OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: Heimatbetrachtung einer Toggenburgerin

Sabina Brunnschweiler ist in Ebnat-Kappel aufgewachsen und lebt seit 1995 in Zürich. Wenn sie genug von der Stadt hat, geht sie jeweils in ihre Heimat und spaziert mit ihren Eltern auf dem Thurweg.

Sabina Brunnschweiler
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Ab einem gewissen Punkt hört man auf dem Thurweg nur noch das Rauschen des Flusses. (Bild: PD)

Ab einem gewissen Punkt hört man auf dem Thurweg nur noch das Rauschen des Flusses. (Bild: PD)

Sie waren selbstbewusst und wussten sich auszudrücken, die Zürcher Studentinnen und Studenten. Überhaupt haben sie ständig viel und laut geredet. Ich meldete mich nur zu Wort, wenn ich dazu aufgefordert wurde. Auch über zwanzig Jahre später erinnere ich mich genau, wie ich in meinen ersten Uniwochen eine Gruppenarbeit vorstellen musste. Plötzlich habe ich mich selber reden gehört und musste aufpassen, dass ich beim Thema bleibe. Mein Dialekt kam mir seltsam fremd vor. Es war, als würden die As hallen im Raum. «Hopp Sangallä!», habe ich damals oft gehört. An den Wochenenden fuhr ich zurück nach Ebnat-Kappel und freute mich, wenn mich der Bahnhofsvorstand grüsste.

Das Unbehagen in der Grossstadt hielt nicht lange an. Mit neuen Freundschaften schwand das Heimweh. Ein Vorteil in Zürich gegenüber dem Aufwachsen im Dorf ist natürlich, dass die Chancen grösser sind, Gleichgesinnte kennen zu lernen – wenn man weiss, wo ihre Treffpunkte sind. Der St. Galler Theatermacher Milo Rau hat einmal gesagt, in Zürich sei es möglich, sich tagelang nur unter seinesgleichen aufzuhalten, sich ständig in den eigenen Ansichten zu bestätigen und eine dementsprechend einseitige Sicht auf die Welt zu erlangen. Soweit kann es mit den Toggenburgerinnen und Toggenburgern eher nicht kommen. Wir mussten uns als Jugendliche die wenigen Pubs und Konzertlokale mit Andersdenkenden teilen und haben die Auseinandersetzung also früh geübt.

Bei meiner Arbeit für die Fachstelle Kultur des Kantons Zürich schätze ich das Privileg,mich beruflich mit vielen begabten Menschen zu treffen, die sich Gedanken machen zum Lauf der Welt. Meine Herkunft ist heute kaum mehr Gesprächsthema. Da gibt es aufregendere Heimatgeschichten. Trotzdem stelle ich immer wieder fest, dass ich zum Toggenburg eine engere Beziehung habe als andere zu ihrer Herkunftsregion. Im Kulturförder- umfeld kommt es öfter vor, dass ich mich in einer neu zusammengesetzten Arbeitsgruppe vorstellen muss. Gefragt wird neben Namen und Ausbildung dann meist nach der persönlichen Verbindung zur Kultur. «Ich bin im Toggenburg aufgewachsen», sage ich einleitend immer, «wo ich als Jugendliche mit andern in einer alten Textilfabrik Konzerte organisierte». Die Ortsangabe wäre in diesem Zusammenhang unwichtig. Erst kürzlich bin ich mir bewusst geworden, dass ich immer die Einzige bin, die darauf hinweist, woher sie stammt. Im Umfeld von mehrheitlich überzeugten Städterinnen und Städtern oute ich mich gerne als Landei.

Vom Bahnhof Ebnat-Kappel sind es nur wenige Minuten zur Thur. Ich folge ihr an Tennis- und Fussballplatz vorbei, bis ich nach der «Chemiefaser» in den Thurweg und bald in den Wald einbiege. Je weiter ich mich vom Dorf entferne, desto weniger Menschen kommen mir entgegen. Ich höre nur noch das Rauschen des Flusses. Als Jugendliche habe ich mich hier gern zurückgezogen. Zwischen den grossen moosgrünen Steinen und Wurzeln gibt es gute Verstecke. Heute gehe ich vor allem mit meinen Eltern hier spazieren, wenn ich vom Treiben in der Stadt wieder einmal genug habe. Und wenn wir auf dem Rückweg übers Brandholz im Restaurant Blume einkehren, freue ich mich an der wortkargen Freundlichkeit der Wirtsleute. Um das Wesentliche zu sagen, braucht es nicht immer viele Worte.