Der Löwe Allahs

Konvertit Er wuchs in einer katholischen Familie auf. Heute betet der Ostschweizer Oscar A. M. Bergamin, der in Afghanistan im Einsatz stand, zu Allah.

Markus Symank
Drucken
Teilen
«Ein logischer Schritt:» So sieht Oscar Assadullah Mukhtar Bergamin seinen Übertritt zum Islam. (Bild: Ralph Ribi)

«Ein logischer Schritt:» So sieht Oscar Assadullah Mukhtar Bergamin seinen Übertritt zum Islam. (Bild: Ralph Ribi)

El-Hidaje-Moschee in St. Gallen, Fototermin. Oscar A. M. Bergamin nimmt eine kerzengerade Haltung ein. Behutsam streicht er das Nadelstreifen-Jackett glatt, tastet nach der Krawatte, rückt den Knoten gerade. «Ich mag Symmetrie», sagt der ehemalige Offizier und plaziert sich in der Mitte der von arabischer Kalligraphie umrahmten Gebetsnische. Sein Blick fällt auf die detailverliebten Verzierungen. «Schauen Sie nur, diese Gleichmässigkeit, diese Wiederholungen.»

Oscar A. M. Bergamin, das stand einst für Oscar Antonius Maria Bergamin, Schweiz-Niederländischer Doppelbürger, Katholik, getauft, gefirmt. Heute versteckt sich hinter den beiden unscheinbaren Kürzeln Assadullah Mukhtar, Afghanistan-Reisender, praktizierender Moslem, Konvertit. Zwei Buchstaben, tausendundeine Geschichte.

Der Gottsuchende

Oscar, ein germanischer Name, abgeleitet von einem alten Wort für Gott. Mit Religion wird Bergamin von klein auf konfrontiert.

Als Ältester von fünf Söhnen wächst er in der katholischen Hochburg Nimwegen im Osten der Niederlande auf. Seine Mutter, eine Niederländerin, und sein Vater, ein Schweizer, sind gläubig. Die Familie nimmt an den Messen der katholischen Kirche teil, die Kinder besuchen eine Dominikaner-Schule. «Die Religion hat viel Platz in unserem Leben eingenommen», erinnert sich der heute 45-Jährige. «Dennoch haben wir nie darüber gesprochen.»

Über seine Faszination an orientalischer Architektur kommt er als Jugendlicher erstmals mit islamischem Gedankengut in Berührung. Er reist in den Nahen Osten, büffelt Arabisch, lernt seine spätere Frau, eine Muslima, kennen. Und er liest, liest, liest. «Heute sehe ich den Weg vom Katholizismus zum Islam als logischen Schritt, als Schritt vorwärts. Aber er setzt Wissen voraus.»

Wissen, dass er sich vor allem während seiner Auslandaufenthalte aneignet. Nach abgeschlossener Hotelfachschule und mehreren Jahren als Journalist bei der «Südostschweiz» arbeitet er 2003 als Verbindungsoffizier für die Schweizer Armee auf dem Balkan. Zwei Jahre später folgt ein Einsatz als internationaler Berater für die Nato in Afghanistan. Bergamin bildet lokale Journalisten aus und wird stellvertretender Mediendirektor der Zeitung «Sada-e Azadi» (Stimme der Freiheit).

Mit jedem Tag in Kabul fühlt er sich stärker zur islamischen Kultur hingezogen, die Offenheit und Gastfreundschaft der Einheimischen begeistern ihn. Gleichzeitig entfremdet er sich von seinen westlichen Mitarbeitern: «Die Arroganz der Europäer war unerträglich.»

Der Entwurzelte

Bergamin, ein rätoromanisches Geschlecht. Im abgeschiedenen Vaz/Obervaz, dem Bürgerort des Islam-Konvertiten, lauten 47 Telefonbucheinträge auf diesen Namen. Bergamin selbst kann seine Bündner Wurzeln bis ins Jahr 1632 zurückverfolgen.

Wie ein roter Faden zieht sich die Sehnsucht nach der weiten Welt durch die Familiengeschichte. Sein Ururgrossvater diente bei der Schweizergarde des französischen Königs, sein Vater war für die niederländische Regierung im heutigen Surinam stationiert.

Auch Bergamin tauscht im Jahr 2005 die Gipfel des Hindukusch nur ungern wieder für die Bündner Alpen ein.

Mit seiner Frau und seiner Tochter zieht er nach Felsberg, zwei Strassen von Eveline Widmer-Schlumpf entfernt, mit deren ehemaliger Partei er so gar nichts anfangen kann. Als Fremder in der Heimat spricht er im Fastenmonat Ramadan des Jahres 2005 das islamische Glaubensbekenntnis aus. Die Familie seiner Frau ist begeistert, seine Eltern enttäuscht. Einig Nachbarn betrachten ihn als Verräter. «Aus meiner Sicht war es das einzig Richtige», sagt Bergamin. Wenig später lässt er seinen Vornamen zivilrechtlich ändern.

Der Kämpfer

Assadullah, arabisch für «der Löwe Allahs». Bergamin ist ein kämpferischer, respekteinflössender Mensch. 1,86 Meter gross, Hände wie Pranken, militärischer Gang. Der holländische Zungenschlag, mit dem er Deutsch spricht, verleiht seiner tiefen Stimme eine rauhe Note. Seine neue Religion verteidigt er wie die Raubkatze ihre Beute: «Kein Aussenstehender hat das Recht, uns Moslems vorzuschreiben, wie wir unseren Glauben zu leben haben.» Bergamin wehrt sich gegen Stimmen, die eine Neuinterpretation des Korans fordern.

Stattdessen beschwört er die islamische Urgemeinschaft. Ob er ein Fundamentalist sei? «Dieses Wort bedeutet nichts, jede Religion baut auf einem Fundament auf.»

Angst hat Allahs Löwe keine. Nicht vor den Granaten, die ihm in Kabul «um den Kopf flogen». Nicht vor den Selbstmordanschlägen, denen er einmal nur um Haaresbreite entging. Nicht vor den Angriffen der SVP: «Ich nehme es mit jedem in dieser Partei auf.

» Die Minarett-Initiative hält er für eine «hasserfüllte Kampagne», die Einreisesperre für den radikalen deutschen Islam-Konvertiten Pierre Vogel bezeichnet er als «Skandal». «Es wird Zeit, dass die Moslems hierzulande selbstbewusster auftreten und ihre Rechte einfordern.»

Aus seiner Überzeugung, dass der Islam die Erfüllung aller Religionen sei, ist es wohl zu verstehen, dass er diese Rechte nicht mit gleichem Eifer für religiöse Minderheiten in der arabischen Welt fordert.

Auf die Frage, ob ein Moslem Christ werden dürfe, antwortet er mit einem zögerlichen Ja. «Sollte er aber versuchen, Moslems zu bekehren, dürfen sich diese wehren.» Auch mit Gewalt? «Sie dürfen sich wehren.»

Der Auserwählte

Mukhtar, der «Auserwählte» – ein gewaltiger Name. «Mein Weg zum Islam war steinig», sagt Bergamin. Rückblickend habe er das Gefühl, geführt worden zu sein. Jetzt will er andere auf ihrem Weg begleiten. Und mitunter die Richtung vorgeben.

Dem Dachverband islamischer Gemeinden der Ostschweiz stand er als Kommunikationsberater zur Seite. Für deutsche Unternehmen ist er als Berater für Islam-konformes Essen zuständig. Schweizweit ist er ein begehrter Podiumsgast. «Niemand erwartet einen westlich gekleideten Schweizer, der Moslems verteidigt. Das hilft.»

Scheinbar nebenbei treibt er eigene berufliche Projekte voran: Ein Exportgeschäft für orientalische Möbel, den Aufbau einer internationalen Schule in Damaskus, das Verfassen einer Autobiographie.

Und ein Beratungsunternehmen namens 3C (Cross cultural competence), in das seine Expertise als Vermittler zwischen den Kulturen einfliessen soll.

Dreh- und Angelpunkt seines Lebens ist aber der Glaube. Zu den festen Bestandteilen seines Alltags zählen das fünfmalige Gebet, das Lesen im Koran und der Austausch mit anderen Moslems: «Der Islam ist eine sehr soziale Religion, Solidarität wird grossgeschrieben.» Besonders faszinierend findet der ordnungsliebende Ex-Offizier, dass der Islam auf alle Lebensfragen eine Antwort gibt.

«Rauchen zum Beispiel ist verboten», sagt er und lächelt halb verschämt, halb verschmitzt, als er sich eine Zigarette anzündet. Noch hat der Löwe Allahs auch mit sich selbst zu kämpfen.