OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: Das hysterische Ratschen beim Öffnen der Freitag-Tasche

Woran erkennt man den echten Zürcher? Was ist das typische Zürcher Geräusch der letzten 20 Jahre? Und was fällt den Kollegen spontan zu St.Gallen ein? Der Ostschweizer Thomas Widmer, Kolumnist beim Tagesanzeiger, hat sich in der Firmen-Kantine umgehört.

Thomas Widmer
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Thomas Widmer, Jahrgang 1962, aufgewachsen in Stein und Hundwil, in Zürich tätig seit 1995. Hintergrund-Redaktor und Kolumnist beim «Tages-Anzeiger». (Bild: PD)

Thomas Widmer, Jahrgang 1962, aufgewachsen in Stein und Hundwil, in Zürich tätig seit 1995. Hintergrund-Redaktor und Kolumnist beim «Tages-Anzeiger». (Bild: PD)

In der Kantine des «Tages-Anzeigers» stellte ich für diesen Artikel einen echten Zürcher. Die gibt es tatsächlich im Vielvölkergebilde Zürich, wo es von unnatürlich braunen Skilehrertypen aus Flims wimmelt. Von getarnten Glarnern, die sich verraten, wenn sie für «schön» einmal «schü» sagen. Von jovialen Bernern, die stets einen Kuno-Song summen. Und von säuerlichen Baslern, den Menschen mit dem schlimmsten Mehrwertigkeitskomplex im Land. Spricht man sie auf Basel an, läuft ein halbstündiges Referat ab mit den wiederkehrenden Wörtern Läckerli, Rocheturm, Novartis, FCB, Morgestraich.

Den echten Zürcher erkennt man in dem Durcheinander der Ethnien an der Sprache, er sagt für Fenster «Feischter». In der Tagi-Kantine stelle ich also ein solches Exemplar und bitte den Kollegen, mir spontan zu sagen, was ihm zu «Ostschweiz» und «St.Gallen» einfällt – darüber nämlich wolle ich etwas schreiben.

Thomas Widmer, Jahrgang 1962, aufgewachsen in Stein und Hundwil, in Zürich tätig seit 1995. Hintergrund-Redaktor und Kolumnist beim «Tages-Anzeiger». (Bild: PD)

Thomas Widmer, Jahrgang 1962, aufgewachsen in Stein und Hundwil, in Zürich tätig seit 1995. Hintergrund-Redaktor und Kolumnist beim «Tages-Anzeiger». (Bild: PD)

«Min Vatter isch en Appizäller», singt der Kollege los. Danach fällt ihm nicht mehr viel ein. Ah, Halt, doch: der Säntis. Er sei auch noch auf einem anderen Berg in der Gegend gewesen, mit dem Bähnli. Auf welchem, weiss er nicht mehr. Aber total den Plausch habe er oben gehabt. So ist das in Zürich: Dessen Leuten fällt in der Regel wenig ein zur Ostschweiz. Und «St.Gallen» bewirkt oft bloss einen Satz à la «Ja, da kam ich glaubs mit der Freundin durch, als wir nach München zum Shoppen fuhren.»

Nun leite man in der Ostschweiz bitte daraus nichts allzu Negatives ab. Die Zürcher sind lieb, kann ich entwarnend verkünden. Es ist bloss so, dass ihr Sinnen und Trachten sich eher auf ihnen angemessene Städte wie London oder L. A. richtet. Ortslose Globalakteure wie der – mittlerweile ein wenig verblühte – Trendsetter Tyler Brûlé sind es, die ihnen Eindruck machen.

Das typische Zürcher Geräusch der letzten 20 Jahre? Das ist nicht der Wellenschlag der Limmat an der Schipfe und nicht das Kurvenkreischen der Trams am Central. Sondern das hysterische Ratschen beim Öffnen der in Zürich geborenen Freitag-Tasche, die sich an den Taschen der New Yorker Velokuriere inspirierte.

Die Zürcher ticken nicht geografisch. Sie wollen nicht wissen, ob du aus Wattwil bist oder aus Wanne-Eickel. In Zürich zählt nicht, woher du kommst. Sondern dass du jetzt auch in Zürich bist. Das ist angenehm, wenn man sich andere Städte der Schweiz vor Augen führt. Knapp 20 Jahre habe ich armer Appenzeller in Bern gelebt. Ich kann mich erinnern, was für ein Theater die Berner einmal veranstalteten, als ein neuer Moderator im Lokalradio schändlicherweise hörbar aargauerte. Die Berner sind Berndeutsch-Fetischisten. Sie wähnen auch, dass Zürich keine Altstadt habe, und schlagen dieses zur Ostschweiz, von der sie meinen, dass es dort nichts gebe, was ihrem Zytglogge, ihrer Aare und ihrer träfen Mundart auch nur entfernt gleichkäme.

Also, nicht tragisch nehmen, liebe St.Galler, wenn ihr in Zürich ganz viele Leute trefft, denen zu eurer Stadt wirklich nur «mmmmh, Bratwurst» in den Sinn kommt. Immerhin ist die Assoziation positiv. Und anders als die Leute anderer Schweizer Städte habt ihr nun einmal keine funktionierende Verkaufserzählung parat. Keine Fixrede, die begründet, warum St.Gallen das Grösste auf Erden ist. Übergeordnet aber gilt dies: Zürich ist die Chance, dem Kantönligeist ein für allemal zu entkommen.

Das typische Zürcher Geräusch der letzten 20 Jahre ist das hysterische Ratschen beim Öffnen der in Zürich geborenen Freitag-Tasche. (Bild: Keystone)

Das typische Zürcher Geräusch der letzten 20 Jahre ist das hysterische Ratschen beim Öffnen der in Zürich geborenen Freitag-Tasche. (Bild: Keystone)

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