Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

OSTSCHWEIZ: "Ob es Gisel auch noch nimmt?": Zu Besuch an einer Raiffeisen-Versammlung nach dem Fall Vincenz

Hilfe zur Selbsthilfe, umgesetzt mit solidem Bankhandwerk: Das zelebrierte auch die Raiffeisen-Genossenschaft Unteres Toggenburg an ihrer Generalversammlung. Die Affäre um Ex-CEO Pierin Vincenz lässt die Genossenschafter aber nicht kalt.
Kaspar Enz
Verwaltungsratspräsident Adrian Gmür begrüsst die Genossenschafter der Raiffeisen-Bank Unteres Toggenburg. (Bild: Michel Canonica (Bütschwil, 9. März 2018))

Verwaltungsratspräsident Adrian Gmür begrüsst die Genossenschafter der Raiffeisen-Bank Unteres Toggenburg. (Bild: Michel Canonica (Bütschwil, 9. März 2018))

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:<strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Es dauert zwar noch eine halbe Stunde, aber die Gäste drängen sich in den Eingangsbereich der Dreifachturnhalle. Drinnen scheinen die Bänke schon fast voll, auch wenn das Programm nicht eben spektakulär tönt: Protokoll, Wahl der Stimmenzähler, Genehmigung der Jahresrechnung, Diverses. Es sei eben ein Ereignis im Dorf, sagt die Raiffeisen-Mitarbeiterin am Eingang.

Das bestätigt der Nachbar am Festbank: «Ohne die Generalversammlung würde etwas fehlen.» Nicht nur wegen der Solidarität mit den Genossenschaftern, auch wegen des Fests. «Ohne den Znacht wär es nicht so voll.» Dabei soll der «Hirschen», wo der zubereitet wird, bald schliessen, weiss man am Tisch. Doch noch etwas anderes trübt die Bütschwiler Raiffeisen-Welt. «Ob es denn Gisel auch noch nimmt?» – «das sehen wir dann, ist ja jeden Tag anders» – «er kann ja nicht alles wissen» – «wie Ruoff bei der Post, die war ja auch auf allen Protokollen» – «wird eh alles aufgebauscht, geschadet hat der Vincenz niemandem».

Jubiläum des Ur-Genossenschafters

Der Saal wird dunkel. Verwaltungsratspräsident Adrian Gmür ergreift das Wort. Ein Jubiläum stehe an. «Wir feiern dieses Jahr den Geburtstag unseres Namensgebers Wilhelm Friedrich Raiffeisen», sagt er. Der trieb im 19. Jahrhundert, als das Bankwesen noch in den Kinderschuhen steckte, den Genossenschaftsgedanken voran: Hilfe zur Selbsthilfe, für Landwirte und Kleingewerbler. «Und im Kern blieb die Idee bestehen», sagt Gmür. «Nur die Mittel und Werkzeuge haben sich verändert»: Auch in Bütschwil erledigt man Bankgeschäfte und Zahlungen via Computer und Tablet, E-Banking und Twint.

Auch sonst gibt es Gutes zu berichten: Die Bilanz wuchs 2017, wie auch der Gewinn, die Genossenschafter können sich auf einen hohen Zins auf ihre Einlage freuen. «Doch die Freude ist getrübt, wenn ich auf die letzten zwei Wochen blicke.» Gmür fasst zusammen, was wohl die meisten schon gelesen haben: Pierin Vincenz wird ungetreue Geschäftsführung vorgeworfen, es geht auch um die Zeit, als er CEO der Raiffeisen-Zentrale war. «Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Raiffeisen aufgrund seines Verhaltens einen finanziellen Schaden erlitten hat», beruhigt Gmür. Für die Genossenschafter jedenfalls bestehe keine Gefahr, jedenfalls nicht auf dem Konto.

Aber Raiffeisen geniesse den besten Ruf aller Banken in der Schweiz. «Und dieses Image wird zweifellos angekratzt, völlig unabhängig vom Ergebnis des laufenden Verfahrens», gibt Gmür zu bedenken. «Ich hoffe sehr, dass Ihr Vertrauen von Ereignissen ausserhalb unserer Bank nicht getrübt wird», denn in Bütschwil werde weiter solide Arbeit geleistet, versichert der Verwaltungsratspräsident.

Diverses und Umfrage

Dafür erhält die Bank auch Dank, mehrere unbestrittene Abstimmungen später, beim letzten Traktandum vor dem Znacht. Mitten im Saal hält einer die Hand auf, erhält das Mikrofon. «Bodenhaftung und Ehrlichkeit sind die Pfeiler des Erfolges», sagt Bruno Facci. Doch beides sei bei Raiffeisen Schweiz wohl verloren gegangen. Ob man in der Zentrale damit liebäugle, eine Aktiengesellschaft zu werden, wie ein Professor kürzlich sagte. Und was denn CEO Patrik Gisel wirklich gewusst habe. «Was ist wahr?», fragte er, weniger das Podium als die Zentrale.

Die Verfahren um den Ex-CEO, «das brennt den Leuten unter den Nägeln», sagt Adrian Gmür im Vorraum, während drinnen das Unterhaltungsprogramm beginnt. Das zeige auch das spontane Votum aus dem Publikum. «Das kommt sehr selten vor.» An manchen Raiffeisen-GV wurde das Thema fast verschwiegen. «Für mich war es aber klar, dass man etwas sagen muss.» Denn eigentlich ist die Zentrale nicht Chef der Genossenschaften, es ist umgekehrt. Die Genossenschaften hätten deshalb schon Kontrollmechanismen über ihre Tochter, die Raiffeisen Schweiz. «Und das müssen wir je nach Ergebnis der laufenden Abklärungen auch einfordern.» Dass manche Funktionen zentralisiert wurden, mache Sinn. Aber das gebe der Zentrale auch Macht. «Wir Genossenschaften sind in der Pflicht, da ein gewisses Gegengewicht zu sein.»

Gmür hat scheinbar alles richtig gemacht. Drinnen schüttelt ihm ein Genossenschafter die Hand, lobt sein Rede. Auch am Tisch ist man zufrieden. «Es ist gut, dass er drauf eingegangen ist», sagt der Banknachbar. «Und auch, dass wieder mal jemand etwas sagt.» Aber das Rindsschmorplätzli lässt er sich von der Affäre nicht verderben. «Da muss man abwarten. Wichtig ist, dass das richtig aufgearbeitet wird.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.