«Nichts für Anfänger»: Der Exit vom Hinterrugg

UNTERWASSER. Hinterrugg, der höchste der Churfirsten, knapp 1900 Meter über dem Walensee. Ein Mann, in einem schwarzen, fledermausähnlichen Anzug (ein so genannter Wing-Suit), spannt seinen Körper, konzentriert sich.

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Eineinhalb Minuten Freifall: Alex Strobel springt vom Hinterrugg (Aufnahme vom 26. August 2010). (Bild: Michael Haberbosch)

Eineinhalb Minuten Freifall: Alex Strobel springt vom Hinterrugg (Aufnahme vom 26. August 2010). (Bild: Michael Haberbosch)

UNTERWASSER. Hinterrugg, der höchste der Churfirsten, knapp 1900 Meter über dem Walensee. Ein Mann, in einem schwarzen, fledermausähnlichen Anzug (ein so genannter Wing-Suit), spannt seinen Körper, konzentriert sich. Er springt in den Abgrund, segelt für über 30 Sekunden nahe der steilen Südwand entlang, getragen vom Luftwiderstand seines Wing-Suits. Wo die Wand abflacht, taucht er ins «Schattenloch», eine enge, V-förmige Schlucht, ein, durchfliegt sie gewandt wie ein Vogel.

Wenige hundert Meter über Walenstadt öffnet er seinen Fallschirm und landet – nach einem freien Fall von unglaublichen eineinhalb Minuten.

Der Film des Sprungs findet sich auf Youtube, der fliegende Mann heisst Jeb Corliss. Der US-Amerikaner ist einer der bekanntesten Base-Jumper (siehe Kasten) der Welt, ist schon vom Eiffelturm und der Golden Gate Bridge gesprungen und im Wing-Suit am Matterhorn entlanggesegelt.

Corliss war vom vergangenen Freitag bis gestern in Unterwasser – um an «einem der besten Spots der Welt», wie er sagt, seine Sprünge zu trainieren.

Erinnerung an Gegenschatz

Der Spot, also der Absprung vom Hinterrugg ins Seeztal, ist noch jung. Das Lauterbrunnental im Berner Oberland kennt man spätestens seit der SF-Doku «Die Base-Jumper von Lauterbrunnen» als Reiseziel derjenigen, die mit Fallschirmen von Felsen springen – der Hinterrugg aber war bis vor zwei Jahren Neuland.

Damals, im Sommer 2008, entdeckte der Zürcher Moritz Schellenberg den Ort. «Ich habe gewusst, dass an den steilen Bergwänden der Churfirsten ein Sprung möglich sein muss», sagt Schellenberg. Zusammen mit Ueli Gegenschatz machte er im selben Jahr den Sprung das erste Mal.

Ueli Gegenschatz aus Speicher, ein guter Freund Schellenbergs, galt als Pionier des Schweizer Base-Jumpings. Am 13. November 2009 verunglückte Gegenschatz, als er vom 88 Meter hohen Sunrise-Tower in Zürich sprang.

Er starb zwei Tage später im Alter von 38 Jahren an seinen schweren Verletzungen. Noch immer sei er «erschüttert», sagt Schellenberg. An seiner Liebe zum Base-Jumping hat der Tod des Freundes aber nichts geändert – im Gegenteil: «Wenn es geht, bin ich jedes Wochenende in den Bergen unterwegs für einen Sprung.»

Tausend Fallschirmsprünge

Am vergangenen Samstag trifft sich der 37jährige Schellenberg mit drei weiteren «Basern» – Alex Strobel,

38, aus Feldkirch, Michael Schwery, 38, aus Zürich und eben Jeb Corliss, 34 – in Unterwasser. Sie nehmen die Iltiosbahn auf den Chäserrugg. Einer nach dem anderen wollen sie vom Hinterrugg springen. «Nichts für Anfänger», sagt Corliss, seit zwölf Jahren professioneller Base-Jumper. Jeder der vier hat an die tausend Fallschirmsprünge und mehrere hundert bis über tausend Base-Sprünge auf dem Buckel. Strobel zum Beispiel, der wettergegerbte Vorarlberger, hat den Hinterrugg 28mal gemacht.

In der Bergbeiz auf dem Chäserrugg warten die Springer am Samstagmittag auf besseres Wetter; dichter Nebel hüllt den Gipfel ein. Sie trinken Kaffee, erzählen vom «Basen», das für sie mehr als Sport, sondern Lebensinhalt ist, ja sogar «Lebenssinn» (Corliss). Doch bei aller Hingabe: Das sind keine Durchgeknallten, sondern Athleten, die Erfahrung und Ruhe ausstrahlen. Manchmal müsse man zu einem Sprung einfach Nein sagen, sagen sie.

«Ich habe mehr Respekt vor einem, der sich am Absprung umdreht, weil er sich nicht bereit fühlt, als vor einem, der sich überall runterstürzt», sagt Strobel.

«Bis sich einer überschätzt»

Herunterstürzen kann man sich in der gebirgigen Schweiz laut den vier Basern an «ein paar hundert» Spots. Trotzdem ist die Schweizer Szene klein: Knapp 20 Springer, schätzt Schellenberg. Und: «Keine zehn davon sind heute auf dem Level, dass sie den Hinterrugg springen können.

» Allerdings ist die Bekanntheit des Spots auf den Churfirsten seit seiner Entdeckung rasant gestiegen: In der kleinen, international vernetzten Szene sprechen sich neue Spots herum, dazu kommen die Videos auf Youtube. «Wer in Lauterbrunnen springt, kommt oft auch hierher – es sind ja nur ein paar Stunden Fahrt», sagt Schellenberg. Springer aus der ganzen Welt habe er hier oben schon getroffen.

In Lauterbrunnen starben 2009 fünf Baser, in diesem Jahr bisher einer. In Walenstadt, wo die Baser landen, ist noch nie etwas passiert – bis jetzt. Wenn der Spot immer beliebter werde, sei es aber eine Frage der Zeit, bis «sich einer überschätzt», sagt Schellenberg. Das ist heikel, denn: «Die Öffentlichkeit hat eh schon ein verzerrtes Bild von uns.» Man werde als lebensmüde abgestempelt.

Dass die mehr oder weniger regelmässigen Todesfälle in Lauterbrunnen das Image auch nicht gerade verbessern, ist klar. Schellenberg weiss das und hat deshalb schon früh mit den Leuten an «seinem» neuen Spot geredet – das Personal der Iltiosbahn und der Bergbeiz kennt ihn, ebenso der Bauer, auf dessen Wiese die Springer ihre Landezone abgesteckt haben.

Seit kurzem steht ein paar Meter vor dem Exit – wie der Absprung im Baser-Slang heisst – vom Hinterrugg ein Kässeli. «Jeder Springer zahlt fünf Stutz pro Tag als Unkostenbeitrag für den Bauern», sagt Schellenberg.

Gegner im Tal unten

Trotzdem gibt es im Tal unten noch hartnäckige Gegner – gerade auch im Gemeinderat, wie Reto Battaglia, Präsident von Walenstadt Tourismus, bestätigt.

Diese Vorurteile wolle er aber in Gesprächen abbauen, mit gutem Grund: «Die Base-Jumper gehen die Sache seriös an, suchen den Kontakt mit der Bevölkerung.» Und Battaglia, selber aktiver Bergsteiger, weiss: «In den Bergen kann sowieso immer etwas passieren, ob das nun beim Wandern, Klettern, Skifahren, Para-Gliding oder eben Base-Jumping ist.»

An diesem Samstag klart der Himmel nicht mehr auf – entgegen dem Wetterbericht. Darum nehmen die vier Springer die Iltiosbahn zurück nach Unterwasser. «Wenn man seine Flugbahn nicht sieht, kann man halt gar nicht springen. Sonst ist man tot», sagt Schellenberg. Jeb Corliss hatte mehr Wetterglück: Insgesamt sprang er während seines Aufenthalts in Unterwasser siebenmal in den Abgrund. Es seien «the most amazing wing-suit flights of my life» gewesen, schrieb er gestern abend per E-Mail.

Als nächstes werde er einige Wochen in Lauterbrunnen sein, dann in Frankreich «big walls» springen – und irgendwann später nach China reisen, für ein «massives Projekt». Urs-Peter Zwingli

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