Ostschweiz exportiert 916 Sattelschlepper Hühnermist – Bauernpräsident Markus Ritter spricht von einer «sehr geringen» Menge

Ostschweizer Bauern halten immer mehr Hühner, obwohl sie den Mist nicht auf ihrem Land ausbringen können. Pro Natura kritisiert diese Praxis, Bauernverband und Industrie relativieren.

Serafin Reiber
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Misthaufen auf dem Areal des Vereins für Abfallentsorgung (VFA) in Buchs: In der Ostschweiz entsteht immer mehr Hühnermist.

Misthaufen auf dem Areal des Vereins für Abfallentsorgung (VFA) in Buchs: In der Ostschweiz entsteht immer mehr Hühnermist.

Bild: Serafin Reiber

22'896 Tonnen Hühnermist aus den Kantonen Thurgau, St.Gallen und den beiden Appenzell wurden allein 2019 weggeführt – in andere Kantone, aber auch ins Ausland. Das geht aus Zahlen des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) und der Umweltämter der Kantone Thurgau und
St.Gallen hervor, die dieser Zeitung exklusiv vorliegen
.

Belüde man damit Sattelschlepper mit einer Nutzlast von je 25 Tonnen, ergäbe dies einen rund fünfzehn Kilometer langen Konvoi, bestehend aus 916 Lastwagen, der auf der Autobahn von St.Gallen bis nach Arbon reichte.

Zehn Prozent davon (2318 Tonnen) oder 93 Sattelschlepper Hühnermist reisten 2019 in den «grossen Kanton». Das meiste landete in Süddeutschland auf Äckern und in Biogasanlagen. Es kam aber auch vor, dass 300 Tonnen Ostschweizer Hühnermist bis in den Raum Hannover oder nach Thüringen gefahren wurden. Bis dorthin sind es rund 700 Kilometer Autobahn.

Angenommen, es handelte sich dabei um einen modernen LKW der besten Schadstoffklasse mit einem Verbrauch von durchschnittlich 40 Litern Diesel pro 100 Kilometer, so käme ein CO2-Ausstoss von rund 1,3 Tonnen zu Stande – pro Fahrt.

Zwar führen die Lastwagen stets Stroh oder andere Landesprodukte zurück in die Schweiz. Trotzdem steht die Entwicklung im Widerspruch zur Bundesverfassung, die festhält: «Zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln schafft der Bund Voraussetzungen für eine standortangepasste und ressourceneffiziente Lebensmittelproduktion.»

Landwirtschaftsexperte: «Völlig falsche Anreize»

Das bestätigt Marcel Liner, Landwirtschaftsexperte bei Pro Natura.
Er sagt:

«Wir haben nach Neuseeland und Irland die besten Voraussetzungen, um aus Gras und Heu Fleisch und Milch zu machen. Trotzdem wird die Hühnermast gepusht, die nur mit Futtermittelimporten aus dem Ausland funktioniert. Das ist keine standortangepasste Produktion.»

Die Schweizer Landwirtschaftspolitik habe in den letzten Jahren völlig falsche Anreize gesetzt. «Eine Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft zeigte auf, dass über 42 Subventionen der Biodiversität schaden. Hinzu kommt, dass 80 Prozent der Subventionen in die tierische Produktion fliessen. Doch genau das ist falsch. Wir müssen den Anbau von pflanzlichen Proteinen fördern.»

Der Schweizerische Bauernverband torpediere eine ökologische Richtungsänderung mit dem Argument der Konsumpolitik. «Wenn es der Konsument wolle, soll er es auch bekommen, heisst es dann. Doch genau das ist falsch. Damit werden die Lösung der ökologischen Probleme von einer Generation auf die nächste verschoben, das ist keine zukunftsfähige Politik.»

Bauernpräsident Ritter: «Die Bestände bilden den Markt ab»

Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands.

Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands.

Bild: Peter Schneider, Keystone

Für Bauernpräsident Markus Ritter ist die Menge an exportiertem Hofdünger «sehr gering». «Wenn man sie in Bezug setzt zu den 40 Prozent der Lebensmittel, die in die Schweiz importiert werden, sieht man, wo die Abhängigkeit unseres Landes am grössten ist», schreibt er auf Anfrage. Die zunehmenden Geflügelbestände «bilden den Markt ab».

«Eier und Geflügelfleisch – insbesondere aus der Schweiz – werden von den Konsumenten zunehmend geschätzt und nachgefragt.» Weiter sei der Tierschutz bei der Hühnerhaltung wesentlich besser als im Ausland, die Tierbestände seien mit einer Höchstbestandesverordnung nach oben gedeckelt. «Das gibt es weltweit nicht», so Ritter.

Bewilligt wird, wenn die Bilanz stimmt

Das Amt für Umwelt des Kantons St. Gallen (AFU) betrachtet den Bau von Hühnerhallen in Gebieten ohne Ackerbau differenziert. Aus wirtschaftlicher Sicht sei die Entwicklung zu begrüssen. «Es werden zusätzliches Einkommen und Arbeitsplätze generiert und die Zukunftsperspektiven von Landwirtschaftsbetrieben verbessert», sagt Walter Richner, Leiter der Sektion Landwirtschaftlicher Umweltschutz beim AFU.

Ökologisch betrachtet sei die Mast im Berggebiet aber problematischer: «Praktisch das gesamte Futter für die bodenunabhängige Geflügelmast muss zugeführt werden. Futter- und Misttransporte führen zu Treibstoffverbrauch und Schadstoffemissionen. Zudem braucht das Heizen von Geflügelställen mittels fossiler Brennstoffe mehr Energie als im Talgebiet.»

Warum bewilligt der Kanton also trotzdem Hühnerhallen? «Der Kanton prüft bei einem Baugesuch die Zonenkonformität, die Einhaltung von Umweltschutzvorschriften und Auflagen des Tierschutzes. Ferner muss der Landwirtschaftsbetrieb eine ausgeglichene Nährstoffbilanz aufweisen. Erfüllt er diese Vorgaben, wird der Stall nach geltenden Gesetzen bewilligt. Ob der Mist ins Ausland gebracht wird, ist rechtlich nicht von Belang», so Richner weiter.

Eine vom Amt für Umwelt bewilligte Hühnerhalle in Wildhaus im Obertoggenburg.

Eine vom Amt für Umwelt bewilligte Hühnerhalle in Wildhaus im Obertoggenburg.

Bild: Serafin Reiber

Bell prüft Partnerbetriebe, Micarna nicht

27 Bauern in der Ostschweiz – neun im Thurgau und 18 im Kanton St.Gallen – mästen für die Migros-Tochter Micarna. Micarna sieht sich nicht in der Pflicht, die Düngebilanz ihrer Partnerbetriebe zu prüfen. «Es ist Bestandteil des kantonalen Bewilligungsprozesses für Mastflächen, dass der Landwirt den ökologischen Leistungsnachweis erbringen kann. Eine Prüfung durch uns erübrigt sich. Die Düngebilanz steht in der Verantwortung des Landwirts», schreibt Micarna. Zum Export von Hofdünger ins Ausland – so gelangt etwa der Mist eines Micarna-Betriebs im Obertoggenburg über Umwege nach Deutschland – nimmt die Micarna keine Stellung.

Bei Coop-Tochter Bell aber, auch sie ist in der Ostschweiz aktiv, muss ein Mastbetrieb zusätzlich zu den behördlichen Auflagen auch den internen Auflagen hinsichtlich einer ausgeglichenen Düngebilanz entsprechen. «Gemäss unseren Vorgaben muss mindestens die Hälfte des anfallenden Mists auf eigenem Land verwertet werden.» Daher setze man auf Produzenten in Ackerbauregionen, wo mehr Flächen zur Mistverwertung vorhanden sind, und nicht auf Bergregionen.