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OSTSCHWEIZ: Professor Pöldingers Pillen - Medikamententests an der Psychiatrie Wil

An der Psychiatrischen Klinik in Wil wurden in den 1970er-Jahren nicht zugelassene Medikamente gegen Schizophrenie getestet. Der Kanton will jetzt Transparenz schaffen und den Fall klären.
Andri Rostetter
«Kontakte mit der pharmako-chemischen Industrie»: Die Psychiatrische Klinik Wil in einer Aufnahme von 1976. (Bild: Archiv ETH-Bibliothek Zürich)

«Kontakte mit der pharmako-chemischen Industrie»: Die Psychiatrische Klinik Wil in einer Aufnahme von 1976. (Bild: Archiv ETH-Bibliothek Zürich)

Andri Rostetter

andri.rostetter

@tagblatt.ch

Bis in die 1970er-Jahre war die Psychiatrie ein Pflaster für Pioniere. Die Forschung steckte noch in den Kinderschuhen, zumindest was die medikamentöse Behandlung von Geisteskrankheiten anging. Mittlerweile weiss man, dass mehrere Schweizer Kliniken ab den 1950er-Jahren regelrechte pharmakologische Versuchsanstalten waren. Prominentestes Beispiel ist die Klinik Münsterlingen im Thurgau. Dort hat der Psychiater Roland Kuhn systematisch Medikamentenversuche an Patienten durchgeführt – ohne deren Einwilligung. Auch in Heris­au, Basel und St. Urban bei Luzern gab es solche Tests, schweizweit waren mindestens 4000 Menschen betroffen. Recherchen des «St. Galler Tagblatts» und der SRF-Sendung «Schweiz aktuell» zeigen jetzt: Auch in der Psychiatrischen Klinik Wil wurden in den 1970er-Jahren Versuche mit nicht zugelassenen Medikamenten durchgeführt. Unter Chefarzt Walter Pöldinger führte die Klinik in den Jahren 1974 und 1977 Studien mit Bromperidol durch. Der stark antipsychotische Wirkstoff aus den Labors der Schaffhauser Chemiefirma Cilag galt als grosse Hoffnung für die Behandlung von Schizophrenie, nachdem in Tierversuchen vielversprechende Resultate erzielt worden waren.

Die ersten Tests mit Bromperidol in Pillenform führte Pöldinger mit 20 Patienten von Juni bis Dezember 1974 durch, wenige Monate nachdem er als Chefarzt an die Klinik berufen worden war. Die Resultate publizierte er in der Fachzeitschrift «International Pharmacopsychiatry», ebenso jene der zweiten Versuchsreihe mit 40 Patienten im Jahr 1977. In seinem zweiten Bericht empfiehlt Pöldinger die weitere Anwendung von Bromperidol, unter anderem weil es schneller wirke als andere Wirkstoffe. Pöldingers Ruf blieb ohne Resonanz: In der Schweiz sind bis heute keine Arzneimittel mit Bromperidol im Handel. Der Wirkstoff wurde nie zugelassen, gemäss der Arzneimittelbehörde Swissmedic wurde nie ein Gesuch gestellt.

Intensive Kontakte zur Pharmaindustrie

Unklar ist, ob Pöldinger jeweils die Einwilligung der Patienten eingeholt hatte. Es gab zwar damals bereits Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften für Medikamentenversuche, aber die Patientenrechte waren nach wie vor schwach ausgebildet. «Eine ausdrückliche Einwilligung des Patienten war nur bei Operationen, nicht aber bei blossen medikamentösen Behandlungen vorgeschrieben», heisst es auf Anfrage beim St. Galler Gesundheitsdepartement. Tatsächlich wurden erst in der Spitalorganisationsverordnung von 1980 umfangreiche Patientenrechte verankert: Patienten hatten demnach Anspruch auf Aufklärung über Diagnose, Behandlung und Risiken, zudem war die Einwilligung des Patienten grundsätzlich für jeden medizinischen Eingriff nötig. Pöldinger war insofern ein Kind seiner Zeit: Er hat nach den damals gängigen Methoden gearbeitet und war um Transparenz bemüht, wie sein offener Umgang mit den Studienresultaten zeigt. Ein Blick in den Jahresbericht der Klinik Wil von 1974 offenbart zudem, dass aus den Beziehungen zur Pharmaindustrie kein Geheimnis gemacht wurde: «Wie schon früher bestanden auch im Jahre 1974 Kontakte mit der pharmako-chemischen Industrie zur Mitwirkung bei der Entwicklung neuer Psychopharmaka, allerdings wurden diese Kontakte nun intensiviert.» Vieles spricht dafür, dass die Klinik diese Intensivierung Pöldinger zu verdanken hatte. «Pöldinger hat die ganze Entwicklung der Psychopharmaka mitgemacht und galt als Experte», sagt Urs Germann. Der Berner Historiker hat sich intensiv mit der Schweizer Psychiatrie von 1950 bis 1980 befasst, speziell mit den Beziehungen zur Pharmaindustrie. «Unter Pöldingers Vorgänger in Wil gab es kaum Erwähnungen von Tests. Pöldinger dagegen hatte die Kontakte zur Pharmaindustrie schon aus seiner Zeit in Basel. Es gab zudem häufig eine symbiotische Arbeitsbeziehung zwischen Kliniken und Pharmaindustrie. Die Interessen deckten sich allerdings nicht vollständig.» Dass der Psychiater nur Wochen nach seiner Einstellung in Wil mit den Versuchen begonnen hatte, ist für Germann nicht ungewöhnlich. «Es gibt verschiedene Beispiele von Ärzten, die ihre Berufstätigkeit an ihren neuen Wirkungsorten mehr oder weniger nahtlos weiterführten.»

Pöldingers enge Bindung zur Welt der Psychopharmaka deckt sich auch mit den Stationen in seinem Lebenslauf. Nach dem Studium in Wien war der 1929 geborene Österreicher mehrere Jahre an den Psychiatrischen Kliniken St. Urban und Basel tätig. Beide Kliniken gelten als wichtige Akteure in Sachen Medikamententests in den 1960er- und 1970er-Jahren. In Basel hätten solche Versuche «fest zum Klinikalltag gehört», schreibt Historiker Germann in einer Forschungsarbeit; deutlich über 1000 Patientinnen und Patienten seien betroffen gewesen. Es war die Zeit, in der auch Pöldinger in Basel war.

Im Gegensatz zu anderen seiner Zunft war Pöldingers Vorgehensweise für damalige Verhältnisse aber nicht nur seriös, sondern fortschrittlich – spätestens zu seiner Zeit in Wil. «Er hat sich von den Vorgehensweisen, wie sie noch unter Kuhn in Münsterlingen herrschten, abgekoppelt», sagt Germann. Pöldinger habe die «Standardisierung und Quantifizierung» der Studien durchgesetzt – Methoden, die heute zum wissenschaftlichen Alltag gehören. Auch dies war nicht ungewöhnlich für jene Zeit, wie Germann sagt. Die Phase von 1970 bis Mitte 1980 sei eine «Übergangsperiode» in der Psychiatrie gewesen: Die Anwendung von Psychopharmaka setzte sich langsam durch und damit auch die Einsicht, dass es verbindliche Richtlinien und Gesetze brauchte. Was Pöldinger ebenfalls von vielen seiner Berufskollegen unterschied: Er probierte zumindest in seinen Anfängen alle Versuchspräparate zuerst selber aus.

Studienakten im Klinikarchiv nicht auffindbar

In Wil sieht man die Arbeit Pöldingers vor allem im Licht der damaligen Zeit. «Aus der publizierten Bromperidol-Studie von 1974 von Professor Walter Pöldinger geht hervor, dass die Anwendungen an den Patienten dem damals gültigen Vorgehen entsprechen», teilt die Klinik auf Anfrage mit. «Medikamente wurden damals – wie übrigens auch heute – aufgrund solcher Studien erst zugelassen. Dieses Vorgehen bei der Erprobung einer neuen Substanz – eines noch nicht zugelassenen Medikamentes – entspricht also dem damaligen Standard.» Es gebe keine Hinweise darauf, dass Pöldinger bei der Durchführung der Tests die geltenden Regeln und Gesetze nicht eingehalten habe. «Er hat die Studien, soweit wir wissen, professionell durchgeführt, das heisst es war alles transparent, offen. Sowohl die Patienten als auch die Klinik wussten, dass neue Wirksubstanzen im Rahmen von Phase-II- und -III-Studien getestet wurden. Pöldinger hat, soweit wir wissen, zu keinem Zeitpunkt etwas heimlich gemacht.» Die Klinik hat intern bereits Recherchen durchgeführt. Die entsprechenden Studienakten seien im Klinikarchiv allerdings nicht auffindbar, da sie Pöldinger möglicherweise mitgenommen habe – ein durchaus übliches Vorgehen, da solche Akten jeweils Eigentum des Studienleiters bleiben. Unklar ist, ob es Hinweise in den persönlichen Dossiers der Patienten gibt. «In den Patientenakten, die bei uns im Archiv sind, kann es Hinweise auf die Studie haben, muss aber nicht.» Die Klinik will nun prüfen, ob eine historische Aufarbeitung nötig ist. Beim Kanton zeigt man sich darüber erfreut. «Das Gesundheitsdepartement begrüsst Abklärungen, um Transparenz schaffen zu können. Dazu sind wir den ehemaligen Patientinnen und Patienten sowie der Bevölkerung verpflichtet», teilt das Generalsekretariat des Departements mit. Dabei müsse auch die Frage geklärt werden, ob und inwieweit das damalige Sanitätsdepartement von Pöldingers Versuchen Kenntnis hatte.

Die Sendung «Schweiz aktuell» berichtet heute um 19 Uhr über die flächendeckenden Medikamententests von den 1950er- bis Ende der 1970er-Jahre.

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