OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: Zürcher gibt’s eigentlich gar nicht so viele

Iso Niedermann, unser heutiger Kolumnist, findet, der schönste Platz in Zürich ist das Gleis 10 am Hauptbahnhof - dort fährt in der Regel der Zug nach St.Gallen. Aber er gibt auch zu: Insgeheim ist er stolz darauf, hier dabei sein dürfen. Denn hier gibt’s die guten Jobs, das pulsie­rende Freizeitangebot, die coolen Züri People.

Iso Niedermann
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Iso Niedermann, Jahrgang 1962, aufgewachsen in St.Gallen, pendelt seit 2006 per ÖV aus Zuzwil nach Zürich. Sportchef bei der «Schweizer Illustrierten». (Bild: Foto:Geri Born)

Iso Niedermann, Jahrgang 1962, aufgewachsen in St.Gallen, pendelt seit 2006 per ÖV aus Zuzwil nach Zürich. Sportchef bei der «Schweizer Illustrierten». (Bild: Foto:Geri Born)

Soll niemand sagen, die Zürcher hätten keinen Humor. Denen reicht ein einziges Wort, und sie kringeln sich vor Lachen. Ich werde gefragt, wie spät es ist, und antworte nach dem Blick auf die Uhr: «Föfi». Man kann sich kaum vorstellen, wie viel Heiterkeit ich damit auslöse. Ich brauche dann bloss nachzufragen: «Wa lachsch enart?», und schon ist die Begeisterung grenzenlos. Fööf, enart – köstlich, wie die da reden in der Provinz! Und dann weiss ich: Ich werde auf ewig ein Land­ei bleiben im grossen Züri. Oder mindestens, solange ich nicht «foif» sage und «eigentlich» statt «enart» oder «eusi» statt «üsi».

Natürlich ist das mit unserem irgendwie tatsächlich nicht so betörenden Dialekt ein Klischee. Blöd nur, dass es mich nach mehr als einem Jahrzehnt Arbeitsexil an der Limmat noch immer ärgert. Denn, gell, so ein bisschen dazugehören will man ja schon. Dass ich einem Züri-Besucher am HB behände aus dem Kopf erklären kann, auf welche Tramlinie er am Stauffacher umsteigen muss, um in die Kalkbreite zu gelangen, lässt mich schon recht einheimisch wirken, finde ich. Und wenn ein Grüppchen Rast­loser nach Büroschluss irgendwo noch rasch eins kippen will, schlage ich ganz cool «Frau Gerolds Garten» an der Hardbrücke vor, weil man von da anschliessend ganz schnell im «Gonzo» an der Langstrasse ist.

Iso Niedermann, Jahrgang 1962, aufgewachsen in St.Gallen, pendelt seit 2006 per ÖV aus Zuzwil nach Zürich. Sportchef bei der «Schweizer Illustrierten». (Bild: Foto:Geri Born)

Iso Niedermann, Jahrgang 1962, aufgewachsen in St.Gallen, pendelt seit 2006 per ÖV aus Zuzwil nach Zürich. Sportchef bei der «Schweizer Illustrierten». (Bild: Foto:Geri Born)

In Züri ist alles irgendwie so angesagt. Und jede und jeder mit «foif» im Sprachrepertoire gehört dazu. Da muss man sich ranhalten als Pendler aus der Provinz. Jeder auf seine Art. Ich kenne solche, die haben parallel von mir die Flade besucht, leben aber heute im Kreis vier und mischen ganz selbstverständlich «foif» und «eusi» und «einisch» in ihre Sprache ein. Kann man machen, auch wenn’s dämlich tönt, weil damit der Klang nach Sitter und Vadian und Olma trotzdem nicht aus dem angeborenen Dialekt getilgt ist.

A propos Olma: In Zürich wird in immer mehr Beizen Schützengarten ausgeschenkt. Das zu trinken, finden die eingeborenen Zürcher ebenso hip wie den Verzehr der Bratwurst beim Sternengrill am Bellevue. Da kommen die Banker rund um den Paradeplatz extra über die Limmat und tunken ihre Wurst, made in Henau SG, im Senf. Naiv, dagegen zu protestieren. Denn für die gemeine Zürcherin, den gemeinen Zürcher ist per Gewohnheitsrecht zürcherisch, was in Züri verdrückt wird. Ein Ammenmärchen, dass gute Bratwürste zwingend aus der Ostschweiz kommen müssen. Unser Schüga: eigentlich das Szenebier aus Zwinglistadt.

Leiden wir Ostschweizer in Züri an Minderwertigkeitskomplexen? Ach was! Okay, vielleicht ein bisschen. Doch ja, schon ziemlich. Momoll, abgrundtief. Wenn wir uns jeden Morgen, aus dem wunderlichen Osten kommend, am HB Züri zu Tausenden aus den veralteten SBB-Wagen wälzen – das moderne Rollmaterial verkehrt nach Bern, Luzern, Basel –, werden wir jedes Mal aufs Neue vom ewig pro­duktiven Rhythmus dieser Weltstadt gepackt. Und sind insgeheim stolz, dass wir hier dabei sein dürfen. Denn hier gibt’s die guten Jobs, das pulsie­rende Freizeitangebot, die coolen Züri People.

Obwohl: Letzteres ist relativ. Zürcher gibt’s eigentlich gar nicht so viele. Den Karren halten hier andere am Laufen. Meine nächsten Nachbarn am Arbeitsplatz in Zürichs Westen, dem aktuellen «Place to be»: eine Baslerin, ein gebürtiger Uzwiler (der, Gott sei Dank, nicht «foif» sagt), eine Zürcherin, eine Wienerin, ein Zürcher, ein Aargauer, eine Oltnerin. Ob’s denen so geht wie mir?

Ein Geheimtipp sei an dieser Stelle jedenfalls verraten: Der beste Ort Zürichs ist Perron 10 am HB. In der Regel fährt da der Zug nach St.Gallen.

Als Pendler aus der Provinz muss man sich ranhalten in Zürich. Denn so ein bisschen dazugehören will man ja schon. (Bild: Ralph Ribi)

Als Pendler aus der Provinz muss man sich ranhalten in Zürich. Denn so ein bisschen dazugehören will man ja schon. (Bild: Ralph Ribi)

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