Der Tilsiter ist kein Russe mehr

WEINFELDEN. Er gilt als Billig-Käse, und das ist schlecht. Nun poliert der neue Geschäftsführer der Sortenorganisation das Image auf und führt den Tilsiter zurück zu den Ostschweizer Wurzeln. An einer Schaukäserei im russischen Sovetsk ist die Organisation nicht mehr interessiert.

Ida Sandl
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Der neue Chef: Peter Rüegg vor der Geschäftsstelle der Tilsiter Sortenorganisation in Weinfelden. Hinter ihm das Tilsiter-Logo. (Bild: Reto Martin)

Der neue Chef: Peter Rüegg vor der Geschäftsstelle der Tilsiter Sortenorganisation in Weinfelden. Hinter ihm das Tilsiter-Logo. (Bild: Reto Martin)

WEINFELDEN. Auf dem Schreibtisch von Peter Rüegg liegt ein Werbeprospekt von Coop. Eine ganze Seite über Schweizer Käse: Emmentaler, Gruyère, Appenzeller – aber kein Tilsiter. Rüegg verzieht den Mund: «Wir sind nicht sexy genug.»

Das will er ändern. Seit vier Monaten ist Rüegg Geschäftsführer der Sortenorganisation Tilsiter. Die Geschäftsstelle liegt im Weinfelder Industriequartier. Meistens ist Rüegg unterwegs auf Werbetour. Er redet sich den Mund fusselig für einen Käse, der – wie er findet – unter Wert verkauft wird. Der Tilsiter gelte als Billig-Käse. Einer, der für Aktionen herhalten muss, ein Türöffner für andere Sorten. «Das ist der Tod für ein Produkt», sagt Rüegg. Unterm Strich würden alle zu wenig verdienen.

Schmeckt auch Kindern

Dabei muss sich der Tilsiter nicht hinter der Konkurrenz verstecken. «Es ist ein hervorragender Käse», sagt Rüegg. Milder als der Appenzeller, weicher als der Gruyère. «Der schmeckt auch Kindern.»

Ausserdem sei der Tilsiter ein Thurgauer oder zumindest ein Ostschweizer. In dieser Region sind die meisten Tilsiter-Käsereien angesiedelt. Das wollen die Konsumenten heute, sagt Peter Rüegg: «Ein heimisches Produkt.» Diesen Trumpf will er in Zukunft noch stärker ausspielen.

Bis vor kurzem klang das noch ziemlich anders bei der Tilsiter-Sortenorganisation. Jahrelang war das Marketing auf die russischen Wurzeln des Käses ausgerichtet.

Tilsit liegt im Thurgau, hiess es im 2007. Dem Weiler Holzhof in Amlikon-Bissegg wurde sogar ein fingiertes Ortsschild verpasst: «Tilsit TG» steht darauf.

Die armen Schweizer

Der Geschichte nach sollen verarmte Schweizer Käser ins ostpreussische Tilsit ausgewandert sein. Den Käse, den sie dort fabrizierten, nannten sie nach ihrer neuen Heimat Tilsiter. 1893 kamen wieder zwei Thurgauer nach Tilsit. Der eine war der Käser-Geselle Otto Wartmann vom Holzhof. Den Männern muss geschmeckt haben, was sie in der Fremde aufgetischt bekamen. Jedenfalls nahmen sie das Rezept mit nach Hause. Diese Geschichte wurde von der Tilsiter-Organisation wieder aufgekocht. Kontakte zwischen Tilsit, das heute Sovetsk heisst, und der Schweiz wurden geknüpft. Besuche folgten, und beim Stadtfest von Sovetsk kochten die Schweizer Fondue und Raclette. Es gibt auch noch einen romantischen Aspekt: Rüeggs Vorgänger Bruno Buntschu hat seine Frau Tatjana in Sovetsk kennengelernt.

Nach und nach entstand die Idee einer Schaukäserei in Russland. Gedacht als Chance für die Region, aber auch als Export-Plattform für Schweizer Käse. Neben der Käserei waren ein Laden und ein Restaurant geplant. Die Russen waren begeistert.

Doch das Projekt kam bald ins Stocken. Der bürokratische Aufwand war sehr viel grösser als angenommen. Dann stellte sich heraus, dass es im Umkreis von hundert Kilometern nicht genug Milchbauern gibt, um die Käserei zu beliefern. «Wir müssten zuerst eine funktionierende Milchwirtschaft aufbauen», sagt Rüegg.

Anfang des Jahres verabschiedete sich die Sortenorganisation aus dem Projekt. Rüeggs Fazit: «Für den Schweizer Markt bringt uns die russische Geschichte überhaupt nichts.» Lieber wirbt er mit den Tilsiter-Käsereien in der Region. Und für den Export seien Deutschland und Österreich lohnendere Ziele als Russland.

Buntschu macht privat weiter

Bruno Buntschu dagegen hat das Projekt Schaukäserei noch nicht ganz abgeschrieben. Er engagiert sich jetzt auf privater Basis weiter. Immerhin hat die Berufsschule in Sovetsk bereits mit der Ausbildung von Milch- und Käsetechnologen begonnen. Die Schaukäserei soll aber kleiner werden. Statt vier bis fünf Millionen Euro, soll sie noch 600 000 bis 800 000 Euro kosten.

Buntschu findet, dieses Geld müsse sich auftreiben lassen. Unter anderem bei den Heimatvertriebenen, die nach dem zweiten Weltkrieg von Ostpreussen nach Deutschland kamen. Viele von ihnen wären bereit, ihrer alten Heimat etwas Gutes zu tun.

Nächstes Jahr will Buntschu entscheiden, ob er das Projekt weiter verfolgt.