«Der Lehrplan 21 ist überfüllt»

Zu hohe Mindestansprüche an die Schülerinnen und Schüler, zu viel Fremdsprachenunterricht auf der Primarstufe, viele offene Fragen: Die Ostschweizer Lehrerverbände beurteilen den Lehrplan 21 kritisch und verlangen eine Überarbeitung.

Adrian Vögele
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Der Leistungsdruck im Schulzimmer werde mit dem Lehrplan 21 weiter zunehmen, fürchten Ostschweizer Lehrerinnen- und Lehrerverbände. (Bild: Reto Martin)

Der Leistungsdruck im Schulzimmer werde mit dem Lehrplan 21 weiter zunehmen, fürchten Ostschweizer Lehrerinnen- und Lehrerverbände. (Bild: Reto Martin)

Dicke Post für die Pädagogen: Über 500 Seiten lang ist der Entwurf des Lehrplans 21, den die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz den Kantonen vorgelegt hat. Neu schreibt der Lehrplan nicht mehr vor, welcher Stoff zu behandeln ist, sondern, welche Kompetenzen die Schülerinnen und Schüler vorweisen können müssen. Das heisst: Der Plan ist nicht bereits erfüllt, wenn das Wissen im Unterricht vermittelt wurde, sondern erst, wenn die Kinder und Jugendlichen es nachweislich auch anwenden können.

Mit diesem Ansatz sind die Lehrerverbände der Kantone St.Gallen, Thurgau und beider Appenzell einverstanden. Doch der Entwurf schiesse über das Ziel hinaus, so der Grundtenor. «Der Lehrplan 21 ist überfüllt und muss den zur Verfügung stehenden Zeitgefässen angepasst werden», sagt Anne Varenne, Präsidentin des Verbands Bildung Thurgau. «Streichen, streichen, streichen», fordert auch Stephan Streule, Präsident des Innerrhoder Lehrervereins.

«Die Mindestansprüche an die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler sind in fast allen Fächern zumindest teilweise zu hoch», sagt Varenne. In der Mathematik beispielsweise: Hier rechnet der Thurgauer Verband damit, dass über fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen die Mindestansprüche nicht erreichen würden. Auch in Deutsch und im Bereich «Natur, Mensch, Gesellschaft» (NMG) liege die Latte zu hoch – und ebenso in musisch-gestalterischen Fächern: In der Musik etwa seien die Anforderungen fast nicht zu erreichen, urteilt Bildung Thurgau.

Negative Effekte

«Wir befürchten, dass der Leistungsdruck mit dem Lehrplan 21 weiter zunimmt», sagt Varenne. Das bedeute, dass auch die Zahl der Kinder, deren Lernziele gesenkt werden müssten und die zusätzliche Hilfe beim Lernen benötigten, ansteigen werde. Hansjörg Bauer, Co-Präsident des St. Galler Lehrerinnen- und Lehrerverbands, sagt ebenfalls: «Zu hohe Standards führen zu negativer Stimmung unter den Schülerinnen und Schülern.» Ein weiteres Problem sei, dass der Lehrplan zwar zahlreiche Kompetenzen fordere, diese aber alle gleich gewichte. «Es bestehe die Gefahr, dass man sich im Unterricht verzettelt. Gewisse Fähigkeiten sollten hervorgehoben und als Kernkompetenzen bezeichnet werden.»

Zweite Fremdsprache schieben

Bildung Thurgau kritisiert weiter, dass die Stundentafel im Lehrplan 21 nicht ausgewogen sei. «Der gestalterische Bereich braucht in der Primarschule mehr Platz», sagt Anne Varenne. «Bei der Berufswahl in der Sekundarstufe sollten Schüler ihre fein- und grobmotorischen Fähigkeiten sowie ihre manuellen Interessen kennen.» Für eine ausgewogene Stundentafel seien zwei Fremdsprachen in der Primarschule daher zu viel. «Unserer Meinung nach sollte die zweite Fremdsprache erst auf der Sekundarstufe hinzukommen», sagt Varenne. Zudem habe der Lehrplan eine verbindliche Stundentafel für alle beteiligten Kantone vorzuschreiben. «Nur so macht die Harmonisierung Sinn.» Diese Meinung teilt auch Werner Brugger, Präsident der Ausserrhoder Lehrerinnen und Lehrer. «Der Lehrplan sollte möglichst eine Einheit schaffen.»

Auch Hansjörg Bauer und Stephan Streule würden es begrüssen, wenn sich der Lehrplan in der Primarschule auf eine Fremdsprache beschränken würde. «Die Schülerinnen und Schüler sind in der Primarschule grundsätzlich überlastet», sagt Bauer. Der St. Galler Verband macht ebenfalls auf das Thema Berufswahl aufmerksam: «Dieses hat im Lehrplan 21 zu wenig Platz», sagt Bauer. «Dafür sollte auf der Sekundarstufe ein eigenes Fach geschaffen werden, ebenso für den Bereich Medien, Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT), der immer wichtiger wird.»

Stephan Streule kritisiert ausserdem, der Lehrplan sei in einer Expertensprache abgefasst und enthalte zu viele Fachbegriffe. «Ein Lehrplan für die Volksschule sollte so formuliert sein, dass alle ihn verstehen – auch die Eltern. Das ist nicht der Fall.»

Art der Bewertung noch offen

Viele Fragen der Lehrerverbände beantwortet der Lehrplan trotz seines Umfangs nicht. Zum Beispiel: Auf welche Weise sollen die Lehrkräfte die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler beurteilen? «Der Lehrplan 21 zielt auf Kompetenzraster als Mittel zur Bewertung, gleichzeitig fordert die Politik, dass wir das Notensystem beibehalten», stellt Anne Varenne fest. Hier müssten die notwendigen Instrumente erst noch erarbeitet werden. «Kompetenzraster geben detailliertere Auskunft über die Fähigkeiten des Schülers als Noten – allerdings bedeuten sie für die Lehrerschaft einen enormen Mehraufwand», sagt Varenne.

Ebenfalls heikel ist die Frage nach den Ressourcen, vor allem in Kantonen mit angespannter Finanzlage: Die Einführung des Lehrplans kostet die öffentliche Hand einiges – etwa in Form von Finanzmitteln für Weiterbildungen. Zurückkrebsen aus finanziellen Gründen komme jedoch nicht in Frage, warnt Anne Varenne. «Der Lehrplan 21 ist politisch abgestützt. Konsequenterweise muss man auch bereit sein, die zeitlichen und finanziellen Ressourcen für die Umsetzung zu sprechen.»