Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

OSTSCHWEIZ: «Thomas sah aus, als würde er schlafen» - 20 Jahre Zöllnermord Konstanz.

Im Februar vor 20 Jahren wurden ein deutscher und ein Schweizer Zöllner am Kreuzlinger Grenzübergang Klein Venedig kaltblütig erschossen. Weshalb der Täter schwerbewaffnet über die Grenze wollte, wurde nie herausgefunden.
Andreas Schuler
Nach dem Blutbad von 1998 mit zwei Toten: der damalige Tatort am Grenzübergang Klein Venedig – und der Gedenkstein für die ermordeten Zöllner. (Bilder: Christoph Ruckstuhl/KEY, Oliver Hanser)

Nach dem Blutbad von 1998 mit zwei Toten: der damalige Tatort am Grenzübergang Klein Venedig – und der Gedenkstein für die ermordeten Zöllner. (Bilder: Christoph Ruckstuhl/KEY, Oliver Hanser)

Andreas Schuler

ostschweiz@tagblatt.ch

Am Tag danach war Zöllner Nikolaus Spiesser schon wieder im Dienst. «Halb unter Druck, halb gewollt», wie er heute sagt. «Unsere Verwaltung wurde damals kalt erwischt und hatte kein Rezept, wie wir damit umgehen sollten.» Jeder Zollbeamte musste seinen eigenen Weg finden, das zu verarbeiten, was zwei Städte in Schockstarre versetzte: der Tod von zwei Kollegen, die brutal und skrupellos erschossen wurden. Es war der 10. Fe­bruar 1998, ein Dienstag, als sich das Berufsleben der Konstanzer und Kreuzlinger Zollbeamten von Grund auf änderte – zum Positiven im Sinne der eigenen ­Sicherheit. Der Tod der zwei Menschen sollte nicht umsonst gewesen sein.

Eine Sporttasche voller Munition

Um 10.30 Uhr will der 29-jährige Italiener Mario Telatin aus Arbon den Grenzübergang Klein Venedig überqueren. So wie in den Monaten zuvor schon mehrmals. Er soll kein Unbekannter gewesen sein, hiess es damals aus Kreisen der ­Ermittler. Ein Heizungsbauer, beliebt in der Nachbarschaft, aber laut Aussagen seiner Freunde mit wenig Selbstvertrauen und ohne Erfolg in der Frauenwelt.

Der Deutsche Thomas Lachmaier und der Schweizer Stefan Jetzer haben an diesem Tag Dienst. Am Grenzübergang Klein Venedig läuft seit mehreren Monaten ein Projekt zur gemeinsamen Grenzabfertigung durch beide Länder. Thomas Lachmaier hält Telatins Mitsubishi an und fragt nach Pass und mitgeführten Waren. Routine. An diesem Tag tödliche Routine. Lachmaier entdeckt eine Sporttasche mit Munition, er ruft telefonisch nach Verstärkung. Das ist der Moment, so wird später rekonstruiert, in dem der Täter eine automatische Waffe zückt und den Zöllner erschiesst. 34 Schüsse gibt er aus einer Pistole vom Typ Glock 18 ab. Dem herbeieilenden Stefan Jetzer gelingt es zwar noch, seine Dienstwaffe zu ziehen und einen Schuss auf den Telatin abzufeuern, aber auch er hat keine Chance mehr.

Zwei tote Zöllner in Ludwigsdorf

Nicht nur in Konstanz spielen sich an diesem Tag dramatische Szenen ab. Sieben Stunden zuvor fährt der Linienbus Al­maty–Frankfurt am deutsch-polnischen Grenzübergang Ludwigsdorf bei Görlitz vor. Die Zöllner Ralph Schulze und Thomas Haupt steigen ein. Schulze hebt gerade die Arme, um ein Lüftungsgitter zu kontrollieren – da reisst der Kasache Viktor Diner ihm die Pistole aus dem Holster und schiesst sofort wild um sich. Je zwei Kugeln treffen die Zöllner. Ein Buspassagier erleidet einen Steckschuss im Oberschenkel, ein anderer einen Lungendurchschuss. Thomas Haupt kann noch zurückfeuern und sich aus dem Bus retten. Diner springt durch eine Fensterscheibe auf die Strasse. Schwer verletzt versucht er zu fliehen – doch Grenzschutzbeamte, alarmiert von den Schüssen, können ihn stellen.

Ralph Schulz stirbt noch im Bus. Thomas Haupt erliegt seinen Verletzungen wenige Minuten später. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Görlitz sagte damals: «Der Mann soll schon die ganze Fahrt über auffällig und sehr aggressiv gewesen sein. Vermutlich ist er psychisch krank.» Theo Waigel (CSU), der damalige Bundesfinanzminister, erklärt noch vor dem Blutbad in Konstanz, er sei erschüttert über die Tat in Görlitz. «Dies ist der schwerste Zwischenfall in der Nachkriegsgeschichte des deutschen Zolls.» Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch keiner etwas von der nächsten Tragödie.

Der Bahnbeamte ahnte, dass etwas nicht stimmt

In Konstanz flieht Mario Telatin nach seinen tödlichen Schüssen auf die Zöllner mit seinem Auto Richtung Innenstadt. Nach 400 Metern muss er beim geschlossenen Bahnübergang bei der damaligen Eisenbahnbrücke stoppen. Auf der anderen Seite des Übergangs sieht er Polizeiautos mit Blaulicht. Der 29-Jährige erkennt offenbar seine aussichtslose Situation und schiesst sich in den Kopf. «Wir wussten nicht genau, was los war», erinnert sich Nikolaus Spiesser, der zum Grenzübergang gerufen wurde. Warnungen vor Schüssen an der Grenze halten die Konstanzer Zöllner zunächst für Schilderungen aus Ludwigsdorf. «Von weitem habe ich dann einen Menschen in einem stehenden Auto gesehen, den blutenden Kopf zur Seite geklappt.» Ab diesem Moment befand sich Spiesser in einem Tunnel, wie er sagt: «Ab hier funktionierst du nur noch rational.»

Er holt mit Kollegen die blutüberströmte Person aus dem Auto. Oben auf dem Stellwerkturm steht der zuständige Bahnbeamte und beobachtet die Szene. «Wir haben später erfahren, dass er die Schranke extra unten liess, da er ahnte, dass etwas nicht stimmen würde.» ­Womöglich hat er damit ein weiteres Blutbad verhindert. Ausserdem warnt er zwei Grenzschutzbeamte, die zufällig die Brücke Richtung Hafen überqueren, vor dem bewaffneten Mann. «Wer weiss, ob er nicht auch auf diese zwei Menschen in Uniform geschossen hätte?», fragt sich Martin Johne, damals Dezernats­leiter der Polizei Konstanz.

Eine ältere Dame kommt zu Nikolaus Spiesser und seinen Kollegen, die den Täter versorgen. «Sie sagte, dass drüben am Zoll noch zwei Menschen liegen würden», erinnert er sich. Die Beamten laufen Richtung Klein Venedig. «Da haben wir Thomas und den Schweizer Kollegen gesehen», sagt Spiesser. Die Bilder laufen wie in einem Film vor ihm ab. Es ist, als würde er die Szene von ausserhalb seines Körpers beobachten. «Thomas sah aus, als würde er schlafen. Doch Thomas schlief nicht. Er war tot.» Die Freundin des Opfers ist auf dem Weg zum Zollgebäude, um ihren Lebensgefährten nach Dienstschluss abzuholen. «Einer von uns musste ihr sagen, dass er nicht mehr war», berichtet Spiesser. «Ein unglaublich trauriger Tag.»

Ein Waffennarr mit Spielschulden

Es gibt mehrere Theorien, wieso Mario Telatin schwerbewaffnet über die Grenze wollte. Zunächst wurde vermutet, er sei ein Waffenschmuggler. Waffennarr traf es dann eher, er hatte eine riesige ­legale Sammlung in seiner Wohnung. Er war spielsüchtig, hatte hohe Schulden und ging im Kon­stanzer Jackpot-Casino ein und aus. Kurz nach seinem Grenzübertritt sollte wie jeden Morgen der Geldbote vors Casino fahren. Womöglich hatte Telatin vor, den Boten auszurauben. Genaue Antworten erhalten die Ermittler nie. Der Italiener wird ins Krankenhaus eingeliefert. Maschinen halten ihn am Leben, er ist bereits hirntot. Sein Bruder stimmt einer Organentnahme zu. «Vielleicht hilft sein Herz ja einem anderen», soll er zu den Ärzten gesagt haben, als die Herz-Lungen-­Maschine abgeschaltet wurde.

Die polizeilichen Ermittlungen werden von der Kriminalinspektion 1 der Polizeidirektion Konstanz übernommen. Eine Sonderkommission wurde laut Polizeisprecher Bernd Schmidt nicht gebildet, da der Täter bekannt war und sich selbst getötet hatte: «Allerdings wurden umfangreiche Massnahmen ergriffen. Dazu gehörten die kriminaltechnische Untersuchung an den Tatorten, am Grenzübergang und am Auffindeort des Täters, Durchsuchungen am Wohnort des Täters oder Zeugenvernehmungen.»

Dezernatsleiter Martin Johne macht sich nach der Schiesserei mit allen anderen zur Verfügung stehenden Beamten umgehend auf den Weg Richtung Klein Venedig. Da sie von der geschlossenen Schranke wissen, eilen sie durch die Unterführung der Markstätte, vorbei am Hafen zum Wagen des Täters. Kriminaltechniker sind schon im Einsatz, sichern Spuren. Johne und sein Team gehen ­weiter zum Übergang. «Wir haben erste Zeugen befragt, Spuren gesichert, Waffen sichergestellt und Lagepläne gemacht», erinnert er sich. «Der Fall hat uns sehr beschäftigt, da dort zwei erschossene Kollegen am Boden lagen. Thomas Lachmaier ist wie ich im November 1957 geboren. Das führt dir vor Augen, wie schnell es gehen kann.»

Im Mitsubishi finden die Ermittler mehrere Pistolen samt Munition, drei Maschinenpistolen, zwei Munitionskisten, Sprengstoff und Handgranaten. Die Gesamtermittlungen dauern rund drei Monate. Das Verfahren wird von der Staatsanwaltschaft schliesslich wegen des Todes des Täters eingestellt.

Emotionale Diskussionen über die Sicherheit

Die Taten in Ludwigsdorf und Konstanz lösten eine emotional geführte Diskussion über die Sicherheit an den Grenzen aus. Gewerkschaften übten schwere Kritik an den Arbeitsbedingungen. Diese haben sich seither laut aller Beteiligten deutlich verbessert. Viermal pro Jahr müssen die Zollbeamten heute den Ernstfall proben, Selbstverteidigungskurse sind Pflicht, und Kontrollen dürfen nur noch unter Schutz einer zweiten ­Person mit Hand an der Waffe ausgeübt werden. Kugelsichere Westen gehören ebenfalls zum Standard.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.