OSTSCHWEIZ: Üben für die Freiheit

Hafturlaube für Mörder werden kontrovers diskutiert. Für die Wiedereingliederung seien sie aber nötig, sagt der Saxerriet-Direktor.

Roman Hertler
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Ein Gefängnis ist auch ein Tor zurück in die Gesellschaft: Strafanstalt Saxerriet in Salez. (Bild: Urs Bucher)

Ein Gefängnis ist auch ein Tor zurück in die Gesellschaft: Strafanstalt Saxerriet in Salez. (Bild: Urs Bucher)

OSTSCHWEIZ. Hafturlaub habe mit Gefährdung der Bevölkerung wenig zu tun. Eher im Gegenteil. Der kantonale Leiter Straf- und Massnahmenvollzug, René Frei, gibt ein Beispiel: Man stelle sich vor, ein Mörder hat seine Haftstrafe abgesessen und sich vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis kein einziges Mal in Freiheit bewegt. Will man jemanden in seiner Nachbarschaft wissen, der zuvor Jahre nur in einer Einzelzelle verbrachte, ohne jemals soziale Kontakte ausserhalb der Gefängnismauern gepflegt zu haben?

Irgendwann haben die allermeisten Verbrecher – sofern sie nicht verwahrt wurden – ihre Tat verbüsst und werden wieder mitten unter uns sein. «Wiedereingliederung ist das Ziel des Strafvollzugs», sagt Martin Vinzens, Direktor der Strafanstalt Saxerriet in Salez. «Andernfalls müsste man sämtliche Verbrecher bis zu ihrem Tod wegsperren.» Der Verweis auf die Verhältnismässigkeit und den Rechtsstaat ist müssig. Vinzens spricht vom Paradox des Strafvollzugs: «Wir müssen Insassen in Unfreiheit auf ein Leben in Freiheit vorbereiten.» Und das gelinge nur, wenn die Freiheit geübt werde.

Diesen Sommer berichteten Medien mehrfach über entflohene Häftlinge oder solche, die nicht aus ihrem Hafturlaub zurückgekehrt sind. Hier in der Region sorgte der Fall in der Ausserrhoder Strafanstalt Gmünden für Schlagzeilen. Im Juli wurde von einem jungen Mann berichtet, der nicht von seinem Hafturlaub zurückgekehrt war und nach seinem Untertauchen zusammen mit einem Komplizen einen 42-Jährigen getötet haben soll («Seefeld-Mord»). Die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli sagte gegenüber dem «Blick», die Sicherheit der Bevölkerung müsse höher gewichtet werden als Urlaubswünsche von Häftlingen und schob die Frage nach, wann die Behörden endlich lernen würden.

«Hafturlaub ist kein Wellnessangebot»

Mit dem Vorwurf der Kuscheljustiz sehen sich die Behörden immer wieder konfrontiert. «Natürlich ist es schlimm, wenn eine Person während ihres Hafturlaubs ein Verbrechen begeht», sagt der St. Galler Justiz- und Sicherheitsdirektor Fredy Fässler. «Aber bei den Hafturlauben und Ausgängen geht es nicht primär um <Wünsche> der Inhaftierten, sondern um das Wiedererlernen des Lebens in Freiheit.» Verbrechen, die während eines Hafturlaubs verübt werden, seien per se medienwirksam. In über 99 Prozent der Fälle passiere aber nichts und die Häftlinge kehrten zurück. «Es bringt nichts, solche Einzelfälle politisch zu missbrauchen», so Fässler. «Unser Strafvollzug erfüllt seinen Zweck sehr gut.» Die entscheidende Frage ist: Wie kann eine Haftentlassung nach verbüsster Strafe erfolgen, so dass danach nichts mehr geschieht? «Vollzugsöffnungen sind Lernfelder und keine Wellnessangebote», sagt Fässler. Der Schutz der Bevölkerung habe Priorität und werde gerade durch die Möglichkeit von Hafturlauben erhöht.

Saxerriet-Direktor Martin Vinzens pflichtet bei: «Ich bin kein Hoteldirektor. Die Haft an sich soll aber auch nicht als Abschreckung dienen. Diese Funktion muss bereits die Androhung einer Strafe erfüllen.» Offener Vollzug heisse Perspektivenvollzug, denn die Strafe der Inhaftierten habe ein Ablaufdatum. «Der Übergang in die Freiheit wird wesentlich erleichtert, wenn er durch entsprechende Lockerungen vorbereitet werden konnte.» Ein gutes soziales Gefüge ausserhalb des Gefängnisses mindere die Rückfallgefahr in die Kriminalität und muss daher gepflegt werden. Aber auch Bewerbungsgespräche oder Wohnungsbesichtigungen müssten möglich sein, um wieder Tritt im Leben in Freiheit fassen zu können. Ein Leben in Gefangenschaft sei einfach zu bewerkstelligen, der Alltag klar strukturiert und streng reguliert. Die Freiheit muss jeder selbst bewältigen, sie muss trainiert werden. «Um in Fussballsprache zu sprechen: Die Inhaftierung ist erst die erste Halbzeit, die gesellschaftliche Reintegration die zweite», sagt Vinzens. Im Idealfall – und im Normalfall – gehe das Spiel nicht in die Verlängerung.