OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: Verlass die Stadt, die keine ist

Noëmi Landolt, unsere heutige Kolumnistin, zog 2003 für ihr Studium von St.Gallen nach Zürich. Emotional abgehauen ist sie hingegen erst 2005, als der Wegweisungsartikel angenommen wurde.

Noëmi Landolt
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Die Annahme des Wegweisungsartikel hatte eine unbewilligte Demo in St.Gallen zur Folge. (Bild: Michel Canonica)

Die Annahme des Wegweisungsartikel hatte eine unbewilligte Demo in St.Gallen zur Folge. (Bild: Michel Canonica)

Wenn mich heute jemand fragte, wie St.Gallen so ist, was eigentlich nie jemand tut, würde ich wohl sagen: «Es ist ein guter Ort, um aufzuwachsen. Aber es ist auch ein guter Ort, um abzuhauen.»

Weggezogen war ich bereits 2003 für das Studium. Doch emotional abgehauen bin ich erst nach der Abstimmung im Juni 2005 über ein neues Polizeigesetz und den darin enthaltenen Wegweisungsartikel. Während Monaten hatten wir im Bündnis «Auch du bist Stadt» gegen das Gesetz gekämpft, in der Multergasse unzählige Flyer verteilt. Immer hatten die Leute freundlich genickt: Jaja, das ist jetzt wirklich unnötig, diese polizeiliche Wegweisung, so schlimm sind die Bahnhofpunks ja auch nicht, sagten sie. Und dann hatten 65 Prozent Ja gestimmt. Ich fühlte mich verarscht. Dass ich mit ein paar Dutzend Hippies an der Demo gegen das Abstimmungsresultat (die erste unbewilligte in St.Gallen seit langem) verhaftet wurde, spielte dann auch keine Rolle mehr.

«Wenn alle weggehen, wird es hier auch nicht besser, jemand muss doch die Stellung halten», hatte mir ein Kollege noch gesagt. Doch ich hörte lieber auf die Wiener Musikerin Gustav, die sang: «Bevor die Glut in dir erlischt, verlass die Stadt, die keine ist.» Denn nur eine Stunde von St.Gallen entfernt gab es illegale Kellerbars, Raves unter der Autobahnbrücke, besetzte Häuser, unbewilligte Demos, die laufen gelassen wurden, einen 1. Mai, der wirklich ein Feiertag war. Ich liess mich in der Limmat treiben und in der Anonymität der Grossstadt, die mir Zürich damals schien. Soundtrack war der Electroclash jener Zeit, «Ravepunk für eine bessere Welt» und so. Genauso wie ich das damals für gute Musik hielt, dachte ich, dass Zürich tatsächlich ein besserer Ort sei.

Im Sommer 2008 kam ich noch einmal für anderthalb Jahre zurück. Als «Saiten»-Redaktorin lebte ich einen journalistischen Kleinmädchentraum. Doch auch diese Zeit mochte mich nicht mit St.Gallen versöhnen. Wenn ich anschliessend zu Besuch kam, beschränkte sich mein Bewegungsradius auf das Dreieck: Wohnung meines Vaters – Palace – Wohnung meiner letzten guten Freundin (alle anderen waren mittlerweile weggezogen). Die Wege dazwischen lief ich vorzugsweise im Dunkeln, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Bloss niemanden «von früher» treffen (was gar nicht so einfach war). Bloss keines diese Gespräche führen «Was machst du so?» «...» «Was, du studierst immer noch?!» All diese angehenden Staatsanwälte, Dermatologinnen, Physiotherapeuten, die früher mit mir zur Schule gegangen waren. Dieses geballte «Das Leben im Griff haben», das mir jeweils entgegen schlug ... ich hatte das Gefühl, die immer gleichen Gespräche mit den immer gleichen Leuten zu führen.

In Zürich bin ich nun lange genug hängen geblieben, um an einigen Orten dazuzugehören. Kellerbars gibt es nur noch wenige. Besetzte Häuser werden immer schneller geräumt, Spontandemos eingekesselt, obwohl der Polizeichef ein Linker ist. Einen Wegweisungsartikel gibt es nun auch hier, wie in fast jeder Schweizer Stadt. Die Innenstadt wird gnadenlos «aufgewertet» und die Bevölkerung ausgewechselt. Ich überlege mir manchmal, wo ich hinziehen könnte. Dass es anderswo politisch gesehen besser sein könnte, glaube ich nicht mehr.

Ab und zu fahre ich noch nach St.Gallen (Vater, Palace, Freundin). Nur noch selten begegne ich Menschen, die ich kenne, auf den Strassen, deren Namen ich langsam vergesse. Und ich verirre mich jeweils im für mich immer noch neuen «Neumarkt»-Migros. Es ist dabei keine Hassliebe, die ich verspüre. Viel Liebe ist da nicht, Hass aber auch nicht mehr. Es ist die Gelassenheit, die man einer entfernten Bekannten gegenüber empfindet, mit der man ein paar nostalgische Erinnerungen teilt, für deren Verhalten man aber nur noch ein Schulterzucken übrig hat.

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