Eine Entlassung anstelle einer offenen Debatte

Vor Weihnachten entlassen zu werden und sofort sein Büro räumen zu müssen, ist für einen Angestellten ein Schock. Am Dienstag traf es Thomas Gerig, Abteilungsleiter Weiterbildung an der Schule für Gestaltung unter dem Dach der Berufsschule St. Gallen (GBS). Dafür muss es schwerwiegende Gründe geben

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Vor Weihnachten entlassen zu werden und sofort sein Büro räumen zu müssen, ist für einen Angestellten ein Schock. Am Dienstag traf es Thomas Gerig, Abteilungsleiter Weiterbildung an der Schule für Gestaltung unter dem Dach der Berufsschule St. Gallen (GBS). Dafür muss es schwerwiegende Gründe geben: Der im August mit einer Bewährungsfrist abgemahnte Abteilungsleiter habe seit Jahren Kompetenzen überschritten und Weisungen missachtet, begründet GBS-Rektor Lukas Reichle seinen Entscheid. Zuletzt habe Gerigs eigenmächtige Information von Kantonsräten im Kampf gegen hohe Vorkursgebühren das Fass zum Überlaufen gebracht. Gerig ficht die Entlassung mit Anwalt Paul Rechsteiner an – arbeitsrechtlich dürfte er wenig Chancen haben.

Rechtens oder richtig ist jedoch zweierlei. Bildungspolitisch wirft der Eclat Fragen auf, die auf die obersten Behörden zurückfallen. Als Leiter einer Kreativschule war Gerig eine Idealbesetzung, auch wenn er viele Leute vor den Kopf gestossen und den Bogen überspannt hat. Warum hat der kantige Macher, der wenig zum Märtyrer taugt, seine Entlassung provoziert? Was bedeutet es, dass somit der vierte Abteilungsleiter seit 2007 die Schule frustriert verlässt? Obwohl sie dank Gerig und seinem Team jüngst wieder an Ausstrahlung, Qualität und Schwung gewonnen hat? Welchen Stellenwert hat die Schule für Gestaltung im Riesengebilde GBS – eher Kieselstein im Schuh oder stolzes Kreativ-Aushängeschild?

Als Höhere Fachschule für Künste, Gestaltung und Design ist die Schule für Gestaltung «die wichtigste und traditionsreichste Bildungsstätte für visuelle Kommunikation und gestalterisch-künstlerische Grund- und Weiterbildungen in der Ostschweiz», heisst es in der Selbstdarstellung. «Der Kreativität, Experimentierfreude und dem visionären Denken sind kaum Grenzen gesetzt...» Im Spiegel der jüngsten Ereignisse lesen sich diese Zuschreibungen wie schönfärberische Werbesätze.

Was sich trotz vieler offener Fragen sagen lässt: Wut ist ein ebenso schlechter Ratgeber wie Angst. Man muss vermuten, dass die Hierarchien an der Schule für Gestaltung im GBS – erst recht unter Spardruck – beides nicht verhindern können. Dabei bräuchte eine sprudelnde Schule keine Maulkörbe, sondern Auslauf. Und eine mutige Debatte, auch was ihre Räume angeht. Ohne eine starke Schule für Gestaltung ist St. Gallen schwächer. Und langweiliger. Das sollten eigentlich auch der GBS-Rektor, der Amtschef für Berufsbildung und der Bildungsdirektor wissen.

Marcel Elsener
marcel.elsener@tagblatt.ch