OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: Diese Stadt saugt jeden ein

Eine Woche lang haben wir den Rhythmus von Zürich gefühlt. Jetzt wissen wir: An dieser Fast-Weltstadt kommt niemand vorbei. Was uns noch zu tun bleibt: Eine Postkarte nach Hause.

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Mit vielen Eindrücken endet die Zürich-Woche des Ressorts Ostschweiz. (Bild: Benjamin Manser)

Mit vielen Eindrücken endet die Zürich-Woche des Ressorts Ostschweiz. (Bild: Benjamin Manser)

Liebe Daheimgebliebene!

"Der letzte Bauer auf Stadtgebiet", "Der Zürcher Stadtfuchs", "An den Schalthebeln der Zugwelt", "Übernachten im Baur au Lac", "Eine Nacht bei Pfarrer Sieber", die Reportage übers Zürcher Nachtleben – all diese Geschichten haben wir diese Woche nicht gemacht. Absichtlich. Wir wollten unerwartete Zugänge suchen statt Klischees bedienen. Gut, um die Zürcher Kultwurst vom Sternen-Grill kamen wir dann doch nicht herum. Jetzt ist die Woche vorbei. Dabei hatten wir uns noch so viel vorgenommen. Dass wir das Geheimnis der Luxemburgerli-Produktion nicht im Blatt hatten, stört uns ebenso wenig wie der verpasste Besuch im Koch-Areal. Und tatsächlich badete niemand von uns in der Limmat oder im Züritümpel, weil wir einen anständigen See bevorzugen. Doch die Reportage von der "Stadt unter der Stadt" hätten wir gerne noch gemacht. Ein Spaziergang im Zürcher Untergrund, das hätte Potenzial. Wie Zürich tickt, wissen wir ehrlicherweise noch immer nicht. Dafür war die Zeit zu kurz. Aber unser Interesse war echt.

Nicht nur wir haben uns für Zürich interessiert, Zürich interessierte sich auch für uns. Der "Tagesanzeiger" gab uns schon am ersten Tag Sightseeing-Tipps und trichterte uns die wichtigsten Benimmregeln ein (wir wissen jetzt: "Limmatstadt" geht gar nicht. Ausser man arbeitet für den "Tagi"). Am Ende wollten sie auch noch Interviews von uns (ja, auch die NZZ). Die Kollegen vom Winterthurer "Landboten" reagierten betupft, weil wir nicht bei ihnen waren. "Ihr habt nur über Zürich geschrieben, statt über Zürich (sic!). Ihr habt vom Big Apple nur das Bütschgi gegessen", nörgelten sie auf Facebook. Und lieferten gleich noch ein paar Winti-Tipps (Casino-Theater, Winti-Wurst, richtiges Bier). Schon gut, liebe Winterthurer, nächstes Mal kommen wir zu euch. Wir wissen ja, wie sich die Randlage anfühlt.


Businessvolk mit Aktentasche, auf dem Weg zum Lunch, Roastbeef-Canapée-verschlingend, hektisch, fahrig, angespannt – unser Bild von Zürchern. Bis vor ein paar Tagen. Die Bilder dieser Woche: Zürcher im Relax-Look, mit T-Shirt und Sonnenbrille im Tram, Businessvolk mit Tablet am Ufer, in der Badi, gelassen, geniessend, rauchend. Nach Feierabend auf ein Bier, zwei, drei. Noch spät am Abend sind die Stühle vor den Beizen belegt, auch an einem normalen Dienstag. Selbst am Bahnhof, der Aorta, ist das Tempo gemässigt. Das Tram passt sich dem Rhythmus an, schiebt sich gemächlich der Limmat entlang, den Zürichberg hinauf. Es scheint, als wolle es seine entschleunigte Stadt zeigen.

Diese Stadt saugt jeden ein, der sich nah genug heranwagt und packt ihn in einen Wattebausch von Anonymität. Die menschliche Vielfalt im Zentrum ist derart gross, dass jeder sofort dazuzugehören scheint. Wenn im St.Galler Bus eine schräge Figur grosse Reden schwingt, erntet sie irritierte Blicke. Hier ist das Alltag. Genauso wie die freihändig telefonierenden Fussgänger, die mit ihren seltsamen Gesten aussehen wie Schauspieler, die einen Monolog üben. Kein Stil, keine Marotte, keine Darstellung wirkt mehr ausgefallen oder übertrieben, wenn die Bühne gross genug ist und das Publikum schon derart viel gesehen hat wie hier in der City. So zumindest erlebt man es als Kurzaufenthalter. Dazubleiben, ein Leben in einem Quartier zu haben, vermisst zu werden, wenn man abreist – das ist eine andere Geschichte.

Zürich ist in den letzten zehn, zwanzig Jahren wahrhaft weltstädtischer geworden. Gemeint auch migrantischer, sprachenvielfältiger: Mehrfach hörten wir uns komplett unbekannte Sprachen, einmal im 8er-Tram wars vielleicht Georgisch, und die beiden Frauen im 32er-Bus (früher bös "Junkie-Express" genannt) plauderten wohl Kreolisch. Weltstadt bedeutet zwangsläufig zentraler Umschlagplatz fürs inländische Personal: Alle Schweizer haben hier zu tun, niemand kommt um Züri herum, ob namhaft oder nicht. Den Krokus-Kopftuch-Rocker Chris von Rohr sahen wir in einem nicht dreckigen Café nahe der Bahnhofstrasse. Der Chefgriesgram des Schweizer Films, Max Rüdlinger, hockte mittags, bestens gelaunt, am Nebentisch in der Flussbadbeiz "Panama" (wo wir by the way den Letten-Burger mit Chorizo empfehlen). Und Mike Müller legte abends seine Würste auf seinen Balkongrill neben uns an der Heinrichstrasse, gewiss TV-gesponsortes "Schweizer Fleisch". Von wegen Medienlieblingen: Der grossen "Republik"-Sause am Mittwoch im "Helsinki" blieben wir fern und entschieden uns für die "Bar 63".

Unsere Online-Umfrage hat übrigens gezeigt: Knapp 14 Prozent lieben Zürich und fahren so oft wie möglich hin. 31 Prozent finden Zürich ganz ok, fahren dann aber auch ganz gern wieder in den Osten zurück. 25 Prozent gaben an, dass sie schon seit Monaten nicht mehr in Zürich waren (und auch nichts vermissen). 26 Prozent finden: Zu laut, zu versnobt, zu teuer – Zürich ist nichts für mich. Und 4 Prozent haben zwar Vorurteile, wollen aber doch wieder mal nach Zürich.

Allerdings gibt es etliche St.Galler, die nicht nur für eine Woche nach Zürich fahren, sondern sich dort einnisten, sanft das Zepter übernehmen – wie der Buchser Untergrund-Club-Betreiber Tom Rist, das Musical-Erfolgsduo Flaschka/Riklin ("Ewigi Liebi"), Peter Nobel, Profi-Verwaltungsrat Bruno Gehrig (Swiss, Swiss Life, Roche, UBS). Diese Liste ist natürlich nicht einmal annähernd vollständig. Dann gibt es noch jene, die Zürich und den Rest der Schweiz von St.Gallen aus dirigieren – unauffällig und ohne Brimborium. Das Schweizer Branchen-Netzwerk der Modegeschäfte etwa ist nicht in Zürich beheimatet, die Geschäftsstelle der Swiss Fashion Stores hat ihren Sitz in St.Gallen (Swiss Fashion Day und Delegiertenversammlung freilich fanden diese Woche in Zürich statt). So bleibt die Ostschweiz den Zürchern fremd. Gut so. So können wir unentdeckt weiter an der Unterwanderung und Übernahme der Weltstadt arbeiten.

Tschüss, bis bald, bei uns.
Euer Ressort Ostschweiz