Das Chaos des Waldmenschen

BRÜLISAU. 40 Jahre lebte er in einer illegalen Behausung im Innerrhoder Wald. Nach seinem Tod im August 2012 entpuppte sich die vermeintliche Waldhütte als dreistöckige Baute aus Beton mit gigantischen Altlasten. Bis gestern wurde aufgeräumt.

Julia Nehmiz
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Brülisau - Waldmensch  Waldmann lebte in dieser Hütte während Jahrzenten (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Brülisau - Waldmensch Waldmann lebte in dieser Hütte während Jahrzenten (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Man sieht nichts mehr. Das illegale Waldhaus ist komplett verschwunden. Bäume wurden gerodet, die Wiese teils umgegraben. «Da oben, neben den zwei spitzen Baumstümpfen, dort stand das Waldhaus», sagt Fredy Mark. Der Leiter des Innerrhoder Amtes für Umwelt steht auf der Zufahrtsstrasse, im Nirgendwo zwischen Steinegg und Brülisau, und muss schlucken. Die ganze Sache sei ihm schon an die Nieren gegangen. Heute soll sie ihren Abschluss finden, die Geschichte des «Waldmenschen», wie er damals vor eineinhalb Jahren in den Medien genannt wurde.

Hier war er einfach der Gossauerli-Sepp. Der berühmteste Kaffeemaschinen-Reparateur, der jedes Gerät wieder zum Laufen brachte. Der Sonderling, der zurückgezogen im Wald lebte. Und dort im August 2012 starb.

Man liess ihn gewähren

Vierzig Jahre lang baute er auf einem Privatgrundstück an seiner Wald-Behausung. Illegal. Im Bezirk Rüte, zu dem Brülisau gehört, wusste man davon. Doch da der Sonderling keine Schulden hatte, niemandem zur Last fiel und keinen Schaden anrichtete, liess man ihn gewähren.

Das ganze Ausmass der illegalen Baute kam erst nach dem Tod des 80-Jährigen zum Vorschein. Die Waldhütte entpuppte sich als dreistöckiges Haus aus armiertem Beton. Überwuchert, hinter Zäunen versteckt, das Dach mit Topfpflanzen getarnt. «Von aussen war nichts zu erkennen», sagt Fredy Mark. «Es ist unglaublich, was er alles geschaffen hat, unbemerkt in Nachtarbeit, nur mit seinen Händen.»

Die dreistöckige Baute hatte mit 950 Kubikmetern die Ausmasse eines Einfamilienhauses. Doch wirklich wohnlich sei es nicht gewesen. Etliche Anbauten und Nebenbauten, ein höhlenartiges Gewirr von kleinsten Räumen, die Stockwerke durch die steile Hanglage von aussen zugänglich. Der «Waldmensch» hatte sogar einen Materiallift eingebaut, in den er sich selber stellen konnte. «Ein einfacher Seilzug, aber vollelektrisch.»

Selbstgebaute Kieswaschanlage

Eingerichtet war die Baute spartanisch. Als Bett diente eine Matratze auf dem Betonboden, ein Generator erzeugte Strom, im nahen Bächlein hatte der Tüftler sich eine Art Badewanne eingerichtet.

Die Behausung und das kleine Grundstück waren vollgestopft mit Gerümpel. 40 Tonnen brennbarer Abfall und acht Tonnen Sondermüll wie Öl, Säuren, Laugen und Farben wurden sofort nach ihrer Entdeckung im August 2012 entsorgt. Für den Abbruch holten sich Bezirk und Kanton Hilfe. «Das hätten wir alleine nicht geschafft», sagt Fredy Mark. Um überhaupt zur Baute gelangen zu können, wurden Bäume gerodet und eine provisorische Transportpiste angelegt. In zwei Etappen und mit 60 Lastwagenfahrten entsorgten die Sappeure des Militärs 40 Tonnen Metall, 40 Tonnen Bauschutt, 175 Kubikmeter Abfall aus dem Haus und 260 Kubikmeter Abfall aus der Umgebung.

Vor zwei Monaten entdeckte der Wildhüter bei einer Waldkontrolle in einem unzugänglichen Tobel eine selbstgebaute Kieswaschanlage, mit der der «Waldmensch» Beton herstellte. Diese wird in den nächsten Wochen entsorgt.

Aber warum war der Abbruch Sache des Kantons und nicht des Besitzers? «Der Sohn hat das Erbe ausgeschlagen», sagt Mark.

Streit mit dem Bruder

Mit der Aufräumaktion sei ihm die ganze Tragik des Falls bewusst geworden, sagt Fredy Mark. Er habe den Sonderling gut gekannt, er traf ihn oft beim Mittagessen im Restaurant Schäfli. Aber dass er so gehaust hatte, gehe ihm nahe.

Auslöser für den Rückzug in den Wald war wohl Streit mit dem Bruder. Der wohnt heute noch in seinem Bauernhaus, keine 300 Meter neben dem Wäldchen.

Die illegale Waldhütte bei Brülisau entpuppte sich als dreistöckige Baute aus armiertem Beton. Der Waldmensch hatte von 1964 bis zu seinem Tod 2012 hier gehaust. (Bild: Amt für Umwelt, Appenzell Innerrhoden/Ralph Ribi)

Die illegale Waldhütte bei Brülisau entpuppte sich als dreistöckige Baute aus armiertem Beton. Der Waldmensch hatte von 1964 bis zu seinem Tod 2012 hier gehaust. (Bild: Amt für Umwelt, Appenzell Innerrhoden/Ralph Ribi)