OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: Der «Ihr seid ganz okay»-Tenor

Unser heutiger Kolumnist, Hannes Nussbaumer, schreibt über Reaktionen, mit welchen man als Ostschweizer von den Zürchern empfangen wird und warum Giorgio Continis Haarschnitt für weniger Kommentare sorgt als der von Jeff Saibene.

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Wer sich in Zürich mittels Wimpel als FCSG-Anhänger ausweist, muss mit Kommentaren rechnen. (Bild: Benjamin Manser)

Wer sich in Zürich mittels Wimpel als FCSG-Anhänger ausweist, muss mit Kommentaren rechnen. (Bild: Benjamin Manser)

Ich bin vor 15 Jahren von St.Gallen nach Zürich gezogen. Eine Ost- West-Verschiebung um 86 Kilometer ist ein grosser Schritt für einen selbst, aber nur bedingt für die Menschheit. Oder etwas weniger pathetisch formuliert: Es ist Zürichs Einheimischen reichlich egal, woher man zugewandert kommt. Das ist durchaus nachvollziehbar: Es wandern ja ziemlich viele zu.

Zürich ist eine Einwanderungsstadt, in der ein Sammelsurium von Zuzügern aus dem In- und Ausland zusammenlebt. Bezeichnend dafür: Vier der neun amtierenden Zürcher Stadträte sind nicht in der Schweiz auf die Welt gekommen, drei nicht einmal in Europa. Ein Fünfter hat zwar einen Schweizer Geburtsort, doch liegt dieser in einem derart entlegenen Walliser Bergtal, dass man auch ihn zur Exotenfraktion zählen darf. Diese Fraktion stellt damit im Stadtrat die Mehrheit. Der Stadtrat ist, was Zürich ist: eine multiethnische Zone. Diese funktioniert nicht immer reibungslos, aber doch einigermassen entspannt. Und das ist sehr angenehm.

Ganz reaktionslos verläuft ein interkantonaler Transfer wie der meinige aber natürlich trotzdem nicht. Kommentiert wird – wen wundert’s? – erstens die Sprache. Dass ich dem Käsekuchen nicht «Wähe», sondern «Fladä» sage, hat schon manche Runde erheitert (merkwürdig, wie wenig es braucht, um die Zürcher zu erheitern…). Inzwischen habe ich ­gelernt, dass ein «Fladä» für einen Zürcher nicht nur ein Kuhdreck ist (ist er für uns ja ebenso), sondern auch ein Autounfall. Unser Hang zum Ä-Laut amüsiert generell – zum «Fladä» kommt der «Ballä» hinzu. Höhepunkt der Heiterkeit ist jeweils das Triple-Ä-Wort: «Es tschädärät.»

Kommentiert wird zweitens der kleine Wimpel in meinem Büro, der mich einwandfrei als Anhänger des FC St.Gallen ausweist. Allerdings hat der Spott des hochgeschätzten Kollegen S. aus dem Sportressort seit dem Abschied von Jeff Saibene etwas an Biss verloren: Genüsslich pflegte er mir jeweils zu schildern, wie Saibenes Frisur – laut S. dank sehr grosszügig dosiertem Haarfestiger – auch bei noch-so-strömendem Regen stabil geblieben war. Zumindest punkto Frisur gibt Giorgio Contini eindeutig weniger her.

Es sind harmlos-freundliche Spötteleien, die man als Ostschweizer in Zürich erlebt, gut erträglich, zumal immer der «Ihr seid ganz okay»-Tenor mitschwingt. Trotzdem (oder gerade deswegen) sollte uns Ostschweizern dieser Welt der Subtext dieser Wahrnehmung ein bisschen zu denken geben. Der Zürcher findet den Ostschweizer «nett» – nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Wahres Interesse, echte Neugier, ernsthafter Respekt klingen anders. Und tatsächlich fällt auf: Die Ostschweiz, obschon nur einen Katzensprung entfernt, ist für viele Zürcher Terra incognita. Und die Lust, daran etwas zu ändern, ziemlich limitiert.

Man kann es sich natürlich einfach machen und finden: arrogantes Pack, diese Zürcher. Dabei hat St.Gallen ein Fussballstadion, von dem Zürich nur träumen kann. Dabei hat sich Pippa Middleton in einem Kleid aus St.Galler Stickereien trauen lassen. Dabei hat die Ostschweiz Berge, gegen die Üetliberg und Schnebelhorn einpacken können – und einen See, in dem der Zürichsee mehrfach Platz fände.

Und doch: Weshalb der Blick von aussen auf die Ostschweiz nicht neugieriger, leidenschaftlicher, emotionaler, kontroverser ist – diese Frage könnte man auch selbstkritisch angehen. Ambitionierte Architektur? Mut – auch Mut zum Risiko? Lust auf Innovation, vielleicht gar auf etwas Frivoles, Freches? Fehlanzeige. Die Ostschweiz, so hat man den Eindruck, gleicht einer unterbewerteten Aktie. Geduldig wartet man östlich von Winterthur darauf, dass sich daran etwas ändert. Dass jemand das schlummernde Potenzial wachküsst. Doch von selbst wird das nicht passieren.