OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: Der Eingewanderte

Er prägt das Kulturleben der Ostschweiz seit Jahrzehnten mit: Schlagzeuger Hans Peter Völkle, aufgewachsen in Zürich-Wollishofen, kann sich eine Rückkehr in seine Heimatstadt nicht vorstellen – auch wenn ihm in St.Gallen manches Sorgen bereitet.

Adrian Vögele
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"Das Netzwerk hier möchte ich auf keinen Fall aufgeben": Hans Peter Völkle in der St.Galler Tonhalle. (Bild: Hanspeter Schiess)

"Das Netzwerk hier möchte ich auf keinen Fall aufgeben": Hans Peter Völkle in der St.Galler Tonhalle. (Bild: Hanspeter Schiess)

Adrian Vögele

adrian.voegele

@tagblatt.ch

Für das Konzertpublikum war er nicht zu übersehen. Und zu überhören erst recht nicht: Hans Peter Völkle gab dem St.Galler Sinfonieorchester als Pauker den Puls – über Jahrzehnte, bis zu seiner Pensionierung 2015. Nebenbei unterrichtete er, engagierte sich als Gewerkschafter und verfolgt eigene Musikprojekte. Der gebürtige Stadtzürcher ist eine feste Grösse im hiesigen Kulturleben, nicht nur seiner Statur wegen. Dabei träumte er damals als Jugendlicher in Wollishofen überhaupt nicht von einer Musikkarriere. Und schon gar nicht von der Ostschweiz.

«Ich wollte unbedingt Lokführer werden», sagt Völkle. «Darum machte ich eine Elektromechaniker-Lehre.» Doch in den Werkstätten der SBB brach sich der Rhythmus die Bahn. «Ich fing an, mit Schraubenziehern vor mich hin zu trommeln. Ein Arbeitskollege wurde darauf aufmerksam und sagte: ‹Komm doch in den Tambourenverein!›» Von diesem Moment an war die Weiche umgelegt: Völkle spielte mit Begeisterung Basler Trommel. Zugleich stieg er in Rockbands ein. «Ich behauptete, ich könne Schlagzeug spielen, was anfangs nicht stimmte.» Bassist in einer der Bands war Res Strehle, der spätere Chefredaktor des «Tages-Anzeigers».

Rock hin oder her: Ein Rebell war Völkle in seiner Zürcher Jugend nicht, den Ereignissen rund um 1968 ging er eher aus dem Weg. Seine persönliche Rebellion bestand darin, dass er dem Rat eines Korporals in der Tambouren-RS folgte und sich für ein Studium am Konservatorium entschied. Der Vater, Buchhalter von Beruf, hatte keine Freude. Doch Völkle liess sich nicht beirren. Nach einer grotesken Aufnahmeprüfung – «es gab keine Schlaginstrumente, ich trommelte auf den Tisch» – und einer schwierigen Anfangsphase mit wenig Fortschritten fand er den richtigen Lehrer, übte acht Stunden am Tag, wurde besser und besser.

Auch am Ende des Studiums war die Wahl des künftigen Wohnorts für Völkle kein Thema. «Ich wollte in einem Berufsorchester spielen. Diese Stellen sind rar, den Arbeitsort kann man sich nicht aussuchen.» Er bewarb sich in halb Europa, tingelte von Probespiel zu Probespiel. Im April 1977 klappte es – ausgerechnet in St.Gallen, aus Musikerperspektive quasi vor der Haustür. «Der Pauker des Orchesters war von einem Tag auf den andern davongelaufen.» Der Gedanke, für länger in St.Gallen zu bleiben, behagte dem Zürcher anfangs allerdings nicht: «Ich dachte: Vielleicht finde ich ja bald etwas anderes.» Zürich mit seinem reichen Kulturleben blieb eine Verlockung, und ein halbes Jahr später bewarb sich Völkle um eine Stelle am Opernhaus. «Daraus wurde aber nichts.»

Ungeahnte Chancen im Osten

Wie begegnete St.Gallen damals dem zugewanderten Schlagzeuger? «Zunächst einmal war ich überrascht dar­über, wie viele Zürcher bereits hier lebten. Und im Orchester und am Theater arbeiteten ohnehin Leute ganz unterschiedlicher Herkunft, da war ich als Zürcher kein Exot.» Für Völkles Metier bot St.Gallen zudem eine ungeahnte Chance. «Im Bereich des klassischen Schlagzeugs gab es hier fast nichts: keine Ensembles, keine Lehrer. Auch im Orchester war noch viel Luft nach oben. Anders in Zürich: Da waren bereits viele Leute am Werk und die Nischen schon besetzt.» Zusammen mit seinem Schlagzeugerkollegen im St.Galler Orchester, Ernst Brunner – auch er stammt aus Zürich –, begann Völkle eine eigentliche Aufbauarbeit in der Ostschweiz. Zugleich engagierte er sich gewerkschaftlich – und eckte rasch an. «Die Grundstimmung war konservativ. Ich merkte, dass Erfolge nur in kleinen Etappen zu erreichen waren.» So rangen Völkle und seine Kollegen beispielsweise lange darum, dass Jobsharing im Orchester möglich wurde. Der Pauker setzte die Gewerkschaftsarbeit über all die Jahre bis zu seiner Pensionierung fort, zuletzt auch auf nationaler Ebene. «Diese Tätigkeit hat mich politisiert – viel mehr als 1968.»

«St.Gallen verliert an Glanz und Attraktivität»

Zu Zürich hat Völkle weiterhin Kontakte – eben ist er von einer Island-Reise mit einem Freund aus alten Rockband-Tagen zurückgekehrt –, und er mag die Stadt nach wie vor. «Es ist sagenhaft, wie sich Zürich entwickelt hat, beispielsweise im Westend. Zwar scheint mir die Stadt heute anonymer als früher. Aber sie pulsiert. Sie hat eine belebte Innenstadt und zugleich wunderschöne ruhige Ecken. Und natürlich den See. Den vermisse ich als Wollishofer.» St.Gallen sei familiärer als Zürich – «aber zugleich verliert die Stadt nach und nach an Glanz und Attraktivität. Das macht mir Sorgen. Es gibt beispielsweise immer weniger Läden in der Altstadt. Da müsste etwas geschehen.»

Trotzdem: Eine Rückkehr nach Zürich kommt für Hans Peter Völkle und seine Familie nicht in Frage. «Dafür sind wir hier zu sehr verwurzelt. Die Beziehungen und das Netzwerk hier möchte ich auf keinen Fall aufgeben.» Kommt hinzu, dass er ein ganz und gar untypischer Zürcher ist, zumindest wenn man dem Klischee folgt: «Ich hasse es, mich schnell zu bewegen.» Völkle hat die Zeit stets im Griff und vermeidet damit jede Hetzerei. Verkehrsmittel benutzt er selten, er geht am liebsten zu Fuss, mit der Tabakpfeife im Mund. «Dafür ist St.Gallen mit seiner Grösse gut geeignet.»