37 Millionen in 33 Tagen

Die Schweizerische Südostbahn AG frischt zwischen Herisau und Wattwil die 100jährige Infrastruktur auf. Eine logistische Herkulesaufgabe in fünf Wochen Sommerferien: Die Kunden werden auf die Strasse verbannt.

Christoph Zweili
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Herisau, Glattal-Viadukt, Schachen West, Kirchtobel-Viadukt, Weissbach-Viadukt, Degersheim, Aesch-, Neuhaus-, Russen-, zuletzt der längste Tunnel der SOB, der Wasserfluhtunnel: Die Strecke der drittgrössten Normalspurbahn ist eine der kunstbautenreichsten der Schweiz. 19 Tunnels und 140 Brücken sind es auf den ganzen 120 Streckenkilometern, etwas weniger auf der 20 Kilometer langen Teilstrecke zwischen Herisau und Wattwil. Die schwierigen topographischen Verhältnisse in der voralpinen Landschaft waren und sind eine Herausforderung für die Ingenieure.

Tunnels aus der Gründerzeit

Die zwischen 1905 und 1910 erbaute Bahnstrecke der ehemaligen Bodensee-Toggenburg-Bahn ist in die Jahre gekommen: Brücken, Tunnels, Mauern stammen aus der Gründerzeit, sind also rund 100 Jahre alt. «Für Kunstbauten ein typischer Zyklus», beruhigt Markus Barth, Leiter Infrastruktur der SOB. Doch die Schäden sind unübersehbar: Eindringendes Wasser bei den Naturstein-Viadukten Glattal in Herisau und Weissenbach bei Degersheim und schadhafte Fugen, wo sich im Winter Eiszapfen bilden. Abnützungsspuren auch in den Tunnels. «Mit dem Wasserfluhtunnel hat alles begonnen», sagt Barth bei der SOB-Extrafahrt. Die Sanierung des Tunnels zwischen Brunnadern und Lichtensteig begann bereits im Frühling 2011. «Irgendwann hätten wir ihn aber für fünf Wochen ganz sperren müssen.» In einigen Tunnels wird der Gleisunterbau, die Sole, abgesenkt – Vorbereitungsarbeiten, um die Tunnels doppelstock-tauglich zu machen. Per Dezember 2019 will die SOB den VoralpenExpress mit neuem Rollmaterial fahren.

Ein findiger Kopf im Unternehmen rechnete alle grossen, mittelfristig anstehenden Bauprojekte zwischen Herisau und Wattwil zusammen – zehn an der Zahl – und brachte sie mit der S-Bahn St. Gallen in Verbindung. Rund 100 Züge täglich sollen ab Dezember 2013 auf diesem Streckenabschnitt verkehren – doppelt so viele wie heute. Die veraltete Infrastruktur im rollenden Verkehr zu sanieren, hätte die Bahnkunden über Jahre verärgert. Das musste besser lösbar sein: Die Idee der Totalsperre war geboren.

Projekte parallel umsetzen

Ab Montag beginnt nun eine riesige logistische Herausforderung. Die SOB stellt vom 9. Juli bis 11. August den gesamten Bahnverkehr zwischen Herisau und Wattwil ein, um alle Bauprojekte parallel vorantreiben zu können – der Doppelspurabschnitt in Schachen-West ist dabei das Bindeglied zwischen S-Bahn St. Gallen und dem Neat-Gotthard-Anschluss in Arth-Goldau für den Voralpen-Express. Die SOB bietet den Reisenden in den Sommerferien zwei Transportvarianten per Postauto/Bus: eine schnelle, direkte Verbindung für die VoralpenExpress-Züge und die S4 vom Bahnhof Herisau zum Bahnhof Wattwil und zurück über die Wasserfluh sowie ein langsameres Bahnersatz-Angebot (S4, S2) mit Halt an allen Bahnhöfen. Die Reisezeit verlängert sich gegenüber dem Zug um je eine halbe Stunde.

An den 33 Betriebstagen legen 35 Chauffeure eines Konsortiums unter Leitung der Region Ostschweiz der PostAuto Schweiz AG in sechs Gelenk-, fünf Zweiachsbussen sowie kleineren Bussen rund 190 000 Kilometer zurück. Täglich sind elf Fahrzeuge von fünf Uhr früh bis ein Uhr nachts im Einsatz. «In der Hauptverkehrszeit sind wir damit am Limit», hiess es gestern bei der Eröffnungsveranstaltung zur SOB-Totalsperre.

Die Privatbahn SOB ist das zweite Bahnunternehmen, das in der Ostschweiz eine Totalsperre einsetzt – die SBB-Tochter Thurbo sperrt die Strecke Wil–Weinfelden noch bis 27. September.

Alt und neu: Wegen des Doppelspur-Ausbaus Schachen-West wird ein neuer Viadukt über das Kirchtobel erstellt. (Bild: Visualisierung: IG Schällibaum AG/dsp Ingenieure + Planer AG)

Alt und neu: Wegen des Doppelspur-Ausbaus Schachen-West wird ein neuer Viadukt über das Kirchtobel erstellt. (Bild: Visualisierung: IG Schällibaum AG/dsp Ingenieure + Planer AG)

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