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OSTSCHWEIZ: Migros-Verbot für demenzkranke Ladendiebin

Eine demenzkranke Frau vergisst in einer St.Galler Migros-Filiale, ihre Einkäufe zu bezahlen. Das Unternehmen reagiert mit Strafanzeige und Hausverbot, die Angehörigen wehren sich. Jetzt einigte man sich auf eine Lösung, mit der niemand glücklich ist.
Andri Rostetter
Delikte aus Vergesslichkeit: Für Demenzpatienten können tägliche Verrichtungen wie Einkaufen zu heiklen Unterfangen werden. (Bild: imago)

Delikte aus Vergesslichkeit: Für Demenzpatienten können tägliche Verrichtungen wie Einkaufen zu heiklen Unterfangen werden. (Bild: imago)

Andri Rostetter

andri.rostetter

@tagblatt.ch

Ist es Unverständnis? Gleichgültigkeit? Oder nur Hilflosigkeit? Marco Brunner* weiss es nicht. Enttäuscht ist er trotzdem. Dass man so mit seiner Mutter umgeht, lässt den 58-Jährigen ratlos zurück. «Meine Mutter ist eine bodenständige Frau, die sich ihr ganzes Leben lang durchsetzen musste. Sie hat sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Und jetzt das.» Es war im Januar, als Marco Brunner seine Mutter besuchte und sie ihm den Brief der Staatsanwaltschaft St. Gallen zeigte: Ein Strafbefehl wegen mehrfachen Ladendiebstahls, begangen im Abstand von ein paar Monaten. «Ich fiel aus allen Wolken», sagt der Sohn. Als er nachfragte, hörte er folgende Geschichte: Dora Brunner*, Jahrgang 1936, wird beschuldigt, in der Migros-Filiale im Quartier mit einer Fleischpackung ohne zu bezahlen an der Kasse vorbeigegangen zu sein. Ein anderes Mal wurde sie erwischt, als sie im Laden Trauben von der Auslage ass. In beiden Fällen wurde sie der Filialleitung vorgeführt, für das unbezahlte Fleisch musste sie 150 Franken Umtriebsentschädigung bezahlen. Das Unternehmen sprach ein Hausverbot gegen sie aus, gültig für sämtliche Filialen und M-Fit-Studios in der Ostschweiz. Anfang Februar, kurz nach dem Strafbefehl, kam es zu einem dritten Vorfall, wieder ging es um unbezahlte Ware.

Dora Brunner selber kann sich an die Vorfälle nur noch teilweise erinnern – seit zwei Jahren leidet sie unter Demenz. «Wenn meine Mutter einen Ausflug gemacht hat, weiss sie das einen Tag später nicht mehr», sagt Marco Brunner. «Aber in ihrem gewohnten Umfeld funktioniert sie. Sie kennt die Leute, die Umgebung, findet sich zurecht.» Auch das Einkaufen sei kein Problem gewesen. «Sie geht seit über 50 Jahren in diese Migros-Filiale, an der Kasse kennt sie jeder.» Seit ihrer Pensionierung gehe die Mutter praktisch täglich einkaufen, manchmal auch zweimal am Tag. «Sie hatte viele soziale Kontakte in der Migros, der Laden war Teil ihrer Welt.»

«Kein Verständnis, keine Unterstützung»

Als Marco Brunner von den Zwischenfällen erfuhr, setzte er sich mit der Migros in Verbindung und schilderte die Lage: dass seine Mutter dement sei, dass die Einkäufe normalerweise kein Problem seien, dass man die Sache regeln könne. Er schlug vor, seine Mutter nur noch mit einer durchsichtigen Tasche einkaufen zu lassen, damit das Personal jederzeit sehen kann, was Frau Brunner gerade herumträgt.

Ende Februar kam ein eingeschriebener Brief: Das Hausverbot wird abgeschwächt, Dora Brunner darf wieder in die Migros, aber nur in Begleitung. In dem Schreiben zeigte das Unternehmen die Konsequenzen auf, sollte die Seniorin sich nicht daran halten: «Gleichzeitig weisen wir Sie ausdrücklich darauf hin, dass wir nicht zögern werden, Sie – gemäss Art. 186 des StGB – bei einer Zuwiderhandlung gegen das Hausverbot wegen Hausfriedensbruches zu belangen.» Die Anzeige zog die Migros zurück.

Andreas Bühler, Mediensprecher der Migros Ostschweiz, sagt: «Wir haben etwa zwei solche Fälle im Jahr. Unser Personal spricht diese Personen zuerst darauf an. Das hilft natürlich nicht immer, weil sie es häufig wieder vergessen.» Komme es zum Wiederholungsfall, seien Hausverbot und Strafanzeige die üblichen Massnahmen. Die Migros sei aber immer bestrebt, gemeinsam mit den Angehörigen ein sogenanntes «abgeschwächtes Filialverbot» zu erwirken. In diesem Fall dürfen die Personen in Begleitung eines Familienangehörigen oder eines Bekannten einkaufen. «Für uns ist das die einzige Möglichkeit. Wir wollen so vor allem auf die Angehörigen einwirken. Andere Dienstleistungen, etwa Einkaufsbegleitung, können wir aus Kapazitätsgründen nicht anbieten.» Bühler verneint, dass das Personal zu wenig geschult sei im Umgang mit demenzkranken Personen. «Unsere Leute wissen, wie sie mit solchen Menschen umgehen müssen.» Es sei der Migros ein Anliegen, dass auch Demenzpatienten in ihrer gewohnten Filiale einkaufen könnten. «Diese Einkäufe sind häufig Teil ihres Tagesablaufs. In kleineren Läden ist das auch kein Problem, dann kann das Personal darauf eingehen. Aber im vorliegenden Fall handelt es sich um eine grosse Filiale. Da funktioniert das nicht mehr.»

Mit Laden-Scouts Sympathie gewinnen

Thomas Diener schüttelt den Kopf. «Solche Verbote bringen gar nichts.» Diener ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Pro Senectute St. Gallen und hat täglich mit Demenzpatienten zu tun. Doch der Fall Dora Brunner ist auch für ihn aussergewöhnlich. «Dass ein Unternehmen so hart reagiert, ist doch erstaunlich», sagt er. Vor allem, weil derart grobes Geschütz kaum etwas bringe. «Rein formaljuristisch ist hier die Urteilsunfähigkeit gegeben, die Frau kann also gar nicht belangt werden.» Die Vorgehensweise zeige, wie hilflos selbst grosse Unternehmen agieren, wenn es um den Umgang mit Demenzpatienten gehe. Eine Patentlösung gebe es nicht – und werde es nie geben. «Demenz ist unberechenbar, jede Erkrankung verläuft anders.» Diener schlägt deshalb einen Mittelweg vor: «Die Migros könnte ein Projekt mit Laden-Scouts prüfen. Diese könnten Leute ansprechen, die sich beim Einkaufen schwer tun, und sie durch den Laden begleiten. Damit könnte die Migros viel Sympathie gewinnen. Wir wären gern bereit, ein solches Projekt zu unterstützen.» Für Marco Brunner wäre dies eine gangbare Lösung – und eine Entlastung. «Ich kann meine Mutter nicht einsperren. Dafür geht es ihr noch zu gut.» Sie habe regelmässig Besuch, von ihm oder von seiner Schwester. Auch der Schwager kümmere sich um sie. «Unser familiäres Gefüge ist intakt, sie hat die Unterstützung, die sie braucht.» Brunner zeigt sich überzeugt: Die Migros hätte schon nach dem ersten Vorfall nachfragen sollen. «Meine Mutter hat immer zwei Visitenkarten bei sich, eine von meiner Schwester und eine von mir. Ein Anruf hätte genügt.» Die Migros-Filiale liegt einen Steinwurf von Brunners Arbeitsplatz entfernt, notfalls hätte er selber rasch vorbeigehen können, um die Sache zu klären. «Stattdessen mussten wir die Migros dazu bringen, das Hausverbot und die Anzeige zurückzunehmen. Das war für uns ein Kraftakt.»

Wankendes Selbstwertgefühl stärken

Überrascht zeigt sich auch Regula Rusconi, Leiterin der Geschäftsstelle der Alzheimervereinigung St. Gallen-Appenzell. «Ich bin erstaunt, wie viel Unwissen in Bezug auf diese Krankheit noch besteht. Was nützen Hausverbote und schriftliche Mahnungen, wenn das erkrankte Gehirn es nicht mehr aufnehmen kann?» Am Anfang brauchten die Erkrankten nur punktuelle Unterstützung, vieles gehe noch ohne Hilfe. «Gerade in dieser Phase ist es wichtig, diese Selbstständigkeit zu erhalten und damit ihr Selbstwertgefühl zu stärken, das bei einer Demenz ohnehin am Wanken ist.» Betroffenen müsse geholfen werden, damit sie so lange wie möglich Teil der Gesellschaft bleiben, sagt Rusconi. «Im vorliegenden Fall war das harte Durchgreifen unnötig und entwürdigend – vor allem darum, weil die Angehörigen für so viele Lösungsvarianten Hand geboten hatten. Eine Demenzerkrankung ist kein Verbrechen, sondern eine riesige Herausforderung für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Wir sollten alles dafür tun, sie in ihrem Alltag zu unterstützen.»

Und was sagt Dora Brunner selber? Auch wenn sie sich nicht mehr an die «Diebstähle» erinnern kann: Dass die Migros sie nicht mehr allein im Laden haben will, weiss sie sehr wohl. «Ich bin enttäuscht», sagt sie. Dann erzählt sie, wie lange sie schon in der Migros einkauft. Wie sie schon als junge Bauerntochter im Fürstenland im Migros-Verkaufswagen einkaufte. Und wie die Migros in ihrem Quartier für sie zu einem wichtigen Bezugspunkt geworden ist. «Ich musste ja nur über die Strasse, dann war ich drin. Das ist jetzt halt vorbei, damit muss ich leben.»

Jetzt läuft sie nur noch um den Laden herum, hinein will sie nicht mehr. Auch nicht mit Begleitung. Lieber geht sie in den 300 Meter entfernten Denner. Marco Brunner hat dort mit der Filialleitung gesprochen, Name und Foto seiner Mutter deponiert. «Das Personal hat nun ein Auge auf sie. Das geht bestens.»

* Name geändert

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