OSTSCHWEIZ: Es grünt an Weihnachten

Mythos Fällt der Schnee oder fällt er nicht? In den Tagen vor Weihnachten beschäftigt viele diese Frage. Und wie so oft werden die meisten auch dieses Jahr enttäuscht.

Alexandra Pavlovic
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Schnee an allen drei Festtagen hatte es in St.Gallen seit 1955 lediglich 21 Mal. (Bild: Meteo Schweiz/SGT)

Schnee an allen drei Festtagen hatte es in St.Gallen seit 1955 lediglich 21 Mal. (Bild: Meteo Schweiz/SGT)

«Schnee an Weihnachten? – es sieht nicht rosig aus», sagt Urs Graf, Meteorologe bei Meteo Schweiz, und lässt damit den Traum von weissen Weihnachten platzen. «Wir befinden uns noch immer in einer Hochdruckphase und bis zu den Festtagen wird sich die Wetterlage kaum verändern.» Die für den Schneefall nötige feuchte Kaltluft sei bisher ausgeblieben. Wie Klimatologe Stephan Bader erklärt, fliesse diese in der Regel aus Norden oder Nordwesten in die Schweiz. «Es ist aber sehr zufällig, ob sich diese Strömung genau auf die Weihnachtszeit hin einstellt oder nicht.»

Keinen Millimeter Niederschlag
Schuld am bislang schneelosen Dezember ist gemäss Urs Graf eine andauernde Hochdruckwetterlage. Diese mache es den Niederschlagsfronten unmöglich, in den Alpenraum vorzudringen. «Zwar gibt es in den aktuellsten Modellunterlagen Anzeichen dafür, dass das Hoch über Mitteleuropa ab den Weihnachtstagen zu schwächeln beginnt. Ob sich die Wetterlage längerfristig ändert, ist derzeit aber nicht vorherzusehen», sagt er. In der Ostschweiz ist im bisherigen Dezember kein einziger Millimeter Niederschlag gefallen. Am 27. November gab es letztmals Niederschlag. «Das ist besonders für die Berggebiete ein Problem», sagt Graf. Unterhalb von 2000 Metern gebe es praktisch keinen Schnee.

Wer glaubt, dass Schnee zur Weihnachtszeit früher die Norm war, irrt sich. «Die Erinnerung spielt uns einen Streich», sagt Meteorologe Graf. Vielfach würden wir uns eher an schneereiche, denn an schneearme Festtage erinnern. «Weisse Weihnachten sind statistisch gesehen eher selten.» Auch Klimatologe Stephan Bader stimmt dem zu: «Schnee an Weihnachten ist gar nicht so häufig.» Ein Blick in die Messreihe von Meteo Schweiz der Jahre 1955 bis 2015 verdeutlicht die Aussagen der Wetterexperten (siehe Grafik). Am 24., 25. und 26. Dezember war es in den letzten 60 Jahren oft grün in St. Gallen. Nur in rund 35 Prozent der Jahre hatte es Schnee an allen drei Festtagen. Letztmals im Jahr 2010. Mit einer Höhe von 51 Zentimetern lag am 26. Dezember 1981 am meisten Schnee.

Dass weisse Weihnachten auch früher selten auftraten, zeigt die weltweit erste gedruckte Weihnachtskarte aus England aus dem Jahr 1843. Diese kam noch ohne Schnee aus und mutete eher herbstlich an. Spätere Weihnachtskarten zeigten dann sehr oft Schnee.

«Wir kennen kein Weihnachtswetter»
Ein typisches Weihnachtswetter gibt es also nicht. «In der Meteorologie kennt man eher den Ausdruck ‹Weihnachts-Tauwetter›», sagt Klimatologe Stephan Bader. Dieses sei dafür verantwortlich, dass eine allfällig in der ersten Dezemberhälfte entstandene Schneedecke bis Weihnachten hin wieder schmelze.
Da der Atlantik als Wetterküche Europas im Dezember noch relativ warm ist, geht die winterliche Abkühlung des Meerwassers laut Bader langsam vor sich. West- und Südwestlagen würden entsprechend im Dezember noch milde Luft nach Mitteleuropa und in die Schweiz bringen. «Weisse Weihnachten gibt es hin und wieder, nur eben nicht so häufig, wie viele das gerne hätten.»

Wegen der spürbar milderen Dezembertemperatur verschlechtere sich seit den 1980er-Jahren die Ausgangslage für Weihnachtsschnee in tieferen Lagen. «Trotz dieser Erwärmung hat sich in den vergangenen Jahren in St. Gallen die Häufigkeit von weissen Weihnachten nicht verändert», so der Klimatologe. Das zeigen auch die Daten anderer Messstandorte im Flachland. Dominant bleibe offenbar der Zufall.

Entgegen allem: «Auch in Zukunft werden um die drei Weihnachtstage Strömungen mit feuchter Kaltluft aus Norden oder Nordwesten möglich sein», sagt Stephan Bader. Damit werde es in den nächsten Jahren also hin und wieder weisse Weihnachten geben.