OSTSCHWEIZ: «Kannst du überhaupt melken?»

Ein junger Eritreer hat über ein Arbeitsintegrationsprojekt den Weg in die Landwirtschaft gefunden. Der Flüchtling arbeitet lieber elf Stunden am Tag, als sein Geld von der Sozialhilfe zu beziehen. Nun wird er für seinen Einsatz belohnt.

Silvan Meile
Drucken
Teilen
Eine Streicheleinheit für den Muni: Biobauer Markus Ramser und Flüchtling Tesfu Adanom im Stall im thurgauischen Illhart. (Bild: Reto Martin)

Eine Streicheleinheit für den Muni: Biobauer Markus Ramser und Flüchtling Tesfu Adanom im Stall im thurgauischen Illhart. (Bild: Reto Martin)

Silvan Meile

silvan.meile@thurgauerzeitung.ch

Tesfu Adanom hat seinen Platz am Stubentisch von Biobauer Markus Ramser. Der Flüchtling aus Eritrea lebt und arbeitet auf dem Hof im thurgauischen Illhart. «Er sieht die Arbeit», lobt ihn Ramser bei einer Tasse Kaffee. Und er beobachte gut, lerne schnell. Wie beim Pflügen letzthin. Statt über den grobscholligen Boden zu brettern, habe Tesfu auf dem schwierigen Terrain gekonnt das Tempo gedrosselt und so eine saubere Arbeit abgeliefert. Der Eritreer lehnt sich auf dem Stuhl kurz zurück – als müsse er Luft holen – bevor er das Lob an seinen väterlichen Chef zurückgibt: «Markus erklärt mir alles sehr geduldig.» Die beiden sind ein Team – ein spezielles. Der Biobauer zeigt in den letzten Jahren vor seiner Pension noch einem Flüchtling, wie der Karren in der Schweizer Landwirtschaft läuft. Der Afrikaner saugt das Wissen in seiner ruhigen und überlegten Art auf.

Adanom entscheidet sich für den unbequemen Weg

Tesfu Adanom ist ein Vorzeigeflüchtling. Vor vier Jahren kam er in die Schweiz. Er wollte arbeiten, bekam eine Chance – und packte diese. Ein Pilotprojekt des Schweizer Bauernverbands und des Staatssekretariats für Migration (SEM) zur Arbeitsintegration von Flüchtlingen in der Landwirtschaft führte den Eritreer im Mai 2015 zu Ramser auf den Seerücken, mit wunderbarer Aussicht vom Säntis über die Churfirsten bis zu den Glarner Alpen.

Für die meisten der 13 Flüchtlinge, die schweizweit am damaligen Pilotprojekt teilnahmen, war der mit monatlich 3200 Franken bezahlte Job auf dem Bauernhof zu streng, der Arbeitstag zu lang. Statt elf Stunden pro Tag im Stall und auf dem Feld zu schuften, können sie auch Sozialhilfe beziehen, kritisiert Ramser die Fehlanreize für Flüchtlinge. Doch sein Schützling wählte nicht den bequemen Weg.

Deutsch mit dem Computer, Hausaufgaben mit dem Chef

Adanom durfte auch nach dem Pilotprojekt im beschaulichen Illhart bleiben, arbeitete weiter elf Stunden am Tag. Und er hat seine nächste Chance gepackt. Der bald 30jährige Eritreer hängt eine zweijährige Lehre als Landwirtschaftstechniker an seinen Projekteinsatz Arbeitsintegration bei Biobauer Ramser an. Einen Tag pro Woche besucht er die Berufsschule auf dem Arenenberg. Damit der Flüchtling auch auf dem Hof seine Deutschkenntnisse weiter verbessern kann, hat sein Patron einen Computer mit Lernprogramm besorgt. Selbst bei den Hausaufgaben hilft der Chef mit. Für diesen zusätzlichen Aufwand ist der Biobauer gern bereit. Es halte ihn selber jung und sei eine gewollte Herausforderung. Seit 1983 bilde er auf seinem Hof Lehrlinge aus. «Ich bringe auch Tesfu durch die Lehre.»

Auch beim Lohn geizt Ramser nicht. Statt das Salär seines Schützlings auf einen regulären Lehrlingslohn zu kürzen, erhöhte er die Entschädigung seit dem Pilotprojekt auf 3500 Franken, obwohl vom SEM keine Gelder mehr fliessen. Während des Pilotprojekts zur Arbeitsintegration wurden die Landwirte mit 200 Franken pro Monat unterstützt. Zusätzliche 200 Franken erhielten jene, die den Flüchtling auf dem Hof beherbergten.

Dumme Sprüche in der Beiz

Ganz ohne Misstöne geht es aber auch in Illhart nicht. «Kannst du überhaupt melken?», wurde der Eritreer am Stammtisch schon gefragt, als er sich zum Feierabend mit Markus Ramser in eine Beiz setzte. Dann stellt sich sein Chef schützend vor ihn. Es gebe aber auch Leute, die sähen, wie fleissig der Flüchtling auf dem Hof anpacke, sagt Ramser.

Für seinen Einsatz wird Tesfu Adanom nun zusätzlich belohnt. Weil er seinen Lebensunterhalt selber bestreitet, sind die Hürden für einen Familiennachzug kleiner geworden – und dank der Unterstützung seines Chefs beim Gang auf die Ämter sogar überwindbar. Adanom lächelt. Schon bald könnte seine Frau aus ihrem Zufluchtsort in Äthiopien zu ihm nach Illhart kommen. Das Paar darf dann eine eigene Wohnung auf dem Hof beziehen.