Anlaufstellen für versorgte Heimkinder

Die Kantone St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden haben Anlaufstellen für ehemalige Heimkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen bezeichnet, wie sie gestern bekanntgaben.

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Die Kantone St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden haben Anlaufstellen für ehemalige Heimkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen bezeichnet, wie sie gestern bekanntgaben. Bis in die 1980er-Jahre existierte in der Schweiz eine heute als unrecht deklarierte Praxis: Dazu gehörten Einweisungen in geschlossene Institutionen oder Strafanstalten, Zwangskastrationen und -sterilisierungen, Zwangsabtreibungen oder Zwangsadoptionen sowie Fremdplazierungen (Verding- oder Heimkinder).

Betroffen von den Massnahmen der Behörden waren Menschen, die den damaligen gesellschaftlichen und moralischen Wertvorstellungen nicht entsprachen und als «arbeitsscheu, liederlich oder sittlich verwahrlost» beurteilt wurden.

Viele Heime in Ausserrhoden

«In Appenzell Ausserrhoden gab es sehr viele Kinderheime – auch heute noch ist die Heimdichte überproportional gross», sagt Staatsarchivar Peter Witschi. Das Ausserrhoder Staatsarchiv ist erste Anlaufstelle für Betroffene fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. «Wir helfen ihnen in einem ersten Schritt, ihre Dokumente zu finden», sagt Witschi.

Der Staatsarchivar hat Kenntnis von 80 Dossiers zu administrativen Versorgungen sowie von 400 administrativen Verfügungen von Regierung und Justizdirektion im vergangenen Jahrhundert. «Und ich gehe von fünfhundert Fällen fremdplazierter Heimkinder aus, über welche Akten in Gemeindearchiven zu finden sind», sagt Witschi.

Anstalten «mit Vergangenheit»

Zwei grössere Institutionen, die Zwangsarbeitsanstalt Gmünden in Teufen sowie der Kreckelhof in Herisau, sind laut Witschi «durch die Plazierung von besonders vielen administrativ Versorgten aufgefallen». Für ihn ist das Einrichten der Anlaufstelle daher ein erster Schritt. «Eine umfangreiche historische Aufarbeitung könnte später folgen.»

Anliegen vorbringen

Der Film «Das Kinderzuchthaus Rathausen» hatte im Jahr 2010 viele Menschen aufgeschreckt. Schwarz auf weiss zeigen auch die Berichte des Kantons Luzern «Kinderheime im Kanton Luzern im Zeitraum von 1930 bis 1970» und der Expertenkommission «Ingenbohler Schwestern in Kinderheimen, Erziehungspraxis und institutionelle Bedingung von Rathausen und Hohenrain», was Kindern und Jugendlichen in Heimen zum Teil widerfahren ist.

Im Kanton St. Gallen wird die Koordinations- und Anlaufstelle von Judith Widmer, Generalsekretärin-Stellvertreterin im Departement des Innern, betreut. Betroffene können von Montag bis Donnerstag unter 058 229 24 14 ihre Anliegen vorbringen. (cz)

Morgen Donnerstag, 11. April, findet in Bern ein nationaler Gedenkanlass für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen statt.