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OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: «Wer seine politische Karriere plant, ist ein Idiot»

Anti-Zürich-Reflex, städtische Anonymität, Klischees: Hans-Jakob Boesch, Präsident der Zürcher FDP und Stadtsanktgaller, macht sich Gedanken über sein Verhältnis zur alten Heimat. Ein Protokoll.
"Man ist in einem gewissen Sinne freier": Hans-Jakob Boesch auf der Rathausbrücke in Zürich. (Bild: Ralph Ribi)

"Man ist in einem gewissen Sinne freier": Hans-Jakob Boesch auf der Rathausbrücke in Zürich. (Bild: Ralph Ribi)

«Meine Herkunft? Spielte hier nie eine Rolle. In Zürich bekommt jeder eine Chance. Wer etwas anpacken will, ist hier willkommen. Das spricht für diesen Kanton. Klar, der Dialekt ist immer mal wieder Thema. Aber eher auf der humorvollen Ebene. Der St.Galler Dialekt ist ja kein Qualitätsmerkmal. Ich höre immer wieder, dass die Leute mir gern zuhören. Ich nehme nicht an, dass das wegen des Dialekts ist. Man kann es auch so sehen: Der Dialekt ist offenbar nicht so schlimm, dass es auf den Inhalt abfärbt. Dass der FDP-Präsident des Kantons Zürich St.Galler Deutsch spricht, kümmert in der Partei niemanden. Unser Ständerat ist Glarner, das ist auch nie Thema. Abgesehen davon, kann ich selber fast nicht zuhören, wenn jemand hellstes St.Galler Deutsch spricht. Ich bin es einfach nicht mehr gewöhnt. Zumindest nicht hier in Zürich.

An St.Gallen habe ich sehr gute Erinnerungen. Ich hatte eine schöne Kindheit dort, viele gute Freunde, und meine Eltern wohnen immer noch dort, mein Göttibub ist in Speicher zu Hau­se, sein Vater ist ein Pfadifreund aus St.Georgen. Aber zurück? Nein, das könnte ich mir nicht vorstellen. Es wäre mir zu klein. Ich würde vieles vermissen. Vor allem die Vielfalt dieser Stadt. Und die Anonymität. Gerade die Anonymität hat ja auch ihr Gutes. Sie gibt einen gewissen Schutz, man ist nicht permanent unter Kontrolle. Man kann eher sein, wie man sein will. Man ist in einem gewissen Sinne freier. Die Enge des Dorfes, in dem jeder jeden kennt und weiss, wer wann nach Hause kommt. Klar, das hat auch Vorteile. Man nimmt eher wahr, wenn jemand ein Problem hat. Und in einem Dorf lernt man sicher schneller Leute kennen. In Zürich muss man etwas tun, damit man nicht vereinsamt. Aber deswegen bin ich nicht in die Politik gegangen. Mir passt es, dass ich nicht ständig den gleichen Leuten über den Weg laufe und zwischen mehr als drei Beizen auswählen kann. Und mir gefällt die Vielfalt an Menschen, an unterschiedlichen Quartieren und an kulturellen Angeboten.

Politik spielte für mich schon früh eine Rolle: Meine Eltern waren politisch aktiv, es gab Diskussionen am Mittagstisch. Heute ist die Politik für mich ein wichtiges Umfeld. Seit ich Parteipräsident bin, ist mein Netzwerk sehr stark gewachsen. Ich bin häufig auf dem Land, in den Ortsparteien. Dort treffe ich immer wieder spannende Leute. Ich habe meine politische Karriere aber nie geplant. Wer so etwas plant, ist ein Idiot. Eine solche Laufbahn ist Zufall. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein: Darauf kommt es an. Und ein Quäntchen Glück. Die St.Galler Politik nehme ich nicht wirklich wahr. Aber verfolge sie auch nicht aktiv. Ich informiere mich über NZZ, Facebook und Twitter, mein Fokus liegt auf der Zürcher, der nationalen und der internationalen Politik. Das Letzte, das ich von der St.Galler Politik mitbekommen habe, war das Nein zur Expo. Aber das liegt nicht an St.Gallen, auch von der Aargauer oder der Luzerner Politik weiss ich nur das Nötigste.

Was St.Gallen besser macht als Zürich? Die Bratwürste. Natürlich ist das ein Klischee, aber es stimmt. Für eine Grillparty liess ich mal die Würste aus St.Gallen kommen. Die Reaktionen waren eindeutig. Aber sonst finde ich diese Vergleiche zwischen den Kantonen müssig. Jeder muss es so machen, dass es für ihn passt. Apropos Vergleiche: Den Anti-Zürich-Reflex gibt es auch innerhalb des Kantons. Ein Zürcher Oberländer findet uns Stadtzürcher arrogant. Ich glaube aber nicht, dass es einen Mentalitätsunterschied zwischen St.Gallern und Zürchern gibt. Mentalität ist eine Frage des Milieus. Ein St.Galler ist deshalb einem Winterthurer wohl ähnlicher als einem Toggenburger. Ich selber bin ja gebürtiger Stadtzürcher, meine Eltern kommen von hier. In St.Gallen wurde ich erst mit 18 eingebürgert. Heute bin ich Zürcher. Definitiv. Aber mit St.Galler Wurzeln.»

Notiert: Andri Rostetter

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