Abschied vom Chalet-Charme

SCHWÄGALP. Das neue Säntis-Hotel auf der Schwägalp ist ein Zweckbau für den Massentourismus. Für die einen markiert die Eröffnung das Ende der Bergromantik, andere loben das zeitlose Design der Innenräume.

Michael Genova
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Vor einer Woche eingeweiht: Das neue Säntis-Hotel auf der Schwägalp hat 68 Zimmer – am 15. Dezember startet der Hotelbetrieb. (Bild: Urs Bucher)

Vor einer Woche eingeweiht: Das neue Säntis-Hotel auf der Schwägalp hat 68 Zimmer – am 15. Dezember startet der Hotelbetrieb. (Bild: Urs Bucher)

Der wuchtige Bau des neuen Säntis-Hotels auf der Schwägalp unterscheidet sich äusserlich stark vom alten Berghotel, dessen Holzfassade an ein Appenzellerhaus erinnert. Begeisterung über die Innenräume, Skepsis gegenüber der Gebäudegrösse: Zwischen diesen Polen schwanken die ersten Reaktionen der Besucher.

«Züri-West auf der Schwägalp», kommentiert Leser Ralph Lang auf Tagblatt online. Von innen sei der Neubau funktionell und stilvoll gestaltet, von aussen dominiere der «Kasernen-Charme». Anders sieht es Leser Martin Halasz. Das Gebäude sei zwar riesig, aber definitiv keine Landschaftsverschandelung. «Die grossräumige Schwägalp ist für so einen grossen Baukörper durchaus geeignet.» Und Otto Lei fragt: «Was ist denn authentisch?» Das Bauvolumen sei wohl kaum in ein Haus im Appenzellerstil zu applizieren.

Abschied von der Alpidylle

Das Säntis-Hotel ist als Neubau auf den Massentourismus ausgerichtet. An Spitzentagen im Sommer werden über 10 000 Ausflügler durch diese voralpine Empfangshalle geschleust. Die NZZ beschrieb den Neubau deshalb als «Bergterminal aus Beton und Holz». Mit dem Abbruch des alten Berghotels verabschiede sich die Schwägalp definitiv von der Bergromantik.

Ähnlich argumentiert Thomas Künzle, Architekt aus Gais. «Die Alpidylle und Gemütlichkeit, zumal von aussen betrachtet, haben die Schwägalp definitiv verlassen.» Der neue massige und rationale Bau aus Holz und Beton sei funktional. Er könne ebenso gut in der städtischen Agglomeration stehen.

Während des Architekturwettbewerbs war auch ein Vertreter des Ausserrhoder Heimatschutzes eingeladen. Obfrau Eva Louis findet, dass die Positionierung des neuen Hotels am Rande des Areals gut gewählt wurde. «Die Qualität der Situation wird jedoch erst voll zur Geltung kommen, wenn das alte Hotel und das Nebengebäude abgebrochen worden sind.»

Die Fenster als Bilder

Umgesetzt hat den Neubau das Architektur- und Ingenieurbüro Schällibaum AG aus Wattwil und Herisau sowie die Ammann Partner AG aus Stein. Bei der Innenraumgestaltung fällt der Kontrast zwischen warmem Eichenholz und kühlem Sichtbeton auf. Beton kommt vor allem in den stark beanspruchten Eingängen und Fluren zum Einsatz. Im Restaurant und in den Sälen erzeugt Eichenholz eine warme Atmosphäre. «Die Menschen sollen sich wohl fühlen», sagt Florian Schällibaum.

Wichtig war dem Architekten bei den Innenräumen ein «zeitloser» Stil. «Wir wollten auf keinen Fall in Konkurrenz zur Natur treten», sagt Schällibaum. Die Natur, das imposante Bergmassiv, soll der Besucher durch die grossen Fenster spüren. In den Hotelzimmern wurden die Bilder an den Wänden weggelassen. Die Begründung des Architekten: «Die Fenster sind die Bilder.»

Im ganzen Hotel sind die gestalterischen Akzente bewusst gesetzt. So etwa spiralförmige Ornamente oder Putzoberflächen, die mit Gravurwerkzeugen bearbeitet wurden. Tapeten mit Alplandschaften der St. Galler Textilfirma Jakob Schläpfer schaffen farbige Kontraste in der braungrauen Umgebung. Und beleuchtete Ketteninstallationen bringen ein Licht- und Schattenspiel in die hohen Räume. Überhaupt ist das Licht ein zentrales Gestaltungselement im Neubau auf der Schwägalp, wo die Wetterlagen schnell wechseln. «Wir wollten mit Licht Stimmung machen, gerade wenn das Wetter schlecht ist», so Schällibaum.

Florian Schällibaum Architekt, Schällibaum AG, Wattwil und Herisau (Bild: pd)

Florian Schällibaum Architekt, Schällibaum AG, Wattwil und Herisau (Bild: pd)