OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: Sie erklären den Zürchern die Ostschweiz

Was interessiert in Zürich über die Ostschweiz? Wie ist ihre Aussenwahrnehmung? Zwei langjährige NZZ-Korrespondenten über Online-Klickzahlen, Desinteresse und Toni Brunner.

Regula Weik
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Für Zürcher Publikum über den Osten schreiben: Jörg Krummenacher und Peter Stahlberger. (Bild: Benjamin Manser/Ralph Ribi)

Für Zürcher Publikum über den Osten schreiben: Jörg Krummenacher und Peter Stahlberger. (Bild: Benjamin Manser/Ralph Ribi)

Regula Weik

regula.weik@tagblatt.ch

Er wischt die Illusion mit einem Satz weg. «Für Zürich ist die Ostschweiz weit weg.» Peter Stahlberger muss es wissen. Der St.Galler war langjähriger Ostschweiz-Korrespondent der NZZ, insgesamt arbeitete er 17 Jahre für das Zürcher Medienunternehmen. Hinfällig ist damit auch die Vorstellung, die Redaktion in Zürich habe ihm ab und zu ein aus ihrer Sicht spannendes oder zwingendes Ostschweizer Thema «in Auftrag gegeben» oder eine Frage zur Ostschweiz gestellt. «Wir haben einen Mann in der Ostschweiz, und der weiss schon, was aus dem östlichen Landesteil interessiert.» Das sei die Haltung der NZZ gewesen. Damals. «Wenn ich chronisch daneben gelegen hätte, dann hätte ich sicher etwas gehört», sagt Stahlberger lachend. Seit dreizehn Jahren ist er pensioniert.

Sein Nachfolger ist Jörg Krummenacher, der 56-Jährige ist St.Galler durch und durch. «Was aus der Ostschweiz am meisten interessiert?», fragt er zurück. «Ich suche euch die zehn meistgelesenen Online-Texte heraus.» Seine Auswertung der Online-Aufrufe der vergangenen vier Monate ergibt folgende Hitliste: Spitzenreiter ist Daniele Ganser, der umstrittene Historiker an der Universität St.Gallen. Krummenacher schreibt von einem «Balanceakt für die HSG». Ein genereller Vergleich relativiert den Erfolg des Ganser-Textes: Er kommt auf über 12'000 Klicks, der am meisten aufgerufene NZZ-Text auf 62'000 Klicks. Es ist das Quiz «Testen Sie Ihre Rechtschreibung: Wie gut ist Ihr Deutsch?». Schlusslicht in den Top Ten ist der «Föderalist und Trompeter», der St.Galler Regierungsrat Benedikt Würth. Krummenacher porträtierte ihn kurz vor seiner Wahl zum Präsidenten der Konferenz der Kantonsregierungen.

Hallenbad, Staatsrechnung oder Frühfranzösisch?

Die Ostschweiz ist heute korrespondentenmässig eine Brache. Wie auch andere Regionen, mit Ausnahme der Westschweiz. Krummenacher arbeitet seit Anfang Jahr auf der NZZ-Redaktion in Zürich; andere nationale Zeitungen wie der «Tages-Anzeiger» haben sich schon länger aus der Ostschweiz zurückgezogen. Die Regionen interessierten weiterhin – «aber in reduziertem Ausmass», sagt Krummenacher. Also die Probe aufs Exempel: Frühfranzösisch im Thurgau? «Ja, wegen allfälliger nationaler Auswirkungen.» Landsgemeinde Innerrhoden? «Nein, dieses Jahr nicht. Das Hallenbad interessiert in Zürich keinen.» Die umstrittene Wahl eines St.Galler Regierungsmitglieds? «Unsicher. Je nach Ausgangslage und ressortinternem Interesse.» Eine hochdefizitäre Staatsrechnung? «Nein. Wir machen eine Übersicht über die Abschlüsse aller Kantone.»

Krummenacher stimmt Stahlberger zu, was die Haltung der Redaktion angeht: «90 Prozent der Ostschweizer Themen bringe ich als Ressortverantwortlicher ein. Das gilt heute immer noch.» Die Kenntnisse der Zürcher über seine Heimat seien nicht überbordend. Ostschweizer Themen seien dann unbestritten, wenn sie «relevant oder beispielhaft» seien; er habe deshalb auch «keinen ausschliesslichen Ostschweiz-Blick». Doch selbst die Relevanz ist dehnbar. Wenn etwa Toni Brunner eine neue, schräge Idee lanciere, dann greife er diese eher auf: Online zieht der Toggenburger Altparteipräsident und Nationalrat (noch) immer.

Hintergründiges versus Primeur-Zwang

Derartige Überlegungen trieben Stahlberger nicht um. Zürich sei nicht grundsätzlich anders als St.Gallen. «Viele Themen und Probleme sind dieselben.» Er habe sich immer überlegt: Wo bieten St.Gallen, der Thurgau oder Schaffhausen Lösungsansätze für Fragen, die Zürich auch beschäftigen, oder die Zürich interessieren könnten? Als Beispiel nennt er die damalige Drogenproblematik. Oder die Wasserkraft, die Raumplanung, die Spitalpolitik. «Ich habe in der Wahrnehmung der Ostschweiz stets auch Zürich im Auge gehabt. Mein Publikum war das Zürcher Publikum. Ich habe aber nie etwas aus Zürcher Optik beurteilt.» Sein Ansatz: Hintergründige Texte verfassen, die für einige Zeit Bestand haben und dennoch «nicht aus der Zeit gefallen sind». Daran habe sich bis heute im Grundsatz nichts geändert, sagt Krummenacher, auch wenn die Gangart schneller geworden sei. Den Zwang, sich durch Primeurs – und seien sie noch so belanglos – oder durch Skandale zu profilieren, habe es damals nicht gegeben, sagt Stahlberger gleichwohl. Er nennt es «Fallschirm-Journalismus» – landen, sammeln, gehen.

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