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OSTSCHWEIZ: Überforderung bei der Betreuung älterer Menschen: Etwas tun, bevor der Konflikt eskaliert

Sind Angehörige mit der Pflege von älteren Menschen überfordert, hilft die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter. Im ersten Jahr nach Wiederaufnahme der Tätigkeit in der Ostschweiz haben die Berater Dutzende von Fällen bearbeitet.
Janina Gehrig
Viele Familien oder Einzelpersonen sind mit der Pflege von Angehörigen überfordert und holen sich zu spät Hilfe. (Bild: Getty)

Viele Familien oder Einzelpersonen sind mit der Pflege von Angehörigen überfordert und holen sich zu spät Hilfe. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:<strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Der 80-Jährige hatte nicht realisiert, dass er mit seinem Auto einen Unfall verursacht hatte. Eine «Bagatelle» zwar: Ein Mann wurde leicht verletzt. Der betagte Verursacher verstand trotzdem die Welt nicht mehr: «Jetzt wollen sie mir den Fahrausweis entziehen. Das geht nicht.»


Der Senior wandte sich an die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA). «Er begriff einfach nicht, dass er jemanden verletzt hatte. Er musste einen langwierigen Prozess durchmachen», sagt Fred Haslimann. Der Konfliktberater und Mediator leitet die Fachkommission Ostschweiz der Beschwerdestelle. Seit einem Jahr ist sie in der Region wieder präsent und hat in dieser Zeit 44 Fälle und fast doppelt so viele Anfragen behandelt (siehe Kasten).

Geduld und die Bereitschaft zuzuhören

Die Fragen kommen von älteren Menschen, Spitex-Mitarbeiterinnen, Nachbarn, Angehörigen. Eine Zentrale in Zürich leitet die Anliegen an die regionalen Fachkommissionen weiter. «Es kann vorkommen, dass sich Nachbarn melden, weil jemand verwirrt oder verwahrlost wirkt», sagt Haslimann. Oder man helfe einer betagten Frau dabei, eine Zweitmeinung bei einem Zahnarzt einzuholen, weil sie mit den ärztlichen Behandlungen nicht mehr einverstanden ist.

Oft geht es um finanzielle Angelegenheiten, um die Höhe von Ergänzungsleistungen etwa oder um Unzufriedenheit mit dem Beistand, weil dieser über das Bankkonto verfügen kann. Manchmal brauchen ältere Leute Unterstützung, die von Telefonverkäufern zu Verträgen überredet und über den Tisch gezogen wurden. «Wir leisten nicht zuletzt psychologische Arbeit, hören zu, nehmen uns Zeit», sagt Haslimann. Ein Telefonanruf genüge häufig, um den Leuten neue Wege aufzuzeigen.

Jede fünfte Person wird Opfer häuslicher Gewalt

Der Leiter zieht es aber vor, die Menschen persönlich zu besuchen. Einen Tag pro Woche arbeitet der 68-Jährige für die UBA, oft ist er in der Ostschweiz unterwegs. Manchmal begleitet ihn eine zweite Person aus der 14-köpfigen Fachkommission. Es sind Richter, Hausärzte, Anwälte, Pflegefachfrauen, Gerontologen. Viele von ihnen sind wie Haslimann im Pensionsalter, alle arbeiten ehrenamtlich. In der Deutschschweiz, wo die UBA mit vier Fachkommissionen vertreten ist, kamen im vergangenen Jahr im Gesamten 469 Anfragen und Beschwerden zusammen. Ein Grossteil betraf finanzielle und psychische Probleme, in 19 Prozent der Fälle war Gewalt im Spiel. Wie Studien vermuten lassen, wird jede fünfte Person über 65 Jahren Opfer häuslicher Gewalt.

«Oft fühlen sich die Leute stark verpflichtet, ältere pflegebedürftige Angehörige selber zu betreuen», sagt Haslimann. Dabei würden sich viele überfordern, wollen aber keine pro­fessionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Haslimann erzählt von einem Fall, in dem ein älterer Mann seine Frau pflegte. Diese habe ihn für die Haushaltsführung aber zunehmend kritisiert. Als er selber an die Grenzen kam, habe er sie geschüttelt. Die Polizei musste intervenieren. In Extremsituationen wird eine Meldung an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde notwendig.

Stundenlang liegen gelassen

Zu den Misshandlungen gehören nicht nur Schläge. «Es kommt etwa vor, dass an Demenz Erkrankte aus Sorge einfach eingeschlossen werden.» Andere werden misshandelt oder vernachlässigt, indem die Betreuenden nicht mehr mit ihnen reden oder sie stundenlang liegen lassen. Stark zugenommen hätten Fälle von psychischen Problemen. Haslimann betont aber, dies betreffe nicht nur Ältere. «Im Alter sind die Menschen einfach verletzlicher, können sich oft nicht mehr selber wehren.»

Für Haslimann ist der Einsatz für ältere Menschen bereichernd. «Ich staune immer wieder über die vielfältigen Lebensgeschichten», sagt er. Letztlich gehe das Alter alle etwas an. «Wir alle werden älter. Somit befassen wir uns mit unserer eigenen Zukunft.»

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