OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: «Zürich nimmt sich zu wichtig»

Eric Gujer, der Chefredaktor der NZZ, findet, die Ostschweiz leide an einem unerklärbaren Minderwertigkeitskomplex. Er rät dringend zu mehr Selbstbewusstsein. Und er sagt, warum er seinen Ostschweiz-Korrespondenten nach Zürich beordert hat.

Stefan Schmid
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Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, im Gespräch mit Stefan Schmid, Chefredaktor des St.Galler Tagblatts. (Bild: (Ralph Ribi))

Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, im Gespräch mit Stefan Schmid, Chefredaktor des St.Galler Tagblatts. (Bild: (Ralph Ribi))

Interview: Stefan Schmid

stefan.schmid@tagblatt.ch

Die Hitze drückt, draussen auf dem Sechseläutenplatz gastiert der Zirkus Knie. Eric Gujer, seit 2015 Chefredaktor der NZZ, empfängt uns in seinem Büro im zweiten Stock der Falkenstrasse.

Eric Gujer, wie definieren Sie Provinz?
Provinz ist ein Ort, wo es ein bisschen langsamer zu und her geht. Die Menschen haben dafür den Sinn fürs Wesentliche.

Ist die Ostschweiz Provinz
Im Rahmen meiner Definition ist die Ostschweiz Provinz, ja.

Ist die Ostschweiz provinziell?
Das ist in der Schweiz gar nicht mehr möglich. Alles ist miteinander verschmolzen. Die Räume sind so dicht beieinander. Man ist in einer Stunde von Zürich aus in St. Gallen. Richtige Provinz ist für mich das, was ich in Sibirien erlebt habe. 2000 Kilometer auf einer Ringstrasse. Ein Dutzend Autos und drei Dörfer. Das ist Provinz.

Ist Zürich auch Provinz?
Nicht im Sinne meiner Definition. Aber Zürich nimmt sich oft zu wichtig und sieht nicht, was in der übrigen Schweiz passiert. In diesem Sinne ist auch Zürich Provinz.

Interessant: Der Chefredaktor der NZZ findet, Zürich nehme sich zu wichtig.
Zürich ist die wichtigste Stadt der Schweiz. Wissenschaftlich, ökonomisch, kulturell. Was aber kein Grund ist, ignorant zu sein.

Wie nehmen Sie in Zürich die Ostschweiz wahr?
Die Region leidet an einem mir nicht erklärbaren Minderwertigkeitskomplex. Sie hat immer das Gefühl, sie käme zu kurz oder man würde sie nicht ernst nehmen. Eine Portion mehr Selbstbewusstsein täte der Ostschweiz gut.

Immerhin fordern wir selbstbewusst einen Ostschweizer Bundesrat.
Das kann ich nachvollziehen. Wobei ich doch davor warnen muss, den Regionenproporz zu stark zu gewichten. Wir können nicht immer alle berücksichtigen. Wichtiger ist, dass wir sieben gute Politiker in der Regierung haben.

Zürich ohne eigenen Bundesrat: Vorstellbar?
Ja. Es gibt auch für die Zürcher keinen Minderheitenschutz.

Apropos Minderwertigkeitskomplex: Basel-Bern-Zürich, das goldene Dreieck der Deutschschweiz, foutiert sich doch um Randregionen wie die Ostschweiz. Das hat nichts mit Komplexen zu tun. Das ist die eidgenössische Realität.
Die Ostschweiz ist keine Randregion. Sie grenzt an das boomende Bayern, das boomende Baden-Württemberg und an das wirtschaftlich ebenfalls gut aufgestellte Vorarlberg. Das sind europäische Kernregionen.

Theoretisch haben Sie Recht. In der Praxis aber trennen diese Nachbarn der Bodensee und eine Landesgrenze.
Eine Landesgrenze, aber weder eine wirtschaftliche noch eine intellektuelle Grenze. Das ist eine Chance für die Ostschweiz.

Finden Sie es richtig, dass das reiche Zürich für die ärmere Ostschweiz via nationalem Finanzausgleich bezahlen muss?
Ja, das Prinzip des Finanzausgleichs ist richtig. Natürlich ist die Frage berechtigt, wie stark die Umverteilung sein muss.

Zürich und andere Reiche wollen weniger zahlen, die NZZ hat dieses Ansinnen unterstützt.
Zu Recht. Die Nehmerkantone dürfen sich nicht auf den Zahlungen der Geberkantone ausruhen. Sie müssen schon selber schauen, dass es ihnen finanziell besser geht.

Zürich steuert über 20 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei, hat aber wie Uri nur zwei Ständeräte. Ist das noch zeitgemäss?
Ich warne davor, Grundsätze unserer Verfassung in Frage zu stellen. Solche Diskussionen führen ins Nirwana aufgeregter publizistischer Debatten.

Da nicht mehrheitsfähig ...
Das System hat sich bewährt.

Ein konservatives Argument. Urbane Zentren sind doch die Leistungsträger im Land. Hat die NZZ keine Idee, wie diese politisch gestärkt werden könnten?
Die Frage ist doch: Kommen unsere Entscheide demokratisch legitimiert zustande? Die Antwort ist: Ja. Hinzu kommt: Wir haben in der Schweiz bereits drei Staatsebenen – Bund, Kantone und Gemeinden. Für ein doch überschaubar grosses Land sind wir vielschichtig genug aufgestellt. Es gibt keinen Grund, eine vierte politische Stufe einzuführen.

Die NZZ ist eine Anhängerin des Föderalismus. Ist diese ausgeprägte Kleinstaaterei wirklich zielführend?
Erstens: Unsere Kleinräumigkeit, die kurzen Wege sind ein Standortvorteil der Schweiz. Die Leute, die über politische Massnahmen befinden, kennen die Situation aus eigener Anschauung. Zweitens: Solche Diskussionen laufen – wie bei der Frage nach einer Reform des Ständerats – immer ins Leere.

Ihre Zeitung hat fast alle Inland-Korrespondenten, darunter auch den Mann in St. Gallen, nach Zürich geholt. Das trägt dieser föderalistischen Vielfalt kaum mehr Rechnung.
Im Internet-Zeitalter gibt es keine Notwendigkeit, ständig vor Ort zu sein. Wichtiger ist der journalistische Austausch im Team. Viele Ostschweizer Geschichten sind keine reinen Ostschweizer Geschichten. Sie können so erzählt werden, dass sich andere auch dafür interessieren.

Das breite Korrespondentennetz im Inland war ein Alleinstellungsmerkmal Ihrer Zeitung.
Wir geben nichts auf. Wir schaffen dank einer verbesserten Zusammenarbeit unserer Redaktoren gar einen Mehrwert. Wir bleiben die einzige Schweizer Zeitung, die über alle relevanten Fragen in sämtlichen Landesteilen berichtet und diese auch kommentiert.

Das Geschäftsmodell der klassischen Medien ist unter Druck. Inwiefern ist eine qualitativ anspruchsvolle Regionalzeitung wie die unsrige unabdingbar für den demokratischen Diskurs in den Kantonen?
Sie sind zentral notwendig. Die Staatsbürger brauchen gut recherchierte Informationen aus ihrem unmittelbaren Lebensumfeld.

Und das wird ohne staatliche Hilfe weiterhin möglich sein?
Das muss möglich sein. Wir wollen keine staatliche Medienlandschaft. Medien, die abhängig sind von Staatsgeldern, sind viel anfälliger auf politische Einflussnahme. Oder sie mutieren zum Eunuchentum, wie die SRG. Eine dergestalt verarmte Medienlandschaft wäre für die Schweiz eine intellektuelle Katastrophe.