OSTSCHWEIZ: Misstöne bei den Musikanten

Blasmusikvereine tun sich schwer, neue Mitglieder zu gewinnen. Sie sind dabei auch auf die Musikschulen angewiesen. Die Zusammenarbeit funktioniert aber nicht immer wie gewünscht.

Joel Mähne
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Junge Musikanten sind begehrte Mitglieder bei den Blasmusikvereinen. (Bild: PD)

Junge Musikanten sind begehrte Mitglieder bei den Blasmusikvereinen. (Bild: PD)

Joel Mähne

joel.maehne@tagblatt.ch

202 Blasmusikvereine gibt es in den vier Ostschweizer Kantonen St. Gallen, Thurgau, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden. Sie zählen aktuell 6992 Musikanten. Das sind zwar nur 0,8 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Vereine übernehmen aber eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Kontext. Sie spielen an Feiertagen, Dorffesten, begrüssen Turnerdelegationen bei der Rückkehr von eidgenössischen Festen und vertreten die Gemeinde an regionalen und überregionalen Musikfesten. Viele Vereine haben aber zunehmend Mühe, diese Funktionen wahrzunehmen – die Mitgliederzahlen sinken. Gemäss Zahlen des Schweizer Blasmusikverbands (SBV) von 2014 sind die Mitgliederzahlen in den letzten zehn Jahren um 15 Prozent gesunken.

Die Vereine tun sich schwer, Nachwuchs zu gewinnen. Ein Grund: Wer in eine Blasmusik eintreten will, muss meist eine mehrjährige Ausbildung an einem Instrument absolviert haben. Für Markus Meier, Präsident des St. Galler Blasmusikverbandes (SGBV), ist deshalb klar: «Die Zusammenarbeit mit den Musikschulen und der musikalischen Grundausbildung in den Primarschulen ist matchentscheidend.» Doch diese Zusammenarbeit ist an vielen Orten schwierig. So bestehen in Arbon seit über zehn Jahren zwei Musikschulen parallel, beide vom Kanton anerkannt und subventioniert: die Musikschule Arbon unter der Leitung von Leo Gschwend und die Jugendmusikschule Arbon-Horn, geführt von Thomas Gmünder und getragen von der Stadtmusik Arbon.

Zusammenarbeit hat nicht funktioniert

«Weil wir keinen Nachwuchs mehr hatten, versuchten wir im Jahr 2003, eine Zusammenarbeit mit der Musikschule Arbon zu erreichen», sagt Gmünder. Trotz mehrerer Task-Force-Sitzungen habe man damals keine Lösung erzielt. «So haben wir begonnen, unsere eigene Musikschule aufzubauen.» Mittlerweile arbeitet die Schule mit sechs Blasmusikvereinen aus dem Thurgau zusammen und unterrichtet nicht nur die klassischen Blasmusik-Gattungen, sondern auch Streich- und Zupfinstrumente. Das hat auch finanzielle Vorteile: Schulen, die weniger als acht Fachrichtungen anbieten, bekommen keine kantonalen Subventionen. Für Gmünder haben die Blasmusikvereine ein «Recht auf Nachwuchs», da sie eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllten. Im Konkurrenzkampf mit der Musikschule Abon hofft er nun auf den Leitungswechsel: Ende Juni übergibt Leo Gschwend an Julia Kräuchi, die zusammen mit Gmünder Musikmanagement studiert hat. Dann soll es mit der Zusammenarbeit klappen.

Persönliches Netzwerk ist wichtig

Verbindungen zwischen Verein und Schule sind sowohl für Markus Meier vom SGBV als auch für Ruth Gubler, Präsidentin vom Thurgauer Kantonal-Musikverband (TKMV), der Schlüssel zum Erfolg. Als Paradebeispiel im Kanton St. Gallen nennt Meier die Musikschule Unterrheintal. Sie umfasst die Schulgemeinden Au/Heerbrugg, Balgach, Berneck, Diepoldsau, Oberegg und Widnau. Geleitet wird sie seit August 2016 von Roland Stillhard, selber Blasmusikdirigent und Präsident der Musikkommission des SGBV. «Die Musikschule und die Blasmusik müssen Partner sein. Die Schule erbringt den Bildungsauftrag, der Verein bietet Gefässe zum gemeinsamen Spielen an», zeigt sich Stillhard überzeugt. Dabei ist er sich seiner Doppelfunktion als Schulleiter und Blasmusikvertreter durchaus bewusst: «Ich bevorzuge sicher keine Blasmusikvereine, sondern will alle Sparten ansprechen. Auch mit dem – symphonisch orientierten – Orchesterverein Widnau habe ich seit meiner Amtsübernahme einen Kontakt aufgebaut.» Damit Kinder und Jugendliche erfolgreich in ein Ensemble oder ein Orchester integriert werden können, müssten sie vorsichtig an diese herangeführt werden. Über unterschiedliche Vorstufenensembles der Musikschule und der Blasmusikvereine lernen die Schülerinnen und Schüler das gemeinsame Musizieren kennen. «Dabei sind die sozialen Gegebenheiten sehr wichtig. Der Übertritt fällt leichter, wenn gleichzeitig auch andere Freunde mitziehen», sagt Stillhard. Entscheidend sei aber auch, ob ein Musikant musikalisch bereit für einen Übertritt sei. «An der Musikschule Unterrheintal setzen wir hier auf eine direkte Kommunikation zwischen Vereinen und Musikschule. Die Vereine schicken den Lehrpersonen eine Tabelle mit Schülerinnen und Schülern, die für den Verein interessant sind. Die Lehrperson kann dann eintragen, ob sich ein Jugendlicher bereits für eine Formation eignet», erklärt der Schulleiter. Dass eine standardisierte Kommunikation zwischen Vereinen und Musikschulen enorm wichtig ist, betont auch Andreas Schweizer. Er ist Schulleiter der Musikschule Weinfelden und Präsident des Verbands Musikschulen Thurgau. «In der Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein treffen Berufsleute und Ehrenamtliche zusammen. Das bietet Konfliktpotenzial und muss deshalb sauber geregelt sein.» An der Musikschule Weinfelden wird der Unterricht durch die Vereine finanziell unterstützt. Im Gegenzug, sagt Schweizer, binde die Schule die Vereine oft ein. Man versuche zum Beispiel gemeinsam an den Primarschulen aufzutreten: «Die Musikschulen haben an den Volksschulen einen höheren Stellenwert als ein Verein, da die musikalische Bildung und damit die Musikschule im Lehrplan verankert sind.»

Auch Blasmusikvereine handeln

Andreas Schweizer sieht sich auch in der Verantwortung dem Kanton gegenüber: Mit der Eingliederung des Musikantennachwuchses in die Vereine werde ein Beitrag an die Gemeinschaft geleistet. Auch deshalb können an der Musikschule Weinfelden neu auch Kurse belegt werden, die auf eine Arbeit im Vorstand eines Vereines vorbereiten. Auch die Blasmusikverbände legen Wert auf eine bessere Ausbildung der Vorstandsmitglieder, insbesondere der Jugendverantwortlichen. Andreas Schweizer und auch Ruth Gubler hoffen, dass bald der ganze Kanton Thurgau von dem in Weinfelden erprobten System profitieren kann.

Nur: Häufig fehlen gegenseitiges Verständnis und Toleranz. Eine Musikschule sei nicht nur eine Produktionsstätte für den Blasmusiknachwuchs, sondern habe in erster Linie die musikalische Bildung eines Kindes zu gewährleisten, heisst es oft. Auf der anderen Seite betonen die Blasmusikvereine regelmässig, dass sie in den vergangenen Jahren grosse Anstrengungen unternommen hätten und – gerade für Jugendliche – deutlich attraktiver geworden seien. Das Verhältnis müsse besser werden – oder wie es Andreas Schweizer ausdrückt: «Vielleicht sollte man öfters mal ein oder zwei Bier miteinander trinken.» Der Rheintaler Musikschulleiter Roland Stillhard sagt es so: «Es geht darum, das Kulturgut Musik zu erhalten und zu fördern. Und dafür müssen alle Beteiligten zusammenarbeiten.»