Keine Bänke auf der Espenmoos-Tribüne

ST.GALLEN. Erfolgreicher Einspruch: Die Stadt St.Gallen verzichtet auf ihr Vorhaben, die alten Schalensitze durch Holzbänke zu ersetzen. «Diesen Sommer passiert nichts», sagt der Stadtbaumeister. Die Espenmoos-Freunde, allen voran Daniel Kehl, sind verblüfft und erfreut.

Marcel Elsener
Drucken
Teilen
Die Sperrholz-Schalensitze bleiben vorerst da, wo sie sind. (Bild: Urs Jaudas)

Die Sperrholz-Schalensitze bleiben vorerst da, wo sie sind. (Bild: Urs Jaudas)

So schnell kann ein fragwürdiger Entscheid gestoppt werden: Die St.Galler Bau- und Sportbehörden nehmen ihr Vorhaben zurück, die alten Sperrholz-Schalensitze auf der legendären Espenmoos-Tribüne im Juni durch einfache Holzbänke zu ersetzen – jedenfalls vorläufig. «Diesen Sommer passiert sicher nichts», sagt Stadtbaumeister Erol Doguoglu. «Wir haben keinen Grund, in dieser Frage etwas zu überstürzen.»

Die schnelle Reaktion gestern am späten Nachmittag verblüfft – eigentlich wollte sich unsere Zeitung danach erkundigen, was neue Schalensitze gemäss der Offerten kosten würden. Doch Doguoglu und seine Mitarbeiter sind im Verlauf des Tages bereits zur Einsicht gekommen, dass der vom Sportamt «in guten Absichten» eingeleitete Entscheid für eine neue Bestuhlung problemlos zurückgestellt und eingehender geprüft werden könne.

Das Wünsch- und das Machbare
Er sei «erfreut», dass ein moderner Bau «so viele Emotionen» wecken könne, meint Doguoglu und greift zur Fussballsprache: Der Protest sei «ein Steilpass, den wir gerne aufnehmen». Und: «Man kann immer gescheiter werden.» Möglicherweise lancieren die Behörden laut Stadtbaumeister auf dem interaktiven Portal der Stadt eine Umfrage mit Fragen in der Art: Was stört die Espenmoos-Freunde an Bänken? Geht es bei den Einzelsitzen vor allem um Nostalgie und Ästhetik, oder auch um Sitzkomfort? Was würden sie sich wünschen? Könnte der aktuelle Zustand noch ein paar Jahre andauern – im Wissen um den unaufhaltsamen Verlust von einigen Dutzend Sitzen jährlich? Letzteres wäre möglich, sagt Doguoglu, denn dringlicher Handlungsbedarf bestehe nicht. «Vielleicht ist der Ist-Zustand mit wachsenden Lücken ja auch okay.» Gemäss Sportamt gibt es im Espenmoos keine Veranstaltungen mit derart hohem Publikumsaufkommen, dass die Tribüne gefüllt oder nur schon halb gefüllt wäre.

Freude und Komplimente
Erstaunt über die schnelle Reaktion und hocherfreut sind die Fans und Freunde des früheren FC-St.Gallen-Stadions, namentlich Espenmoos-Buch-Mitautor und SP-Stadtparlamentarier Daniel Kehl. «Es freut mich, dass dies so rasch geklärt werden konnte und die Sache nun ohne Hast überlegt werden kann. Das ist alles in meinem Sinn.» Kehl macht der Stadtverwaltung ein Kompliment: «Es spricht für unsere Behörden, wenn sie kritische Stimmen erst nehmen.»

Für den Erhalt der Schalensitze machte sich in den letzten Tagen auch der städtische Denkmalpfleger Niklaus Ledergerber stark. Sein Argument: Der Einbau von Bänken würde das charakteristische Bild stören – statt des Eindrucks eines «Teppichs von Stühlen» ergäbe sich eine «starke horizontale Linierung respektive Stufenzeichnung mit eher plumper Wirkung». Zwar sei der für den damaligen Zeitgeist typische, eigenständige und wertvolle Bau nach einer Prüfung 2004 nicht unter Schutz gestellt worden, weil er unabhängig von seiner Funktion wohl doch «zu wenig Ikone» sei, so Ledergerber. «Doch solange das Espenmoos als Stadion genutzt wird, sollte man es so erhalten und anständig behandeln.»