«Aufrichten statt unterrichten»

Ideen und Fragen zur Schule von morgen widmet die Pädagogische Hochschule St. Gallen ihren Hochschultag 2014. Reformpädagoge Otto Herz knüpft seine Überlegungen und Ziele an Wünsche von Kindern. Das befeuert die Diskussion.

Fritz Bichsel
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Anstelle «zwangsweise gebildeter» Klassen von Gleichaltrigen empfiehlt Reformpädagoge Otto Herz «freiwillig konstituierte Lerngemeinschaften». (Bild: ky/Christian Beutler)

Anstelle «zwangsweise gebildeter» Klassen von Gleichaltrigen empfiehlt Reformpädagoge Otto Herz «freiwillig konstituierte Lerngemeinschaften». (Bild: ky/Christian Beutler)

RORSCHACH. Stéphanie Oertli als Sängerin und Robert Fricker als Pianist stimmen die gut 200 Gäste im Hochschulgebäude Mariaberg in Rorschach ein. Sie sind Dozenten hier, wo die PHSG Lehrkräfte für Kindergarten und Primarschule ausbildet und musische Bildung grosse Bedeutung hat. Das dürfte auch in der Schule von morgen Bestand haben.

PHSG-Rektor Erwin Beck beleuchtet aktuelle Schlagworte wie Revolution mit digitalem Lernen anstelle von Schulen, kompetenzorientiertes Lernen oder professionelle Intelligenz. Referent Otto Herz spricht dann von «Lern-Tsunami», dem Schulen «Ruhe in Lern-Klöstern» entgegensetzen sollten.

Anliegen von Kindern beachten

Otto Herz, 70jährig noch aufmüpfig wie als 68er, ist Wissenschafter, Autor und gefragter Referent für alternative Schulformen. In Rorschach hält er aber kein Referat. Stattdessen überbringt er Vertretern von Behörden, Hochschulen, Konventen und Lehrerverbänden Wünsche von Kindern, die er 24 Stunden vorher am Zukunftstag hörte. Und er erläutert, dass sich diese weitgehend decken mit seinen Erkenntnissen für eine andere Volksschule. Wenn Schüler einen Lift, eine Cafeteria oder einen Pool wünschen, müsse es nicht unbedingt das sein. Aber es gelte zu beachten: «Nach Schülern selbst und dem Lehrer ist der Raum der dritte Pädagoge.» Dass weder Kinder noch Eltern mit Hausaufgaben glücklich sind, überrascht Otto Herz nicht. «Aber dass wir dieses Peinigerinstrument für Arbeit in Einzelhaft noch immer einsetzen.» Auch mit dem Wunsch für mehr Pausen liegen die Kinder nach seiner Bewertung richtig: «Erfahrungen an Konferenzen zeigen: Die interessantesten Fragen werden in Pausen diskutiert.»

Otto Herz gibt den Zuhören viele weitere Ratschläge mit wie «Menschen nicht wie in Diktaturen abrichten und in Demokraturen unterrichten, sondern für eine freie Gesellschaft aufrichten», «Inspiration statt Instruktion», «Wertschätzung der Anstrengung statt Bewertung mit Noten» oder «als Gebot Nummer eins: Kinder ernst nehmen».

Auf dem Weg, aber...

Das Podiumsgespräch unter Leitung von PHSG-Prorektor Titus Guldimann spiegelt Zuspruch und Vorbehalte. Bildungschef Stefan Kölliker sieht nebst Chancen auch Gefahren für eine solche Schule von morgen: «Angesichts von Staaten, die das Bildungssystem nicht mehr finanzieren können, oder Eltern, die sich Individualinteressen statt den Kindern widmen». Studentin Stefanie Eggmann sieht in der Ausbildung an der PHSG schon Ansätze für neue Schulformen und Schulleiter Hanspeter Krüsi sein Schulhaus mit vielen Migrantenkindern auf dem Weg zur skizzierten Schule. Studentin Anja Scheifele ist noch nicht zufrieden mit der Förderung von Talenten und dem Eingehen auf individuelle Bedürfnisse von Schülern. Marlies Angehrn, Leiterin des Schulamtes St. Gallen, sieht sich gestärkt im Streben, die Wissensflut zu begrenzen und Lehrkräfte als Potenzialförderer zu stärken. PHSG-Rektor Erwin Beck nimmt mit, sich in Entschleunigung des Schulbetriebs und Geduld bei Projekten zu üben.

Preise für Engagement

Der Hochschultag – nicht tagsüber, sondern gestern Freitagabend nach Feierabend – bildete auch diesmal den Rahmen zur Auszeichnung besonderen Engagements. Einen solchen Preis verdienten sich Anita Fahrni als Initiantin und Organisatorin des Austauschjahres für Pädagogikstudentinnen aus der Mongolei, Anita Hüttenmoser als Initiantin und seit zehn Jahren Leiterin der Lernstudios auf Mariaberg für Studenten und Migrantenkindern an Samstagvormittagen sowie Jürg Sonderegger für sein Wirken über Jahrzehnte von Lehrer über Forscher bis PHSG-Prorektor in Rorschach.

Diese Aufgabe hat er nun übergeben an Heidrun Neukamm, die erste Frau an der Spitze dieser seit 150 Jahren bestehenden Bildungsstätte.