170 Kirchenglocken auf YouTube

Der Rorschacherberger Timo Bättig hat eine spezielle Gabe: Er kann sich den Klang von Kirchenglocken einprägen. Jede Woche kommen neue Geläute dazu, die er filmisch festhält und im Internet veröffentlicht.

Christoph Fust
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Timo Bättig unter der Dreifaltigkeitsglocke im Turm der Kolumbanskirche in Rorschach. (Bild: Ralph Ribi)

Timo Bättig unter der Dreifaltigkeitsglocke im Turm der Kolumbanskirche in Rorschach. (Bild: Ralph Ribi)

RORSCHACHERBERG. Gäbe es «Wetten dass …?» noch, hätte Timo Bättig gute Chancen, Wettkönig zu werden. Der 22jährige Rorschacherberger kann sich den Klang jeder Kirchenglocke einprägen, die er einmal gehört hat. «Es gibt keine zwei Glocken, die gleich klingen. Selbst wenn sie aus derselben Giesserei stammen», sagt er. Jede Glocke habe ihren eigenen Charakter. Sachen, die nicht mit Kirchenglocken zu tun hätten wiederum, könne sich Timo nur schwer merken, sagt seine Mutter Regula Bättig. Timo hat eine leichte Behinderung, er leidet an der Erbkrankheit tuberöse Sklerose. Bei diesem Gendefekt bilden sich Zysten in Gehirn, Herz und Nieren.

Keiner läutet schöner

Schon als Kleinkind habe Timo stark auf Glockengeläute reagiert, sagt seine Mutter. «Er konnte im grössten Lärm schlafen, aber sobald eine Glocke ertönte, war er hellwach.» Als er im Alter von 14 Jahren im benachbarten Rorschach zum ersten Mal selber eine Kirchenglocke läuten durfte, war es endgültig um ihn geschehen. «Die Leute haben damals gesagt, sie hätten noch niemanden so schön und regelmässig läuten hören wie mich», sagt Timo Bättig stolz. Spätestens seither ist er bei der Kirchenverwaltung Rorschach bekannt. Doch die Hafenstadt, von der es heisst, sie habe das schönste Geläut der Schweiz, reichte ihm bald nicht mehr.

Expedition in die Glockenstube

Um sich über Kirchenglocken aus aller Welt zu informieren, nutzt Timo Bättig das Internet. Auf YouTube beispielsweise gibt es unzählige Videos zum Thema. Damit auch die Ostschweiz angemessen vertreten ist, hat Timo vor zwei Jahren damit begonnen, Videos von Glockengeläuten ins Internet zu stellen. Mittlerweile sind es über 170. Jedes Wochenende macht er sich zusammen mit seiner Mutter oder einem Bekannten auf die Suche nach neuen Klängen. Diese Ausflüge nennt er Expeditionen.

Wenn er nicht auf «Expedition» ist, arbeitet Timo Bättig als Hauswart für die Heilpädagogische Vereinigung Rorschach. Das Geld, das er sich hier zur IV-Rente hinzu verdient, gibt er meist umgehend für seine Uhrensammlung aus. 262 Uhren ticken in seinem Zimmer und trösten ihn darüber hinweg, dass in seinem Wohnort Rorschacherberg kein Kirchturm steht.

«Glockengeläut ist Musik»

Anfangs musste noch seine Mutter die Termine mit den Messmern vereinbaren, die ihm die Glockenstuben zeigen sollten. Mittlerweile könne er dies selber, übernehme so immer mehr Verantwortung und lerne laufend neue Leute kennen.

Das Geläut, das es ihm besonders angetan hat, ist allerdings nicht in der Ostschweiz, sondern im luzernischen Willisau zu hören. «Die Wetterglocke der Pfarrkirche St. Peter und Paul klingt einfach wunderschön», sagt er. «Andere hören vielleicht nur Lärm, für mich sind Kirchenglocken Musikinstrumente», sagt er. Weil Willisau zugleich sein Heimatort ist, hat sich der Rorschacherberger einen Luzerner Dialekt zugelegt. Und um sich noch mehr von anderen abzuheben, nennt er sich Timotheus und meldet sich am Telefon als Geschäftsführer des «Kompetenzzentrums für Glocken Bättig AG». In dieser Funktion ist er auch weiterhin in der ganzen Ostschweiz unterwegs, um noch fehlende Glockenklänge auf YouTube zu verewigen. Ein Traum von ihm ist es allerdings, einmal die grösste frei schwingende Kirchenglocke der Welt zu filmen: den 24 Tonnen schweren «Dicken Peter» im Kölner Dom. Und diesen Traum wird er sich wohl bald erfüllen.

www.youtube.com/user/ Roorschacherberg9404