OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: Liebe deinen Zürcher wie dich selbst!

"In Zürich sind fast alle, wie man selber ist, eine Dahergelaufene oder Hinübergewindete", schreibt unsere heutige Kolumnistin Daniele Muscionico, die seit 1989 in Zürich lebt.

Daniele Muscionico
Drucken
Teilen
Das Leben in Zürich ist noch misslicher, als man in der Ostschweiz glaubt. (Bild: Ralph Ribi)

Das Leben in Zürich ist noch misslicher, als man in der Ostschweiz glaubt. (Bild: Ralph Ribi)

Ist das Leben in Zürich so misslich, wie dort, wo ich herkomme, geglaubt wird? Nein, das ist es nicht. Ich will hier auf mein Ehrenwort versichern: Das Leben in Zürich ist noch misslicher.

Gerne hole ich zu einer Erklärung aus. Sehr gerne sogar und mit dankbaren Gefühlen für die Gelegenheit, die man mir gibt. Das Leben in Zürich ist misslich aus einem Grund. Und dieser hat ausschliesslich mit der Ostschweiz zu tun.

Ostschweiz ist Herkunft, Herkunft ist Prägung. Prägung ist das, womit man hofft, später einmal durchs Leben zu kommen. Durch das richtige Leben, das Erwachsenenleben. Nichts gegen kindliche Prägung und überhaupt nichts gegen jugendliche Lernleistung. Prägung in jungen Jahren ist eine wunderbare Sache – wenn sie denn in älteren Jahren hilft.

In meinem unbedeutenden, belanglosen Fall allerdings hat die Ostschweizer Zurichtung im richtigen Leben, im Zürcher Berufsleben, nicht geholfen. Im Gegenteil. Die Prägung Ostschweizer Art hat das Leben Zürcher Art zu einem, tatsächlich, misslichen gemacht. Zu einem misslichen in den ersten Jahren der Angewöhnung, um genau zu sein.

Desorientiert der Zürcher Anfang, hilflos der Mittelteil, erfreulicher die Gegenwart – denn irgendeinmal habe ich kapiert: Mir verbaut nicht mehr der Hohe Kasten die Sicht auf die Realität jenseits des Werdenberger Binnenkanals. Ich selbst bin es, ich selbst bin vernagelt und kastenmässig verbaut.

Denn im richtigen Zürcher Berufsleben gilt nichts von dem, was weiter östlich galt. Keine Koordinaten und keine inneren Richtlinien. Von meteorologischen ganz zu schweigen. Aber wie wähnt man sich in Zürich, wenn man im St.Galler Rheintal den Föhn schon mit der Muttermilch als Rauschmittel kennen gelernt hat? Morgens ohne Kopfweh aufzuwachen, was für ein irritierender Zustand!

Und wohin mit dem Komplex, den man sehr früh entwickelt hat, und den man hoch und heilig hielt, weil man nicht Senn oder Gantenbein oder Eggenberger heisst? In Zürich heisst kaum einer so, hier heissen Menschen sogar ganz ähnlich wie man selber heisst, das «Tschinggli» von früher. Tatsächlich sass im Ostschweizer Klassenzimmer kein anderer mit einem Namen aus dem Kanton Tessin.

In Zürich sind fast alle, wie man selber ist, eine Dahergelaufene oder Hinübergewindete. Keiner muss beweisen, dass er es verdient, unter Eingeborenen aufwachsen zu dürfen. So viel Desorientierung muss man erst verkraften, derartige Übungsfelder muss man bestehen. Das Leben in Zürich ist eine knallharte Schule. Würde ich gefragt, ob die Schule zu empfehlen sei, ich würde abraten. Heiss und innig würde ich davor warnen, sich einer Stadt auszusetzen, der es herzlich egal ist, woher man kommt und wohin man geht. Zürich will dafür nicht verantwortlich sein. Schade eigentlich, ich hatte mir früher eine Stadt gewünscht, die mich an der Hand nimmt und auf den rechten Weg bringt. Ganz so wie damals die Menschen mit Namen Senn oder Eggenberger oder wie Gantenbein. Doch Zürich weigert sich – und dafür bin ich der Stadt inzwischen dankbar.