SEXTORTION: Die Hormonfalle schnappt zu

Die Anzeigen wegen der Erpressungsmethode «Sextortion» nehmen zu - auch in der Ostschweiz. Behörden rechnen zudem mit einer hohen Dunkelziffer. Die Kriminalprävention rät davon ab, in diesen Fällen Lösegeld zu zahlen.

Sebastian Keller
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Opfer von Sextortion zu werden ist für die meisten eine peinliche Angelegenheit. (Bild: Photographee.eu (86282376))

Opfer von Sextortion zu werden ist für die meisten eine peinliche Angelegenheit. (Bild: Photographee.eu (86282376))

Zuerst die prickelnde Verlockung, dann das böse Erwachen. Das ist die Gefühlsspanne bei Sextortion. Die Wortneuschöpfung setzt sich aus dem Wort «Sex» und dem englischen Begriff für Erpressung (Extortion) zusammen. Dieser Erpressungsmethode übers Internet fallen in der Schweiz immer mehr Männer zum Opfer. «Die Zahl der Fälle von Sextortion ist in den vergangenen Jahren angestiegen», sagt Daniela Sigrist, Sprecherin der Kantonspolizei Bern und der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten.

Zum Ausziehen verführt

Die Fälle spielen sich nach ähnlichem Muster ab. Eine Frau, jung und attraktiv, kontaktiert einen Mann auf einem sozialen Netzwerk wie Facebook. Dann lockt sie ihn zu einer Videochat-Plattform, etwa Skype. Dort entblösst sie sich und animiert ihr Gegenüber, sich zu entkleiden. Die Frau berührt sich, fordert den Mann auf, sich selber zu befriedigen. Die Frau hat aber kein sexuelles Interesse. Sie will Geld. Deshalb zeichnet sie die Selbstberührungen des Mannes auf. Einige Stunden später erhält der Mann eine E-Mail. Diese erhält einen Link zu einem Video, in dem sich der Mann bei seinen autoerotischen Aktivitäten erblickt. Das E-Mail erhält zudem die Drohung, dass das Video veröffentlicht wird, wenn der Mann kein Lösegeld bezahlt.

Polizeibehörden berichten von unterschiedlichen Ausgängen solcher Fälle. Mal veröffentlichten die Erpresser das Video trotz Bezahlung des Lösegelds; mal passierte nichts, auch wenn kein Geld überwiesen wurde. Matthias Graf, Sprecher der Kantonspolizei Thurgau, sagt: «In der Regel wird das Video ins Netz gestellt, obwohl bezahlt wird, und es folgen weitere Forderungen.» Hanspeter Krüsi, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen, weiss von einem Fall, in dem ein Mann 8000 Franken bezahlt hatte. Im Thurgau wurden im laufenden Jahr zehn Sextortion-Fälle angezeigt. Diese fallen unter den Straftatbestand Erpressung. 2015 wurden bei der Kantonspolizei total 28 Erpressungen angezeigt, im Vorjahr waren es 14. Verantwortlich für den Anstieg: Sextortion. Die Kantonspolizei St. Gallen berichtet ebenfalls von einem Anstieg: Im laufenden Jahr waren es bereits 15 Sextortion-Fälle, gleich viel wie im ganzen Vorjahr. Sextortion ist eine junge kriminelle Masche. «Bekannt wurde das Phänomen bei uns erstmals im Jahr 2014», sagt Krüsi.

Internationale Banden am Werk

Die meisten Fälle werden aber gar nie aktenkundig. «Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus», sagt Krüsi. Für die Männer sei es unangenehm, mit einem derartigen Problem an die Polizei zu gelangen. Mit einer hohen Dunkelziffer rechnet auch Chantal Billaud. Sie ist stellvertretende Geschäftsleiterin der Schweizerischen Kriminalprävention (SKP). «Wir haben regelmässig Anrufe von Hilfesuchenden», sagt sie. «Diese Männer schämen sich sehr.» Zudem lähme die Angst, vor allem bei Jugendlichen, dass die Familie, der Freundeskreis oder das Berufsumfeld die blossstellenden Bilder zu sehen bekommen.

Auf die Frage, wie Betroffene reagieren sollen, heisst es überall: Nicht zahlen! Kontakt sofort abbrechen! Chantal Billaud empfiehlt, das Material, den Chat-Verlauf beispielsweise, zu speichern und sofort die Polizei zu informieren. Sollte der Film trotzdem auf einem Videoportal auftauchen, empfiehlt sie, die Betreiber um die Löschung des Videos zu bitten. Die Behörden gehen davon aus, dass es sich um international operierende Banden handelt, welche die Frauen auf die Männer ansetzen. Polizeisprecher Krüsi sagt: «Die Täterschaft zu ermitteln ist recht schwierig. Diese agiert meistens aus dem Ausland.» Chantal Billaud von der Kriminalprävention geht davon aus, dass die Hormonfalle weiterhin im Internet ausgelegt wird: solange Männern darauf hereinfallen.

Frauen und die Romantik

Sextortion-Fälle mit Frauen als Opfer sind keine bekannt. «Bei Frauen funktioniert wohl die Masche mit der Lüsternheit nicht», sagt Chantal Billaud. Frauen fielen eher auf Betrügereien, die auf Romantik aufbauen, herein. Der Begriff für eine solche List: Love-Scam. Bei dieser bauen Männer über Internet eine Beziehung zu einer Frau auf, gaukeln ihr die grosse Liebe vor. «Ganz perfid über längere Zeit», sagt Billaud. Wenn sie ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben, erbitten die Männer Geld. Wenn sie genug eingesackt haben, lassen sie nichts mehr von sich hören. Zurück bleibt die Frau. Mit weniger Geld auf dem Konto und einem gebrochenen Herzen.