OSTSCHWEIZ IN ZÜRICH: Aus dem Tümpel getrunken

Das Kleinste an Zürich ist sein See. Doch der, von Bodenseebuben oft verlacht, ist nicht zu unterschätzen, wie unser Autor erfährt – leider nur auf einem Motorschiff und nicht beim Segeln.

Marcel Elsener
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Plauschregatta im Zürcher Seebecken: J70er-Boote des Zürcher Segel-Clubs am Dienstagnachmittag bei schönem Leichtwind. (Bild: Benjamin Manser)

Plauschregatta im Zürcher Seebecken: J70er-Boote des Zürcher Segel-Clubs am Dienstagnachmittag bei schönem Leichtwind. (Bild: Benjamin Manser)

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Tümpel, Weiher, mehr Fluss als See. Zu klein, zu schmal, die Landschaft zu eng, schmerzlich überbaut und privatisiert seine Ufer. Hübsch allenfalls die Bananenform, die drei winzigen Inseln und der Neuntel St. Galler Gewässer auf dem Obersee (haha). So schnöden Bodensee-Anwohner über den Zürichsee. Kein Vergleich mit dem grossen, weiten Bodensee, zweitgrösster See Mitteleuropas, der nicht umsonst (leider Schwäbisches) Meer genannt wird. Gewiss schwingt Häme mit: So eine grosse Stadt und so klein ihr See! Ausgerechnet die grossspurigen Zürcher, über die in Variationen der alte Witz kursiert: Was sagt ein Zürcher, der zum ersten Mal den Eiffelturm (die Pazifikküste, die Sahara) sieht? «Nett, aber hab ich mir grösser vorgestellt.» Die haben den Minisee verdient.

Hat man auf dem Tümpel ein echtes See-Erlebnis? Kann man darauf segeln? Man kann. Schnell lernen nach Zürich gezogene Bodenseemenschen ihr Vorurteil zu revidieren. «Vom Üetliberg aus erscheint der See wie ein Zürifluss», sagt eine Arbonerin. «Aber wenn du draussen bist, kommt er dir grösser vor, du kannst genauso abschalten wie auf grösseren Seen.» Dem Windvergleich mit dem Bodensee, wo laut Seglerlatein «oft kein oder dann zu viel Wind» ist, halte der Zürisee stand. «Bei Bise würde ich gar vom schönsten Wind der Schweiz reden.» Schwierige Winde herrschen im Becken vor Zürich, wie ein Rorschacher spüren musste: «Mit einer Mietjolle vor dem Seebad Enge kaum die Tücher gesetzt, erfassten uns böse Böen: Baum an Grind, Brille verloren, Segeln bald abgebrochen.» Die Abneigung gegenüber dem Zürisee geblieben: «Der zweite Schlag war eine abgebrochene Jollenregatta – es hatte bei Leichtwind schlicht zu viele Motorbootwellen. Grauenhaft.» Lieber als der Zürisee sind ihm die stadtnahen motorbootfreien Greifensee und Pfäffikersee, «beides kleine Idyllen».

Hinaus auf den Tümpel, zum Segeltest. Leichter gedacht als getan: Die Zuzüger winken alle ab. Jeder hatte mal ein Boot oder kennt noch einen, der eins hat, aber nicht mehr oder nicht mehr hier, und so weiter. Schön wäre es im Boot mit dem Schriftsteller Peter Weber, Toggenburger in Zürich, aber nein: Er war zwar vor Jahren «an einem Fischerböötli beteiligt, inkl. Patent», das sei aber erloschen und er sowieso im Ausland. Weber schwärmt von der «Blaugrünfahrt» und empfiehlt die S2 von Rappi nach Züri, die das Ufer berührt, «beste Arbeitsstrecke ever». Keine Segelchance auch beim Zürcher Musiker Boni Koller, der kürzlich ein Segelselfie durch die sozialen Medien schickte. Nur das Boot eines Jugendfreundes, auf dem er ab und zu mit dürfe. Klar, sei er mit dem See verbunden; als Drittklässler in Wollishofen zur Schwimmlektion ab 16 Grad ins Seewasser geschickt; sogar den Segelschein hat Koller gemacht, damals in den bewegten 80ern, aber eben: kein Boot.

Beim Wintersegeln kein Dichtestress und keine Motorbootwellen

Schliesslich findet der St.Galler Reporter einen Zürisegler: Christian Wiskemann, 53, aufgewachsen in Männedorf und seit der Jugend Segler unterschiedlichster Bootsklassen, kennt seinen See in- und auswendig, von Regattas, Plauschläufen, Familientörns. Er segelte in der Ost- und Nordsee, nahm an der WM in Sydney teil, wurde auf dem Silvaplanersee Schweizer Meister und überquerte zu zweit auf einem Katamaran den Atlantik. Und jetzt sagt er beim Zmittag mit Badezeugs im oberen Flussbad Letten: «Ich bin sehr gern auf dem Zürisee, so oft wie möglich.» Fast jeden Dienstagabend segelt er mit Kollegen vom Zürcher Segel-Club im Seebecken zwischen Zürihorn, Wollishofen und Quaibrücke einige Läufe auf dem Ing­ling, «man trifft sich auf dem Wasser, eine fantastische Institution, es braucht weder Mails noch Whatsapp-Aufrufe». Selber besitzt er eine Surprise, ein Yächtchen mit vier Schlafplätzen, auf der er mit Frau und Kindern schon zehn Tage auf dem Zürisee unterwegs war. «Ja, geht wunderbar, es hat viele schöne Stellen und Häfen.» Der Bootsdichtestress an Sommerwochenenden macht Wiskemann weniger zu schaffen als die Motorbootwellen, «da kann es einem abstellen». Umso mehr schätzt er das Wintersegeln: «coole Stimmungen, fast keine Boote, ab und zu ein schöner Föhn, der hier sonst nur als Sturm oder Windverhinderer auftritt.» Der Biologe lobt die Wasserqualität; er stillt den Segeldurst zwischendurch mit Seewasser und kocht es für Tee ab.

Die Segelpartie mit Wiskemann und ein Besuch im just hundertjährigen ZSC (der sich zum nobleren Zürcher Yacht-Club verhält wie der FCZ zu GC) fällt dann jäh ins Wasser, also bleibt ein Kursschiff. «Nur nicht mit der Panta Rhei, das ist ein Gefängnis», warnt ein Freund, doch der Mann am Bürkliplatz-Schalter, der soeben «Schiffszuschlag» auf Spanisch erklärte, winkt lachend ab. «Den Wintergarten bringen wir nur für die langen Rundfahrten.» Netter Übername für das Unding. Den «Short Round Trip» fährt die «Üetliberg», an Bord Chinesinnen, Südamerikaner und eine englische Hipsterfamilie, fürs «Happy Cruising on Lake Zurich», wie der Lautsprecher verkündet. Der Trip führt zunächst an die ärmere «Pfnüselküste», von Thalwil geht’s rüber, die zwei Kilometer (könnte man auch schwimmen) an die reichere Küste. Erlenbach, ehemaliges Weinbauerndorf, ein Rebhang zeugt noch davon. Wie die meisten Ortschaften hier wandelte es sich nach dem Bau der Eisenbahnstrecke Zürich–Rapperswil (1894) «zur Villen- und Gartenvorortsgemeinde von Zürich», wie es in der Infobroschüre heisst. Aha, das ist sie jetzt, die Goldküste, vom See aus. Villa an Villa, alt und neu, unterbrochen nur von Anlegestellen und kleinen Badanstalten, der öffentliche Grund verschämt eingepfercht. Anschaulich begreift man, warum hier ein Seeuferweg umstrittener und schwieriger zu realisieren ist als anderswo. Wer nichts besitzt, hat hier nichts zu suchen. Geschlossene Gesellschaft. Hübsch, aber todlangweilig kann das wirken. Der Ostschweizer Filmemacher Peter Liechti, der für «Hans im Glück» von Zürich nach St. Gallen lief, um sich das Rauchen abzugewöhnen, beschrieb es mit herrlichem Groll: «Von Zollikon über Küsnacht, Erlenbach und Herrliberg nach Meilen. Es treibt mich förmlich den See hinauf. Ich kann mir nichts vorstellen, das mich weniger inter­essieren könnte als die Dörfer hier am See. Herausgeputzt wie reiche alte Weiber, wuchern sie dem Ufer entlang und warten auf milden Sonnenschein.» Später notiert Liechti in Rapperswil: «Ein Tag Fussmarsch von Zürich, und schon ist man im Kanton St. Gallen. Sofort wird alles billiger, schäbiger und provinzieller – und trotzdem um einiges netter als diese entsetzliche Zürcher Küste. Und vor allem: Es hat wieder Kneipen!»

Darauf einen gespritzten Weissen und Baby Jails «Rapperswil» auf den Lippen, dann ist die Schnupperfahrt vorbei. Gern hätte man die Halbinsel Au passiert und die Vierkilometer-Weite gesehen. Doch der Zürisee hat an Konturen gewonnen. Er ist übrigens gegenüber dem Bodensee zeitlich im Vorteil: Der Grosse verschwindet schon in 40000 Jahren, derweil der Kleine 10000 Jahre länger lebt. Und tatsächlich schmeckt das Züriwasser: Der Testschluck, abends in Nähe Rote Fabrik, führte nicht zu Magenkrämpfen. Fazit: Unterschätze nie einen Zürcher, und wenn er noch so klein ist. Und trotzdem stehe ein Zürcher auf die Rorschacher Hafenmauer, im Sonnenuntergang, egal welche Saison: einmalig, weiter geht der Blick übers Wasser nicht, in der Schweiz.