OSTSCHWEIZ: Schulpolitik erreicht Lernziele noch nicht

Die Bildungslandschaft ist im Wandel. Neue Erkenntnisse aus den pädagogischen Wissenschaften kommen langsam in der Volksschule an. Ob allerdings das Seelenheil der Kinder auf dem Spiel steht, wenn sie statt halber Noten ganze plus ein Wortzeugnis bekommen, darf bezweifelt werden.

Odilia Hiller
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Noten sind heutzutage nicht mehr Noten, sondern Codes. (Bild: SASCHA SCHUERMANN/DDP (AP dapd))

Noten sind heutzutage nicht mehr Noten, sondern Codes. (Bild: SASCHA SCHUERMANN/DDP (AP dapd))

Elternabend an einer Ostschweizer Primarschule. Es gibt Informationen zu Skilager, Basisschrift und schulischer Heilpädagogik. Dann folgt das Traktandum Notengebung. Totenstille im Saal. Die Lehrerin fleht: «Bitte fangen Sie nicht an, Notenschnitte auszurechnen. Lassen Sie den Taschenrechner in der Schublade.» Noten seien im heutigen Schulsystem nicht mehr Noten, sondern Codes für den Lernstand der einzelnen Kinder, sagt sie. Eine Drei («Lernziel nicht erreicht») bedeutet, dass ein Schüler in einer Materie noch nicht dort steht, wo er hin soll. Und nicht, dass er nächstes Mal mindestens eine Fünf «braucht», um auf eine genügende «Note» zu kommen. Und schon gar nicht, dass er dumm ist – ist man versucht anzufügen.

Ob das Flehen der Lehrerin etwas nützen wird, sei dahingestellt. Noten sind den Schweizerinnen und Schweizern lieb und teuer. Noten gaukeln messbare Leistungen vor. Noten, so meinen viele, lassen darauf schliessen, wie gut das Kind im Vergleich zum Kind der Nachbarn dasteht. Ob im Leben etwas wird aus ihm. Ob es an die Kantonsschule gehen wird. Dass Schulkarrieren, die aus einer Ansammlung schlechter Noten bestehen, ganze Biographien nachhaltig beschädigen können, blendet das Bildungsbürgertum gerne aus.

Deshalb die Binsenwahrheit zuerst: Die Bildungslandschaft ist im Wandel. Neue Erkenntnisse aus den pädagogischen Wissenschaften, in vielen Privatschulen längst umgesetzt, kommen langsam in der Volksschule an. Dazu gehört der Gedanke, dass es in einer tauglichen, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder ausgerichteten Pädagogik eigentlich nicht darum gehen kann, Kinder und Jugendliche in «gute» und «schlechte» Schüler einzuteilen. Denn wohlgemerkt: Leistungsvergleiche sind immer nur möglich, wenn es genügend Unterschiede gibt. Der Leistungssport führt es bis zur Perversion vor: Dort, wo eigentlich alle gleich schnell sind, wird halt in Hundertstelsekunden gerechnet.

Davon will die Mehrheit derjenigen abkommen, die mit Kindern arbeiten: die Pädagogen. Interessanterweise stossen sie dabei auf den Widerstand einer anderen Gruppe, die ebenfalls viel mit Kindern zu tun hat: die Eltern. Ausgerechnet sie, in deren Obhut und Fürsorge die Kinder sich befinden, sehen den Nachwuchs oft als verlängerten Arm eigener Bedürfnisse – nach Erfolg, nach Leistung, nach Ruhm und Ehre. Wunschkinder werden schnell zu Projektkindern.

Die Bildungspolitik befindet sich im Spannungsfeld dieser Weltbilder und Strömungen. Hier der pädagogische Wandel in einer Volksschule, die gesunde, starke und lernwillige Kinder hervorbringen soll. Dort ein traditionsverliebtes Bürgertum, das sich auf den Standpunkt stellt: «Was für uns recht war, soll unseren Kindern auch gut genug sein. Schliesslich ist aus uns auch etwas geworden.» Dass unser Bildungssystem messbare Einheiten der Leistungsbeurteilung braucht, soll hier nicht bestritten werden. Für alles andere sind weder Wirtschaft noch Gesellschaft bereit. Ob allerdings das Seelenheil der Kinder auf dem Spiel steht, wenn sie statt halber Noten ganze plus ein Wortzeugnis bekommen, das auch ihre Sozialkompetenz erwähnt, darf bezweifelt werden. Weder aus Ländern, die mit den Buchstaben A bis D benoten, noch aus solchen, die Punktzahlen zwischen eins und 20 vergeben, ist bekannt, dass die Schüler bessere oder schlechtere Mitglieder des Gesellschaft würden.

Nicht hilfreich ist allerdings, wenn Bildungspolitiker nicht imstande sind, in diesen Fragen für mehr Gelassenheit zu plädieren. Indem sie Reglemente, Empfehlungen und Motionen absondern, die sich untereinander auch noch widersprechen, stiften sie noch mehr Verwirrung. Damit ist weder Kindern, Eltern noch Lehrern gedient.