HSG sagt Diss-Bschiss den Kampf an

ST.GALLEN. Die Universität St.Gallen geht auf juristischem Weg dagegen vor, dass Doktor- und andere wissenschaftliche Arbeiten nicht selbst geschrieben, sondern gekauft werden. Sie hat eine Strafanzeige gegen einen Anbieter solcher Dienstleistungen eingereicht.

Daniel Walt
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Die HSG kämpft wie andere Schweizer Universitäten gegen das Schummeln beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Die HSG kämpft wie andere Schweizer Universitäten gegen das Schummeln beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

"Ich kann bestätigen, dass Acad-Write pro Jahr zehn bis zwanzig akademische Arbeiten für HSG-Studenten schreibt." Das sagte Thomas Nemet, Geschäftsführer der Ghostwriting-Agentur Acad-Write mit Sitz in Zürich, im vergangenen Frühling. Und zwar gegenüber "Prisma", dem Magazin der Studierenden der Universität St.Gallen. Mittlerweile macht die Uni St.Gallen auf juristischem Weg mobil gegen das Fremdverfassen akademischer Arbeiten gegen Bezahlung: Sie hat gegen einen kommerziellen Anbieter von Ghostwriting-Arbeiten bei der Staatsanwaltschaft St.Gallen Strafzeige eingereicht. Die HSG bestätigte auf Anfrage eine entsprechende Vorab-Meldung der "Rundschau" von SRF, die heute Abend ausgestrahlt wird. Dass es sich bei der verzeigten Firma um die Acad-Write, die landesweit grösste Agentur für Ghostwriting, handelt, bestätigt die Uni nicht.

Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass eine Strafanzeige der HSG gegen einen kommerziellen Anbieter von Ghostwriting und gegen Unbekannt eingegangen ist. "Der in Frage kommende Tatbestand lautet: Erschleichung einer falschen Beurkundung", sagt Mediensprecher Roman Dobler. Die Ermittlungen der Polizei seien in Gang, die Staatsanwaltschaft habe noch keine Untersuchung eröffnet. Es liege keine konkrete schriftliche Arbeit vor, die unter dem Verdacht stehe, nicht vom Studenten verfasst worden zu sein, der sie eingereicht habe.

Keine Fälle in St.Gallen bekannt
Laut Erkenntnissen der "Rundschau" haben im vergangenen Jahr schweizweit mindestens 200 Studenten fremde Arbeiten als ihre eigenen eingereicht. Verfasst wurden diese von der Acad-Write. Für dieses Unternehmen arbeiten Akademiker, die gegen Bezahlung wissenschaftliche Arbeiten für Studierende schreiben. Thomas Nemet, Geschäftsführer des Unternehmens, bestätigte diesen Sachverhalt gegenüber der "Rundschau".

In einem Communiqué betonte die HSG am Mittwoch, in den vergangenen Jahren sei an der Institution kein Disziplinarverfahren wegen Ghostwritings eröffnet oder durchgeführt worden. Dies, da der Uni keine Fälle von eingereichten Ghostwriting-Arbeiten bekannt seien. Die Anzeige gegen einen Anbieter solcher Dienstleistungen erfolgte laut HSG, weil die Uni die Problematik des Ghostwritings ernst nehme und der Ansicht sei, dass bereits mit dem Anbieten solcher Arbeiten die Möglichkeit bestehe, dass verschiedene Offizialdelikte begangen worden seien.

Keine Hilfe? Zu wenig Zeit?
Das Thema Ghostwriting beschäftigt die Uni St.Gallen, aber auch die anderen Schweizer Hochschulen seit Jahren. Im Beitrag vom vergangenen Frühling im HSG-Studentenmagazin "Prisma" sagte Thomas Nemet, Geschäftsführer der Acad-Write, ein Grund für das zunehmende Ghostwriting sei es, dass Studenten von Professoren beim Schreiben von akademischen Arbeiten nur ungenügend unterstützt würden. Zudem habe nicht jeder Student neben dem herkömmlichen Vorlesungsbesuch die Zeit, sich dem Schreiben akademischer Arbeiten zu widmen - sei dies, weil er arbeiten müsse, um sich das Studium zu finanzieren, sei es wegen familiärer Verpflichtungen. Die Acad-Write verlangt für das Verfassen von Bachelor-Arbeiten mehrere tausend Franken. Für Dissertationen sind es mehrere zehntausend Franken.

Das Unternehmen Acad-Write bietet seine Dienstleistungen im Internet wie folgt an: "Von BWL über Jura bis Medizin deckt unser Autorenpool nahezu das gesamte akademische Fächerspektrum ab. Es handelt sich ausschliesslich um Akademiker, die mindestens einen Masterabschluss vorweisen können."

"Schwerwiegendes Vergehen"
Bevor die Uni St.Gallen ihre Strafanzeige im vergangenen Jahr einreichte, hatte sie bereits auf verschiedenen Ebenen Massnahmen umgesetzt im Kampf gegen das Schummeln bei wissenschaftlichen Arbeiten. So wird den Studierenden beispielsweise klar kommuniziert, dass Ghostwriting ein schwerwiegendes Vergehen gegen die Ordnung der Universität sowie die akademische Integrität sei. Es könne sowohl disziplinarische als auch strafrechtliche Folgen haben. "Zudem werden sie darauf hingewiesen, dass sie sich ein Leben lang erpressbar machen, wenn sie sich eines Ghostwriters bedienen", teilt die HSG mit.

Wie die HSG weiter informiert, findet bei Abschlussarbeiten ein Austausch zwischen Dozierenden und Studierenden statt. "Bei Zwischenbesprechungen sollte klar werden, dass sich die Studierenden mit dem Inhalt auseinandergesetzt haben." Zudem müssen die Studierenden beim Einreichen von Arbeiten eine Erklärung abgeben, dass die Arbeit ohne fremde Hilfe verfasst worden ist. "Die Bestätigung durch die Eigenständigkeitserklärung könnte im Fall des Ghostwritings den Straftatbestand der Urkundenfälschung erfüllen", heisst es im Communiqué der HSG. Des Weiteren sehen die Studien- und Prüfungsordnungen vor, dass bei einem Verdacht auf Ghostwriting die Studentin beziehungsweise der Student aufgefordert werden können, die schriftliche Bachelor- oder Masterarbeit mündlich zu verteidigen. Auf der Doktoratsstufe gibt es bei allen Programmen ein wissenschaftliches Streitgespräch zum Inhalt einer Dissertation.

Da die HSG die Problematik des Ghostwritings nach eigenem Bekunden sehr ernst nimmt, werden Merkblätter dahingehend überarbeitet beziehungsweise verdeutlicht, wie die Uni mitteilt.

Aberkennung des Titels
Wird ein Schummler erwischt, der eine wissenschaftliche Arbeit nicht selbst verfasst hat, hat er Sanktionen zu gewärtigen. Sie reichen von einem schriftlichen Verweis bis hin zum Ausschluss von allen Lehrveranstaltungen und Prüfungen für eines oder mehrere Semester. In schweren Fällen kann es zu einem maximal dreijährigen Ausschluss von der Uni und zu einer Geldstrafe kommen. Hat die fehlbare Person bereits einen akademischen Grad erlangt, kann ihr dieser entzogen werden.