruch an die Protokollierung von Wolf-Mensch-Begegnungen, um solche Ereignisse seriös nachvollziehen und vergleichen zu können.» Ebenso werde ungenügend auf die Beseitigung von Futterquellen in Siedlungen und deren Nähe eingegangen. «Es ist zynisch, Wölfen verlorene Scheu vorzuwerfen, wenn sie mit Siedlungs- oder Schlachtabfällen angelockt werden.» Das Bafu übertreibe mit seinem Schema das Gefahrenpotenzial des Wolfs. «Es gibt keinen Grund, das bei den Schweizer Wölfen beobachtete Verhalten zu dramatisieren. Dieses ist vielleicht in einzelnen Fällen unerwünscht, aber nicht gefährlich», sagt Mirjam Ballmer, Grossraubtier-Verantwortliche bei Pro Natura.