OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: "Ich wollte immer uf Züri abe"

Der kunstsinnige Zürcher Wirtschaftsanwalt und Rechtsprofessor Peter Nobel über seine Herkunftsregion St.Gallen, den Bedeutungsverlust der Ostschweiz, die HSG, Niklaus Meienberg, Roman Signer und die Schwächen von SP und FDP.

Marcel Elsener/Regula Weik
Drucken
Teilen
Offenherziger Gesprächspartner im Seefeld: Peter Nobel in seiner Kanzlei. (Bild: Michel Canonica)

Offenherziger Gesprächspartner im Seefeld: Peter Nobel in seiner Kanzlei. (Bild: Michel Canonica)

Herr Nobel, könnte Ihre Kanzlei an einem andern Ort in der Schweiz sein?
Das glaube ich nicht. Zürich ist das Wirtschaftszentrum, hier konzentriert sich die urbane Schweiz, das wird sich noch verstärken. Vielleicht hätten wir noch eine Filiale in Genf autun können.

Was schätzen Sie an Zürich?
Die Lage, verkehrsmässig, am See, sehr angenehm. Die Vielfalt, die Dynamik. Zürich wächst weiter, der Westen wurde neu erfunden, auf Industriebrachen entstand ein neuer Stadtteil.

Wo bewegen Sie sich in der Stadt?
In Zürich sind die Quartiere weitgehend wie Dörfer, nicht geschlossen, aber Einheiten für sich. Man ist dort, wo man lebt und arbeitet und geht dorthin, wo Kultur ist. Und zum Essen, wo es sich lohnt. Neuerdings wieder auf den Rigiblick, wo Vreni Giger sehr fein kocht.

Was an Zürich ist unerträglich?
Die Riesenansammlungen von Menschen, Streetparade und so. Oder wenn es GC so schlecht geht, da leide ich. Früher ging ich noch öfter an den Match, Christian Gross kannte ich recht gut. Sonst gibt es nichts, was mich atmosphärisch stört, ich fühle mich sehr wohl.

"Ihre" Stadt also?
Ja, es war schon früh mein Lebenstraum, in Zürich zu wohnen. Ich hatte St.Gallen nicht ungern, aber ich wollte immer "uf Züri abe", wie man in St.Gallen sagt, den moralischen Niedergang, den man mit "Züri abe" verbindet, nahm ich in Kauf. Zürich war meine Zielstadt.

Nun gehören Sie als einflussreicher Wirtschaftsanwalt längst zur Machtelite. Wo ist Zürich "Zureich"?
Den Begriff kenne ich, er kommt aus den 80er-Unruhen. Klar gibt es eine reiche Oberklasse, wie in jedem Wirtschaftszentrum. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie protzt und auffällt. Es ist in der Regel alter Reichtum, den man diskret hat und unter sich weiss. Zürich ist keine Proletenstadt von Nouveau-Riches-Protzern. Und die Zürcher sind spendefreudig, siehe Opernhaus, Schauspielhaus, es gibt einen Haufen Stiftungen.

Sie waren Verwaltungsratspräsident des Zürcher Theaters. Nehmen Sie auch das St.Galler Theater wahr?
Am Rand, ich lese darüber, aber ich gehe nicht nach St.Gallen ins Theater. Aber ich gehe ja auch nicht nach Bern. Höchstens hin und wieder an ein Konzert nach Luzern. Das Angebot in Zürich ist wirklich gross. Meine Frau und ich haben ein Theater- und ein Opernabo, dazu kommen viele private Anlässe und noch die Kunst, da ist der Kalender schnell ausgefüllt.

Sie waren langjähriger Anwalt von Friedrich Dürrenmatt, initiierten auch das Dürrenmatt-Zentrum in Neuchatel. Lesen Sie noch Schweizer Autoren?
Ja, soeben wieder Robert Walser, Jakob von Gunten, das gerade am Schauspielhaus läuft, gut inszeniert, aber das Buch ist noch besser. Urs Widmer habe immer gern gelesen. Martin Suter schon auch, wobei Suter gute Plots hat, aber nicht den sprachlichen Tiefgang wie Walser. Eine Wahnsinnssprache, jeder Satz eine Überraschung, dazu spannende Nebenbemerkungen.

Und Niklaus Meienberg?
Ha, der Meienberg, der Peter-Studer-steht-der-Puder oder Bütler-Büttel-Busipo geschrieben hat, den kannte ich gut.

Kommen Sie bei ihm irgendwo vor?
Nein, mich hat er ausgespart. Habe einiges anwaltlich für ihn gemacht, den Vertrag mit dem Stern in Paris ausgejasst und anderes. Mich verschonte er, obwohl er ja sonst auf allen herumhackte, wie auf der Familie Wille.

Sie schätzen Meienberg?
Er hat viel geleistet, man denke an die Holocaust-Diskussion, die er mit "Die Erschiessung des Landesverräters" in Gang gebracht hat und die lange anhielt. Er hatte ein gutes Flair, aber war halt auch ein Rübezahl.

Solch grosse Figuren gibt es nicht mehr viele, zumal in St.Gallen. Wobei: In der Kunst gibt es sie noch, allen voran Roman Signer.

Mit ihm habe ich immer wieder zu tun. So liess er mal bei einem Vortrag von mir an der HSG Flaschen um mich kreisen; an die Decke gehängt, angetrieben von einem Ventilator. Ich besitze auch verschiedene Werke Signers und besuche ihn regelmässig.

Dass Signer auch "Press Art", ihr bevorzugtes Sammlungsgebiet, machte, ist uns neu.
Da gibt’s einiges. 1997 zog er 100 Seiten des Philadelphia Enquirer auf Holzplatten auf und liess einen Helikopter drüber kreisen. Mit miserabler technischer Verbindung gab es verzerrte Bilder, Signers Frau Aleksandra machte Videostills davon, herrlich. Einmal rief mich Iwan Wirth an, er habe noch eine Signer-Holzhütte in Henau, es war "Das Lesezimmer": Ein Ventilator mit Rohr bläst eine Zeitung an die Wand.

Und andere St.Galler Künstler?
Beni Bischof ist auf einem der beiden Press-Art-Bände vorne drauf, mit dem Vogue-Verschnitt. Aber meine eigentliche St.Gallen-Kunstverbindung war die Erker-Galerie: Die Tapies-Werke habe ich von Franz Larese.

Die Erker-Galerie war ein Aushängeschild St. Gallens, das es nicht mehr gibt. Sowieso beklagt die Ostschweiz an Bedeutung zu verlieren. Real oder nur eingebildet?
Der Verlust ist wahrscheinlich nicht so gross wie man meint, wenn man darüber spricht. Natürlich gehen die Leute dorthin, wo sie glauben vorwärts zu kommen, wo es innovativ und dynamisch ist. Aber da ist St.Gallen nicht so schlecht dran. Die Hochschule ist ein Riesenassett, auch wenn die Bevölkerung oft kritisch gegenüber der Uni eingestellt ist. Sie erhöht die Dynamik von St.Gallen gewaltig, das darf man nicht unterschätzen. Und die Region hat hervorragende Textilunternehmen, oder Bühler: Weltklasse.

Sie haben an der Universität St. Gallen den Lehrstuhl "Recht und Ökonomie" aufgebaut. Das ging nicht ohne "Revierkämpfe".
Es gab Gegner, das stimmt. Doch egal, wie der Lehrgang heisst: Das Recht musste sich der Ökonomie öffnen und umgekehrt. Die St. Galler Ökonomen haben keine Koexistenz gepflegt; im St. Galler Managementmodell existiert das Recht nicht. Heute ist der Lehrgang ein Erfolgsprodukt an der HSG.

Was halten Sie davon, dass sich die HSG aktuell auch in der Ärzteausbildung und der Informatik engagiert?
Informatik ist vermutlich richtig. Diese Digitalisierung ergreift alle Gebiete. Zum Medical Master: Das ist der Bundesdruck, man will die Ärzteausbildung dezentralisieren und allgemein mehr Ärzte ausbilden. Sie machen in Luzern ja genau dasselbe. Aber wissen sie: Die Absolventen werden die Uni kaum von innen sehen, die sind am Spital draussen, absolvieren dort ihre Kurse.

Wird die HSG dadurch zu einem Gemischtwarenladen?
Ein Gewinn für die HSG ist das Ganze sicher nicht. Ich halte es für unnötig.

Die HSG ist stark auf Drittmittel angewiesen. Wie sehr ist die Forschung tangiert, wenn Universitäten private Sponsoren suchen?
Ohne private Sponsoren hätte es die Hochschule St. Gallen nie gegeben und gäbe es sie auch heute nicht. Die Uni Zürich gab es ohne Sponsoren, heute suchen die Uni und ETH verzweifelt nach Drittmitteln. In Zürich gibt es immer diese Angst vor Reputationsschaden, Interessenkonflikt, Einfluss auf die Lehre ... St. Gallen hat ein viel entspannteres Verhältnis zur Aussenfinanzierung.

Sie sehen im Sponsoring grundsätzlich nichts Negatives?
Nein. Es hat auch dem Ruf der HSG nicht geschadet. Sie ist gut verankert in der Wirtschaft und es ist auch nicht so, dass das, was auf dem Rosenberg rauskommt als parteiisch und als nicht objektiv betrachtet und beurteilt würde.

Zurück zur Lamento der Ostschweiz. Hören Sie es selber auch?
Man hört, dass alles ein bisschen schwierig sei, beispielsweise die Erweiterung des Kunstmuseums. Und man merkt es, wenn der Regierungsrat alle Jahre mal Exil-St.Galler zu einer Coming-home-Tagung einlädt.

Da sind Sie dabei?
Ja, das Treffen sollte wohl Rückkoppelungseffekte auslösen. Aber ich bin ja selber ein himmeltrauriges Beispiel: Zürich war mein Ziel!

Sie sind politisch nicht mehr aktiv. In jungen Jahren waren Sie bei der Juso. Wie beurteilen Sie die heutige Arbeit der SP?
Die Sozialdemokraten sind programmatisch irgendwie im Niemandsland. Sie wissen nicht, worauf sie setzen wollen. Den Kapitalismus überwinden - so ein Kafi. Das erzählen sie nicht einmal mehr in Russland und China.

Ist die Partei nicht mit der Zeit gegangen?
Ja, das ist richtig. Probleme, die die Menschen bewegen, konnte man nicht programmatisch umsetzen. Und nun muss man sich irgendwie auf die Sozialversicherungen und all das Zeugs konzentrieren und feiert einen Sieg bei der Unternehmenssteuerreform, wo es überhaupt nichts zu gewinnen gibt für sie. Das sind so Pyrrhussiege.

Die SVP vermag manchmal gar einen Teil der SP-Wähler zu überzeugen.
Das tut mir weh.

Weh tun auch jene Freisinnigen, die heimlich mit der SVP stimmen?
Genau, diese Doppelbödigkeiten schmerzt. Da sagt man, man sei liberal, wählt aber SVP.

Namentlich SVP-Vertreter haben die Ostschweizer Expo zu Fall gebracht.
Ich hatte den Eindruck, das Projekt war zu dezentralisiert. Man wollte überall etwas machen. Man hätte besser am Bodensee etwas Grosses, Tolles gemacht - St. Gallen-Bodensee- Reichenau und so. Wahrscheinlich hätte das mehr gebracht.

Sie sind Pilot. Über welche Gegenden fliegen Sie am liebsten?
Lugano ist immer wahnsinnig schön. Genf eigentlich auch.

Fehlt der Bodensee ...
Der Bodensee ist jetzt nicht gerade die schönste Gegend. Man fliegt zwar vom See her an, das ist alles gut.

Sind Sie ein überzeugter Föderalist oder ein Anhänger von Grossregionen in der Schweiz?
Ich bin mir nicht sicher, ob sich unsere Kantönli-Organisation nicht überlebt hat. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das Ständemehr die Schweiz nicht eher behindert wie fördert. Das gibt den kleinen Einheiten, wie etwa Appenzell Innerrhoden, eine Übermacht.

Sollte die Schweiz in fünf Regionen aufgeteilt werden?
Es könnten auch ein klein wenig mehr sein, aber höchstens zehn.

Die Ostschweiz wäre dann eine Region statt wie heute einzelne Kantone?
Sicher. Nehmen Sie den Thurgau. Was hat er beizutragen ausser Äpfel und Süssmost?

Soll man gewisse Gebiete einfach auch aufgeben, statt sich bemühen, sie am Leben zu erhalten und Arbeitsplätze zu schaffen?
Dann müsste man auch die Landwirtschaftspolitik und die Raumplanung ändern. Die Städter müssten in landwirtschaftlichen Räumen schöne Häuser bauen dürfen.

Noch mehr Zersiedelung?
Wir haben noch genug Land. Und ich rede von schönen Anwesen. Die Städter würden viele Bauernhöfe sanieren und weiterführen, wenn sie daneben ein anständiges Feriendomizil bauen könnten. Vielleicht wären die Bauern dann eben Pächter statt sich mit Subventionen durchzuserbeln wie heute.

Und wie soll Zürich wachsen?
Eher in die Höhe, als sich noch mehr auszudehnen. Mich würden ein paar Hochhäuser gar nicht stören.

Anwalt und Kunstsammler

Peter Nobel, geboren 1945 in St.Gallen, ist einer der bestvernetzten Wirtschaftsanwälte Zürichs. Er berät Konzerne, Medienhäuser und mächtige Klienten wie den ehemaligen Fifa-Chef Sepp Blatter, den Ex-Nationalbankchef Philipp Hildebrand, den früheren Novartis-CEO Daniel Vasella und Oligarch Viktor Vekselberg. Er hat Generationen von Juristen ausgebildet, sammelt Plakat- und Pressekunst, liebt das Fahren und Fliegen. In seinen vier Jahrzehnten in Zürich hat er weder seinen waschechten St.Galler Dialekt verloren noch seinen schelmischen Humor. (mel/rw)