OSTSCHWEIZ: Pädophilie: Immer brutaler, immer fieser

Die Kriminalität verschiebt sich ins Internet. Die Anonymität im Netz nützen auch Pädokriminelle aus. Ermittler und Staatsanwaltschaft sehen sich mit immer komplexeren Fällen konfrontiert - und kommen an ihre Grenzen.

Odilia Hiller
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Pädophile Täter lauern in Chats, Foren und Online-Spielen – oftmals geben sie sich als Gleichaltrige der Kinder aus. (Bild: Getty)

Pädophile Täter lauern in Chats, Foren und Online-Spielen – oftmals geben sie sich als Gleichaltrige der Kinder aus. (Bild: Getty)

Odilia Hiller

odilia.hiller

@ostschweiz-am-sonntag.ch

Die St.Galler Staatsanwältin Ursula Brasey redet Klartext, wenn man sie danach fragt. Die Herausforderungen an Justiz und Polizei im Bereich Pädokriminalität und Internet steigen. Schneller, als die Rechtsprechung folgen kann. Und schneller, als die Politik reagieren kann. Im kantonalen Untersuchungsamt ist die Staatsanwältin für die Strafverfolgung komplexer, meist internationaler Internetdelikte zuständig. Viele der von ihr bearbeiteten Straftaten betreffen eines der dunkelsten Kapitel der Kriminalität: sexueller Missbrauch von Kindern.

Im vergangenen Jahr verzeichnete die St.Galler Kriminalstatistik im Bereich Pornografie so viele Straftaten wie nie seit Beginn der Statistik im Jahr 2009: 134-mal ermittelten Polizei und Staatsanwaltschaft. «Aus meiner Sicht betrifft ein hoher Anteil der Fälle Kinderpornografie und sexuelle Handlungen mit Kindern», sagt die Staatsanwältin im Gespräch mit der «Ostschweiz am Sonntag». Die Statistik unterscheidet indes nicht nach Art des pornografischen Materials, sondern listet die Straftaten gesamthaft auf.

Zahlreiche Verdachtsmeldungen gelangen via Kobik, die Koordinationsstelle für die Bekämpfung der Internetkriminalität der Bundespolizei, an die kantonalen Behörden. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Polizei schweizweit 1286 Anzeigen wegen verbotener Pornografie («Ostschweiz am Sonntag» vom 7. Mai). Dank der Vermittlung internationaler Daten via Kobik komme es zu sehr erfolgreichen Fahndungen, sagt Ursula Brasey. Dabei geht es im Falle der Kinderpornografie mittlerweile bei weitem nicht mehr nur um den Konsum oder das Herunterladen von Bildern oder Filmen, die sexuell missbrauchte Kinder zeigen. Was an sich schon schlimm genug wäre, wie die Staatsanwältin betont.

Vom Nacktbild zur sexuellen Nötigung

Was den Behörden zunehmend Sorgen bereitet, ist der interaktive Bereich des Internets. Pädophile Täter wählen Online-Spiele, Chatforen oder soziale Medien als Weg, um sich schamlos an Kinder heranzumachen. Mit gefälschten Profilen nähern sie sich ihnen im Netz, wobei sie sich oftmals als Gleichaltrige ausgeben. Es wird geflirtet, gescherzt und provoziert. Nacktbilder werden getauscht. Ein getarnter Täter sendet ein geklautes Bild eines Mädchens aus dem Netz. Der angesprochene Bub vor der Webcam fühlt sich geschmeichelt und schickt ein Bild von sich zurück. Dann schlägt die Falle zu: Der Täter nötigt den Buben unter Androhung der Veröffentlichung seiner Bilder zu sexuellen Handlungen vor der Kamera.

Diese Taten bewegen sich in einem rechtlichen Zwischenbereich: Das Delikt geschieht ohne Körperkontakt – im Unterschied zu sogenannten «Hands-on»-Delikten, die im Strafrecht härter geahndet werden. Für das Opfer kann das Vorgefallene jedoch mindestens so gravierend sein. Die Bedrohung durch einen Unbekannten im Netz, der es zu sexuellen Handlungen vor der Webcam verleitet und mit Drohungen oder Geschenken operiert, ist höchst traumatisierend. Erschwerend kommt hinzu, dass einzelne Täter manchmal Dutzende oder Hunderte Kinder mehr oder weniger gleichzeitig ködern – auch im Kanton St.Gallen, sagt die Staatsanwältin. Die juristische Beurteilung dieser Fälle ist äusserst anspruchsvoll und bedarf der Interpretation. Viele Sachverhalte aus dem Bereich der Internetdelikte sind nicht messbar wie etwa Drogendelikte.

Dies zeigt auch die Rechtsprechung. Das Bundesgericht produziert in hoher Kadenz neue Urteile, denn die Tatmuster wandeln sich ständig. Im Gleichschritt mit den Netzgewohnheiten der Kinder: Minecraft, Chats, Facebook – hier klinken sich pädophile Täter mit Vorliebe ein. Und stellen auch die Fahnder und Ermittler der Polizei ständig vor neue Herausforderungen. Diese Entwicklung hat zur Folge, dass Tatbestände sich nicht mehr eindeutig in «Pornografie» (Artikel 197 des Strafgesetzbuchs) oder «sexuelle Handlungen mit Kindern» (Artikel 187) einteilen lassen, so Brasey. Als Anklägerin muss die Staatsanwältin den Strafbestand nach Schwere, Anzahl Opfer, Häufigkeit, Perversionsgrad und vielem mehr beurteilen. War die Pose des Täters eindeutig aufreizend? Wann ist das Bild eines Kindes pornografisch?

«Die Kinderpornografie wird überdies immer gravierender», sagt Ursula Brasey. Die Bilder und Filme, welche die Ermittler auf den beschlagnahmten Festplatten finden, seien zunehmend brutaler – und die missbrauchten Kinder immer jünger. Auch Kleinkinder und Säuglinge sind dabei. Solches Material ansehen zu müssen, sei etwas vom Schlimmsten überhaupt. Fast noch erschreckender: Im Kanton St.Gallen gab es einzelne Fälle von Müttern, die ihre Kinder gegen Geld für solche Handlungen zur Verfügung stellten.

Terabytes an Daten und Millionen von Bildern

All das, aber auch die steigenden Datenmengen auf beschlagnahmten Computern fordern Justiz und Polizei. «Die Verschiebung der Kriminalität allgemein, aber auch der Pädokriminalität ins Internet hat zur Folge, dass wir uns operativ immer wieder neu ausrichten müssen», sagt Stefan Kühne, Leiter der St.Galler Kriminalpolizei. Der Bedarf an speziell ausgebildeten IT-Fachleuten und Technikern bei der Polizei steige laufend. Nur so könnten die Fahnder im Netz am Ball bleiben. Zudem sei eine leistungsstarke Infrastruktur notwendig, um beispielsweise den Herausforderungen des Dark­net, der digitalen Unterwelt, sowie den wachsenden Mengen an Bildern zu begegnen. «Wir bewegen uns mittlerweile im Bereich von Terabytes, also Tausenden von Gigabytes an Daten», sagt der Kripochef. Dies könne einer Anzahl Bildern im sechs- bis siebenstelligen Bereich entsprechen, die pro Computer zu analysieren seien.

Realität und Politik klaffen auseinander

Die Realität und der politische Prozess klaffen hier weit auseinander. «Allein der verwaltungsinterne Budgetprozess ist im Gegensatz zur schnellen Entwicklung neuer Phänomene im Netz schwerfällig», sagt Kühne. Auch der Gesetzgeber müsste reagieren, doch die Mühlen der Politik mahlen langsam. Im schlimmsten Fall braucht es – einmal mehr – erst einen Aufschrei der Öffentlichkeit. Dann, wenn wieder etwas besonders Abscheuliches bereits geschehen ist.