OSTSCHWEIZ: Grenzenloser Fleischschmuggel

Wer illegal Fleisch importiert, muss mit hohen Bussen rechnen. Das schreckt Schmuggler allerdings immer weniger ab. Sogar Hunderte Kilo Gammelfleisch wurden letztes Jahr in der Ostschweiz aus dem Verkehr gezogen.

Daniel Walt
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Wenn Schmuggler auffliegen: An den Grenzen beschlagnahmtes Fleisch. (Bild: pd)

Wenn Schmuggler auffliegen: An den Grenzen beschlagnahmtes Fleisch. (Bild: pd)

Der Einfallsreichtum der Schmuggler ist gross. "Einmal fanden wir Fleisch, das in der Motorhaube eines Autos versteckt war. Ob es gegart war oder nicht, entzieht sich meiner Kenntnis", sagt Peter Zellweger, Informationsbeauftragter bei der Grenzwachtregion II, zu welcher der Kanton Thurgau gehört. Auch unter Kindersitzen, auf denen Sprösslinge sassen, fanden Grenzwächter schon Schmuggelfleisch – genauso wie in Hohlräumen im Kofferraum, in denen normalerweise die Reserveräder versorgt sind. 

Nicht nur trickreich, auch unverfroren sind gewisse Menschen, die Fleisch in unser Land schmuggeln: So jener 33-jährige Syrer, der Anfang Jahr mit über 55 Kilo Fleisch sowie 56 Liter Öl und Margarine erwischt wurde. Nach der Einleitung eines Verfahrens wurde dem Mann am Grenzübergang gestattet, die Waren nach Deutschland zurückzubringen. Er fuhr tatsächlich in diese Richtung davon, wurde kurze Zeit später aber erneut in der Schweiz gestoppt – mit denselben Waren im Fahrzeug.

Der starke Franken
Der Fleischschmuggel habe in den letzten Jahren zugenommen, liess der Bundesrat kürzlich auf eine Interpellation des Schwyzer SVP-Nationalrats Marcel Dettling verlauten. Die nationale Tendenz lässt sich auch in der Ostschweiz beobachten: In der Grenzwachtregion II wurden 2012 96 Fälle von Fleischschmuggel über 10 Kilo registriert; ein Jahr später waren es 138 Fälle, im Folgejahr bereits 288 und 2015 sogar 403 Fälle. Ähnlich die Entwicklung in der Grenzwachtregion III, zu welcher die Kantone St.Gallen und Graubünden sowie das Fürstentum Liechtenstein gehören: Waren 2012 noch 138 Fälle von Fleischschmuggel über 10 Kilo registriert worden, waren es 2014 bereits 228 und 2015 sogar 313 Fälle. Die Zahlen für das Jahr 2016 sind noch nicht bekannt.

Der Hauptgrund für die Zunahme des Fleischschmuggels in der Ostschweiz ist laut Peter Zellweger derselbe wie auf nationaler Ebene: der Einkaufstourismus, der aufgrund des starken Frankens floriert und dazu verlockt, das eine oder andere Kotelett mehr als erlaubt mit nach Hause zu nehmen. Zudem wurden Mitte 2014 die Einfuhrmengen von Fleisch nach unten angepasst - erlaubt ist neu die Mitnahme von einem Kilo Fleisch pro Person.

300 Kilo Fleisch vernichtet
Neben dem Schmuggel von Kleinmengen für den Privatgebrauch haben Strafuntersuchen gemäss der Landesregierung gezeigt, dass illegal importiertes Fleisch auch weiterverkauft wird – beispielsweise an Gastrobetriebe, Detailhändler und Metzgereien (siehe auch Zweittexte). Wie viele Menschen Fleisch schmuggeln, ohne dabei erwischt zu werden, bleibt derweil völlig unklar: Zur Dunkelziffer machen die Behörden keinerlei Angaben. Der Bundesrat stellte in seiner Interpellationsantwort einzig fest, dass der Schmuggel rasch veränderlichen Faktoren unterliege wie Inlandpreis, Angebot und Nachfrage in der Schweiz, Einkaufspreis im Ausland und so weiter.

"Bei Schmuggelfleisch weiss man in der Regel nicht, woher die Ware stammt und unter welchen Bedingungen sie produziert und transportiert worden ist", sagt Peter Zellweger weiter. Bei der Bekämpfung des Schmuggels gehe es deshalb auch darum, gesundheitliche Risiken für die Konsumenten zu vermeiden. Ein krasser Fall wurde diesbezüglich im vergangenen Juli bekannt: Im Grenzraum des Kantons Schaffhausen entdeckten Grenzwächter im Kofferraum eines Personenwagens unter Baumaterialien über 300 Kilo ungekühltes Rind-, Kalb- und Truthahnfleisch, das teils schon über einen Monat abgelaufen war. Der Fahrer, ein 37-jähriger Türke, wollte keine genauen Angaben über den Verwendungszweck des Fleisches machen, das schliesslich vernichtet wurde.

Gebühren und hohe Bussen
Was passiert mit Schmuggelfleisch, das gesundheitlich unbedenklich ist? Fliegt der illegale Importversuch direkt an der Grenze auf, kann der verhinderte Schmuggler die Waren allenfalls wieder ins Ausland zurückbringen. Will er das Fleisch einführen, muss er Abgaben entrichten, die je nach mitgeführter Menge 17 oder 23 Franken pro Kilo betragen. Dazu kommt die Busse, die laut Peter Zellweger in etwa doppelt so hoch ist wie der zu entrichtende Zollbetrag. Wird das illegal importierte Fleisch erst nachträglich entdeckt, beispielsweise bei einer Hausdurchsuchung, sind Einfuhrgebühren und die Busse fällig. Bei Verdacht, dass lebensmittelrechtliche Bestimmungen nicht eingehalten worden sind, wird eine kantonale Behörde verständigt, welche auch hier die nachträgliche Vernichtung der Waren verfügen kann.
 

Schmuggelfleisch landet in Beizen und Metzgereien

Ruedi Bartel ist Präsident von Gastro Thurgau. Was sagt er dazu, dass Schmuggelfleisch laut den Behörden teils auf Tellern von Schweizer Restaurants landet? "Gastronomen, die Schmuggelfleisch anbieten, haben wohl ohnehin schon Probleme, zu überleben. Andere Betriebe können sich das schlicht nicht erlauben – das Risiko ist zu gross, der Ruf dahin, wenn es auskommt", sagt er. Die Versuchung, insbesondere im grenznahen Thurgau, sei allerdings gross: "In Deutschland kostet das Fleisch verglichen mit hierzulande einen Drittel. Und es gibt eine grüne Grenze", sagt Bartel. Deshalb werde der Einkaufstourismus und damit verbunden auch der Fleischschmuggel im Thurgau wohl intensiver betrieben als anderswo. Speziell aufklärend wirkt Gastro Thurgau bei seinen Mitgliedern aber nicht: "Jeder muss selbst wissen, was er macht – es sind alle alt genug", so Bartel. Verbandsausschlüsse drohen fehlbaren Restaurantbetreibern im Thurgau laut Bartel nicht – ausser der Schmuggel wäre im grossen Stil betrieben worden.
 
"Ich erinnere mich an einen Fall von Fleischschmuggel durch einen Gastrobetrieb im Kanton St.Gallen vor etwa 15 Jahren. Er diente der gesamten Branche als abschreckendes Beispiel." Das sagt Walter Tobler, Präsident von Gastro St.Gallen mit Verweis auf die seinerzeit ausgefällte Busse sowie die Reputation des Lokals, die dahin gewesen sei. Deshalb geht er davon aus, dass Fleischschmuggel durch Restaurantbetreiber im Kanton St.Gallen kein Thema mehr ist - Einzelfälle ausgenommen. Auch er sieht keine Notwendigkeit, die Verbandsmitglieder auf die Illegalität von Fleischschmuggel hinzuweisen: "Ich glaube nicht, dass wir ihnen sagen müssen, dass man das nicht macht – das weiss man einfach", hält er fest.

"Jeder Franken, für den Fleisch in die Schweiz geschmuggelt wird, tut den Fleischfachgeschäften und Mitgliedern unseres Fleischfachverbandes weh", sagt Lothar Ziegler, Präsident des Fleischverbandes St.Gallen – Liechtenstein. Er kennt Metzgereien und Verbandskollegen, deren Lage aufgrund des zunehmenden Einkaufstourismus ohnehin schon dramatisch ist – der Schmuggel von Fleisch in unser Land verschärft die Situation laut Ziegler noch. Dass auch hiesige Metzger unter den Schmugglern sind, glaubt Ziegler kaum, jedoch sei auch ein gewisser Reiz vorhanden, mehr Gewinn zu erzielen. "Eine Garantie, dass sich dazu niemand verleiten lässt, gibt es nicht. Jeder, der Fleisch illegal einführt, muss sich aber bewusst sein, welche geschäftlichen und privaten Konsequenzen dies zur Folge hätte", sagt er. Ziegler sieht es aber nicht als Aufgabe seines Verbandes, Prävention bei den Mitgliedern zu betreiben: "Jeder muss selbst wissen, dass er etwas Illegales tut, wenn er Fleisch schmuggelt", so Ziegler.
 
Werner Herrmann, Präsident des Regionalen Metzgermeisterverbandes Thurgau, spricht von Metzgereibetrieben, die wegen des Einkaufstourismus beziehungsweise Schmuggels von Fleisch bis zu 20 Prozent weniger Umsatz machen. Wenn Schmuggelfälle auffliegen, sind laut Herrmann zumeist Nichtverbands-Mitglieder betroffen – "ansonsten käme es zu einem Ausschluss des entsprechenden Metzgereibetriebs", sagt er. Jeder sei gebeten, sich an den Grundsatz zu halten, beim Fleischschmuggel nicht mitzumachen. "Insbesondere Dorfmetzgereien, bei denen der Name des Inhabers oben an der Eingangstür steht, können sich so etwas nicht erlauben", ist Herrmann überzeugt. Irgendwann komme es aus – und dann sei die Reputation dahin. Fleischkauf sei für Konsumenten Vertrauenssache, sagt er – umso schlimmer sei es, wenn Kunden und Mitarbeiter getäuscht würden. (dwa)