«Es ist normal, dass Wölfe Strassen benutzen»

Der Bündner Naturfotograf, Dokumentarfilmer und Autor Peter A. Dettling befasst sich seit 2013 regelmässig mit den Wölfen am Calanda. Die Erforschung der Calanda-Wölfe soll das letzte Kapitel seines Wolfsprojekts Amarok werden. Dettling warnt vor Wolfsabschüssen und plädiert vielmehr für Aufklärung.

Stefan Borkert
Drucken
Teilen
Peter A. Dettling Autor, Dokumentarfilmer und Wolfsforscher aus Sedrun, lebt auch in Kanada (Bild: Stefan Borkert)

Peter A. Dettling Autor, Dokumentarfilmer und Wolfsforscher aus Sedrun, lebt auch in Kanada (Bild: Stefan Borkert)

Herr Dettling, wann waren Sie zuletzt am Calanda unterwegs?

Peter A. Dettling: Seit 2013 bin ich regelmässig im Gebiet der Calanda-Wölfe unterwegs. Seit April dieses Jahres wohne ich sogar im Gebiet, damit ich tagtäglich Erfahrungen vor Ort sammeln kann. So auch heute.

Und haben Sie Wölfe gesehen?

Dettling: Wolfsobservationen im Freiland sind extrem schwierig und sehr zeitraubend, gerade hier am Calanda. Speziell Wölfe habe ich heute leider nicht gesehen, dafür aber frische Spuren entdeckt. In der Vergangenheit war ich aber auch schon erfolgreicher.

Peter A. Dettling Autor, Dokumentarfilmer und Wolfsforscher aus Sedrun, lebt auch in Kanada (Bild: Stefan Borkert)

Peter A. Dettling Autor, Dokumentarfilmer und Wolfsforscher aus Sedrun, lebt auch in Kanada (Bild: Stefan Borkert)

Die Calanda-Wölfe sind das letzte Kapitel Ihres Wolfsprojekts Amarok. Was ist darunter zu verstehen?

Dettling: Mit dem Projekt Amarok möchte ich mein Wolfswissen und meine Erfahrungen aus zehn Jahren Arbeit zusammentragen. Dazu gehört auch meine Arbeit als Autor, Fotograf und Dokumentarfilmer. Wichtig ist mir, dass mein Wolfswissen einem breiten Publikum zugänglich gemacht wird.

Sie haben die Wölfe am Calanda also schon oft beobachten können. Jetzt wollen die Bündner und St.Galler Wildhut zwei Jungwölfe abschiessen. Macht das Sinn?

Dettling: Aus meiner Sicht und nach meiner Erfahrung macht das keinen Sinn. Es gibt auch wissenschaftliche Studien, die vor solchen Teilabschüssen, wie sie jetzt geplant sind, warnen, weil sie kontraproduktiv sind. Viel wichtiger wäre es, die Bevölkerung darüber aufzuklären, was normales Wolfsverhalten ist. Dazu muss man aber zuerst mal wissen, was normales versus abnormales Wolfsverhalten ist.

Die Wildhut hat eine Liste zusammengestellt, die problematische Situationen in Menschennähe beschreibt. Was ist normales Wolfsverhalten?

Dettling: Zunächst mal würde ich gerne im Detail sehen, wo die Wölfe problematisches Verhalten gezeigt haben sollen. Generell kann man aber sagen, dass Wölfe, welche in fragmentierten Landschaften wie in der Schweiz leben, sich gegenüber Menschen im allgemeinen ziemlich tolerant zeigen müssen, um überhaupt überleben zu können. So kann es auch sein, dass sie ab und zu eine gewisse Neugier gegenüber menschlichen Aktivitäten oder Einrichtungen zeigen können. Auch benutzen Wölfe gerne Strassen, Bahngeleise oder Pfade als Fortbewegungskorridore. Dies alles kann man als normales Wolfsverhalten sehen.

Was passiert, wenn man am Calanda einem Wolf begegnet?

Dettling: Alle Begegnungen, die mir geschildert wurden oder von denen ich Videos gezeigt bekommen habe, liefen ähnlich ab. Entweder hat der Wolf beim Anblick des Menschen rechtsumkehrt gemacht oder weichte geschickt und ohne grosse Panik aus. Vorbildliches Wolfsverhalten eben.

Gab es am Calanda schon einen Wolfsangriff auf einen Menschen?

Dettling: Nein, gab es nicht. Nehmen wir aber Italien als Beispiel, weil unsere Wölfe ursprünglich von Italien her stammen. In Italien, wo die Wölfe nie ganz ausgerottet wurden, hat es seit dem Zweiten Weltkrieg keinen einzigen Fall gegeben, bei dem ein Mensch von einem Wolf angegriffen wurde. Überhaupt sind Wolfsattacken sehr, sehr selten. Dort, wo sie passiert sind, spielte vor allem die Tollwut eine grosse Rolle, oder die Wölfe wurden futterkonditioniert, sprich: angefüttert.

Sie haben selbst Berichte von Wölfen in Menschennähe gehört, sagen aber, das sei normales Verhalten.

Dettling: Davon habe ich nicht nur gehört, sondern selber in Nordamerika dokumentiert. Nehmen wir aber ein Beispiel aus Deutschland. Da berichtete ein Berufskollege von mir, dass es Fälle gab, wo Jungwölfe recht neugierig gegenüber Menschen wurden. Im Verlauf des Erwachsenwerdens nahm aber die Scheu vor Menschen wieder zu.

Was ist das Hauptproblem bei den geplanten Abschüssen der Wildhut aus Ihrer Sicht?

Dettling: Das Hauptproblem liegt bei der Behauptung, man müsse Abschüsse vornehmen, damit die Wölfe nicht in die Nähe der Dörfer kommen oder um die Akzeptanz in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Zudem hat man in der Vergangenheit in den Medien seitens der kantonalen Wildhut lesen können, dass niemand wisse, ob dieses Experiment gelingen werde. Dies stimmt jedoch nicht. Studien haben gezeigt, dass erstens durch regelmässige Wolfsabschüsse die Toleranz für die Tiere bei der Bevölkerung abnehmen kann und zweitens, dass – und das ist wichtig für alle Schafbesitzer im Gebiet – Nutztierrisse dort zunehmen, wo Wolfsbestände reguliert werden. Dies, weil die Familienstruktur bei Fehlabschüssen zerstört werden kann. Fehlabschüsse am Calanda, mitunter auch Elterntiere, sind leider sehr wahrscheinlich, weil man die einzelnen Wölfe im Winter nicht mit Sicherheit voneinander unterscheiden kann. Man spielt hier also mit dem Feuer, und dies im Namen der Toleranz. Unter dem Strich muss gesagt werden, dass es keinen guten Grund gibt, Wölfe am Calanda abzuschiessen.