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OSTSCHWEIZ: IHK übergibt ihr textiles Erbe

Die Industrie- und Handelkammer St. Gallen-Appenzell möchte das Textilmuseum St. Gallen sowie die Hälfte ihres Stiftungsvermögens an eine neue Stiftung übertragen. Eine Chance für die Modernisierung des Museums und Verpflichtung zugleich.
Marcel Elsener
Schöne Stoffe, reiche Geschichte: die Sammlungskuratorin des Textilmuseums, Barbara Karl, bei der Durchsicht verschiedener Stoffmuster. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 26. Juni 2017))

Schöne Stoffe, reiche Geschichte: die Sammlungskuratorin des Textilmuseums, Barbara Karl, bei der Durchsicht verschiedener Stoffmuster. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 26. Juni 2017))

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Das Textilmuseum St. Gallen ist eine der wichtigsten kulturhistorischen Institutionen der Ostschweiz. Auch wenn das Haus mit jährlich 30000 bis 40000 Besuchern nicht in der ersten Publikums­liga mitspielt, zählt es zu den Trümpfen von Weltrang und hat eine hervorragende Stellung für die regionale Geschichte und Identität (siehe Kasten). Nun steht das Museum vor einer Weichenstellung: Die Hausbesitzerin und wichtige Geldgeberin, die Industrie- und Handelskammer (IHK) St. Gallen-Appenzell, beantragt ihrer Generalversammlung, die Liegenschaft an eine neu zu gründende Stiftung Textilmuseum St. Gallen zu übertragen. Dazu soll die IHK-Stiftung die Hälfte ihres Vermögens, ihre Textilsammlung und die Textilbibliothek ebenfalls der neuen Stiftung vermachen.

Es geht um viel, sehr viel – um das textile Erbe der Ostschweizer Wirtschaft und um Vermögenswerte von gut 20 Millionen Franken, zusammengesetzt aus 8 Millionen des derzeitigen IHK-Stiftungsvermögens (insgesamt 16 Millionen) und des Marktwerts der Museumsliegenschaft an der Vadianstrasse, sprich 11,25 Millionen Franken.

Kulturauftrag nicht länger Aufgabe des Wirtschaftsverbands

Mit diesem Vorschlag würden die Vermögenswerte der IHK und der IHK-Stiftung, die bereits heute ausschliesslich für das Textilmuseum verwendet werden, in eine eigenständige Stiftung eingebracht, erklärt IHK-Präsident Peter Spenger. Es sei eine nach «zähen und langen Verhandlungen» erarbeitete «sehr gute Lösung und Win-win-Situation» für alle Beteiligten. Dem pflichtet Vincenzo Montinaro, Präsident der IHK-Stiftung, bei: Er spricht von einem «Wurf», wenn das «textile Erbe unter einem Dach» zusammengeführt werden könne. Endlich, darf man sagen, denn die Entflechtung der komplizierten Strukturen wird seit Jahren diskutiert, erst recht nach dem sparbedingten Verzicht des Kantons im Jahr 2010, das Haus als Schweizerisches Textilmuseum zu positionieren. Die heutige IHK hat mit ihrer Vorläuferin und Museumsgründerin, dem Kaufmännischen Directorium, wenig gemeinsam, und das Textilmuseum wird längst nicht mehr als Ausbildungsstätte von Industrie und Gewerbe genutzt. Im Vordergrund stehe heute ein kultureller Auftrag, der sich «nur bedingt mit den statutarischen Aufgaben der IHK vereinbaren lässt», wie der Verband schreibt. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der IHK, der IHK-Stiftung und dem (2011 gegründeten) Verein Textilmuseum suchte deshalb nach einer Lösung, um «die nicht mehr sinnvolle Verflechtung zwischen verbandspolitischen und kulturellen Aufgaben aufzulösen». Demnach sollen die textilen Institutionen mit dem Wirtschaftsverband entflochten werden, nachdem 1991 bei der Fusion des Kaufmännischen Directo­riums und des Handels- und Industrievereins des Kantons und also der Gründung der IHK St. Gallen-Appenzell darauf noch verzichtet worden war. Gemäss Urkunde der IHK-Stiftung gilt bis heute, dass der Präsident und die Mehrheit der Stiftungsräte Vertreter der Textilwirtschaft sein müssen. Diese Bestimmung soll gestrichen werden und die Vermögenswerte und Aufgaben klar verteilt werden. Textilmuseum, Sammlungspflege und Bibliothek oblägen in Zukunft der neuen Stiftung Textilmuseum St. Gallen respektive dem Verein (Betrieb), derweil die IHK-Stiftung mit dem verbleibenden Vermögen ihren Auftrag, nämlich die Unterstützung der IHK «bei der Erfüllung ihrer öffentlichen und gemeinnützigen Aufgaben weiterhin erfüllen» könnte, wie es heisst – «ausserhalb des Textilmuseums», wohlgemerkt. Die IHK würde eine Liegenschaft abtreten, die sie selber nicht braucht und die sie dem Verein Textilmuseum bislang unentgeltlich zur Verfügung stellt. Zumal eine Sanierung ansteht: Verlangt sind Brandschutz- und Sicherheitsmassnahmen, zudem muss das Haus «entstaubt» und in ­Sachen Komfort, Licht, Lüftung, behindertengerechte Zugänge modernisiert werden.

Bereinigte Struktur verspricht neue Dynamik

Der Entscheid liegt nun bei den Mitgliedern; es ist an der GV im Juni die wichtigste Vorlage nebst einem grossen Wechsel im Vorstand. Präsident Spenger ist zuversichtlich, dass die sorgfältig aufgegleiste Lösung eine Mehrheit findet; im Vorstand sei der Beschluss «nicht einfach, aber einstimmig gewesen», sagt er. «Textiler und Nichttextiler haben eine akzeptable, tragfähige Lösung gefunden», meint auch IHK-Stiftungspräsident Montinaro, der als Präsident für die neue Stiftung gesetzt ist. «Jetzt haben wir die Chance, dem Textilmuseum jene Position zu verleihen, die ihm zusteht: ein textiler Leuchtturm mit internationaler Ausstrahlung.» Die neuen Strukturen schafften «ein gutes Fundament, um das Museum zu modernisieren. Es könnte Signalwirkung haben für die öffentliche Hand und private Sponsoren.»

Ähnlich hoffnungsfroh ist Tobias Forster, Präsident Verein Textilmuseum: Er verspricht sich von den bereinigten Strukturen eine «neue Dynamik». Der Verein wäre verpflichtet, «das Beste für ein zukunftsweisendes Museum zu machen». Eine Steilvorlage auch für Kanton und Stadt St. Gallen, die den Verein seit 2012 mit je 280000 Franken «unkompliziert grosszügig» unterstützen und im Budget weitere je 150000 Franken eingesetzt haben, zumindest bei der Stadt die neue Lösung vorbehalten. Schliesslich will das Museum parat sein, wenn es sich künftig wieder um Bundesgelder bewirbt: 2017 hatte es zwar gute Noten erhalten, so Forster, doch das Kriterium von 100000 Besuchern nicht erfüllt.

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