Kein Wort zu viel, keines zu wenig

ST.GALLEN. Der am Montag verstorbene Josef Osterwalder hat während 30 Jahren wie kaum ein anderer das Gesicht des St.Galler Tagblatts geprägt. J. O. war als Mensch und Journalist eine grosse Persönlichkeit.

Philipp Landmark
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Josef Osterwalder, 23. Dezember 1940 – 10. Dezember 2012. (Bild: Coralie Wenger)

Josef Osterwalder, 23. Dezember 1940 – 10. Dezember 2012. (Bild: Coralie Wenger)

Gute Journalisten können naturgemäss nicht beliebt sein, lautet eine gängige Branchenregel. Herausragenden Journalisten gelingt dies in seltenen Fällen doch. Josef Osterwalder war in seiner Stadt St Gallen und weit darüber hinaus nicht nur eine respektierte, sondern eine ausserordentlich geschätzte Persönlichkeit.

Das hat zahlreiche Gründe. Ein wesentlicher: Josef Osterwalder hatte nicht einfach nur journalistische Neugier, er zeigte stets ein tiefes Interesse für die Menschen, denen er begegnete, und für die Fragen, die sie umtrieben. Das machte jedes Gespräch mit ihm zu einem spannenden Erlebnis – seine klugen Fragen und Kommentare waren oft Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse.

Meister der subtilen Sprache

J. O. war ein Journalist mit Haltung: ein zuvorkommender Gentleman, immer freundlich, nie devot. Anbiedern war seine Sache nicht. Er hatte die einmalige Gabe, präzise zu beschreiben, ohne zu beschönigen, die Dinge beim Namen zu nennen, ohne verletzend zu sein.

Gerade in der Kritik zeigte sich immer wieder seine grosse Meisterschaft, die Sprache subtil und präzis einzusetzen. In seinen Texten war kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig.

Das war insbesondere auch in den Salzkörnern aus seiner Feder so. Wenn J. O. in 34 Zeilen komplexe theologische Fragen mit entwaffnendem Schalk auf den Punkt brachte, liess sich erahnen, wie sehr die Kirche den früheren katholischen Priester und heutigen Familienvater nach wie vor beschäftigte.

Das Festklammern der katholischen Kirche an überholten Strukturen thematisierte Josef Osterwalder oft. Dieser störrischen Haltung der Kirche ist es aber auch zu verdanken, dass J. O. überhaupt zu seiner Berufung als Journalist fand.

Vorbild als Chef und Kollege

Zahlreiche Journalistinnen und Journalisten haben beim Tagblatt Josef Osterwalder kennen und schätzen gelernt, vielen war er als langjähriger Leiter der Stadtredaktion ein väterlicher Freund und ein professioneller Mentor. Josef Osterwalder war als Chef gewiss kein Redaktionsmanager, der Abläufe optimiert und Aufgaben delegiert. Er war der publizistische Vordenker, der mit seinen Beiträgen im Stadtteil, aber auch im Mantel des Tagblatts regelmässig Glanzlichter setzte. Er war aber auch der Kollege, der sich immer wieder für undankbare Aufgaben zur Verfügung stellte, weil er niemanden dazu verdonnern wollte. Als Chef war Josef Osterwalder ausgeprägt vor allem eines: ein Vorbild, an dem sich die Redaktion orientieren konnte.

Verdient um Region und Zeitung

Vorbildlich war auch, wie Josef Osterwalder stets bescheiden blieb, wie er nie grosses Aufheben um seine Person zuliess oder, wenn es denn sein musste, dieses gern mit einer träfen Bemerkung konterkarierte. Substanzielles Lob an seiner Arbeit rührte ihn gleichwohl; Anerkennungen wie Medienpreise waren für ihn Bestätigung, das Richtige zu tun.

Mit Josef Osterwalder verliert unsere Zeitung einen aussergewöhnlichen Freund und Kollegen; die Ostschweiz verliert einen Journalisten, der sich wie kein Zweiter Verdienste um diese Region und die Stadt in ihrer Mitte erworben hat. Der Journalismus verliert mit dem liebenswürdigen, manchmal kauzigen J. O. einen der letzten und einen der originellsten Vertreter einer Epoche, in welcher der «rasende Reporter mit dem Notizblock» noch etwas galt.

Das St. Galler Tagblatt mit seinen Partnerzeitungen und die Redaktion sind Josef Osterwalder über seinen Tod hinaus dankbar.